Kultur : Die Postkutsche wartet, ich muss schließen

Die Reformbühne „Heim & Welt“ wird zehn Jahre alt: eine Kurzgeschichte über den Mobilfunkterror

Daniela Böhle

Gestern hatte ich Besuch von meinen Enkelkindern. Ich bin die Einzige, die sie noch persönlich besuchen, weil ich kein Handy habe. Dass sie sich den weiten Weg machen, hängt nicht unbedingt damit zusammen, dass sie mich so gern haben, da mache ich mir nichts vor. Es liegt eher daran, dass sie das eines Tages wiederum IHREN Enkelkindern erzählen wollen: „Stell Dir vor, meine Großmutter damals, die hatte nicht einmal ein Handy.“ Ja, ich habe auch immer davon geträumt, den letzten Neandertaler kennen gelernt zu haben.

„Oma, Oma, erzähl doch noch mal, wie das damals war, als es noch keine Handys gab!“ riefen sie, als wir am Kaffeetisch saßen. „Also“, habe ich angefangen zu erzählen, „damals waren die Telefonapparate an einer Stelle der Wohnung fest eingebaut. Von dieser einen Stelle aus konnte man dann telefonieren.“

„WAS!“, schrien sie, „nur von einer Stelle!“ Und meine älteste Enkelin meinte, „das ist ja irre, Oma, wie habt ihr denn euer Leben geregelt, wenn ihr nie die Wohnung verlassen konntet?“ Ich blickte sie irritiert an, „aber wieso das denn?“ „Na, wenn das Telefon fest installiert war, musstet ihr doch in der Wohnung bleiben, um erreichbar zu sein.“

„Na ja“, antwortete ich, „wir waren einfach nicht immer erreichbar“. Unter meinen Enkelkindern brach ein Tumult aus. „Wie, nicht immer erreichbar, ihr seid einfach ohne Telefon aus dem Haus gegangen? Und wenn dann jemand versucht hat, euch zu erreichen?“

„Dann musste die Sache eben verschoben werden“, sagte ich. „Dann hat derjenige einfach später noch mal angerufen.“ Wieder Tumult. „Und wie war das zum Beispiel im Supermarkt“, fragte mein jüngster Enkel, „wenn ihr da nicht telefonieren konntet, wie wusstet ihr denn dann, was ihr kaufen solltet?“

Ich klopfte mir gegen den Kopf. „Wir haben einfach überlegt.“ Meine Enkel starrten mich an, als hätte ich gesagt, dass wir damals auch fliegen und uns unsichtbar machen konnten. „Wie jetzt“, fragte meine älteste Enkelin, „überlegt“. „Oder einen Einkaufszettel geschrieben“, fügte ich hinzu. „Was ist denn DAS?“ riefen alle durcheinander. „Ein Zettel, auf den man schrieb, was man einkaufen wollte. Den hat man im Supermarkt dann abgearbeitet.“ Sie lachten, dass sie sich die Seiten halten mussten. „Hattest Du zum Rechnen statt eines Taschenrechners auch noch so ein Holzdings, bei dem man Perlen von einer Seite auf die anderen schieben konnte?“

„Ja, ja“, schrie die jüngste Enkelin, „so ein Ding habe ich zuletzt mit der Schule im Museum für Ur- und Frühgeschichte gesehen!“ „Nein“, sagte ich, „gerechnet haben wir meistens im Kopf.“ Wieder starrten sie mich an. „Na gut“, sagte mein jüngster Enkel etwas misstrauisch. „Aber wie habt ihr denn unterwegs Fotos gemacht und verschickt?“ „Gar nicht“, antwortete ich. „Das war nicht nötig. Wenn wir mal unbedingt Fotos machen mussten, dann haben wir einen Fotoapparat mitgenommen.“

„Ah“, schrie wieder meine jüngste Enkelin, „das kenne ich aus dem Museum für Ur- und Frühgeschichte! Das war so ein Monstrum, bei dem man einen Kasten auf drei Beinen aufgebaut und sich ein schwarzes Tuch über den Kopf geworfen hat“. Ich musste lachen. „Nein“, sagte ich, „das ist viel länger her. Wir hatten ganz normale handgroße Apparate“. „Aber wenn ihr euch ganz dringend etwas sagen wolltet?“ Meine älteste Enkelin kam wieder auf die Sache mit der Erreichbarkeit zurück. „Das ging dann doch nicht!“

„Nee“, stimmte ich ihr zu. „Wir konnten uns nicht ständig sagen, was wir gerade in diesem Moment unbedingt sagen wollten. Ich stehe hier vor dem Kaufhof, zum Beispiel.“ „Auch keine SMS schicken?“, fragte nun mein ältester Enkel. Ich schüttelte den Kopf. Alle stöhnten auf vor Mitleid. „Ihr konntet euch NICHTS schreiben?“ fragte meine älteste Enkelin. „Ah, doch“, sagte ich, „schreiben konnten wir uns schon, aber das wurde dann mit der Post verschickt.“ Post, das kannten sie nicht. Nicht einmal meine jüngste Enkeltochter aus dem Museum für Ur- und Frühgeschichte.

„Man hat etwas auf Papier oder auf eine bunte Karte geschrieben, also mit einem Stift mit der Hand.“ Die Kinder stöhnten wieder, das hatten sie mal für ein halbes Jahr im Geschichtsunterricht geübt, um mal zu spüren, wie es ihren Vorfahren gegangen war. Entsetzlich!

„Also“, fuhr ich fort, „wir haben etwas auf Papier geschrieben, in einen Umschlag gesteckt und drauf geschrieben, an wen wir das schicken wollten. Und eine der vielen Personen, die bei der Post arbeiteten, brachte dann den Brief dorthin.“ „Puh!“ rief mein jüngster Enkel, „das hat dann ja STUNDEN gedauert!“

„Tage“, sagte ich, „das dauerte mindestens einen Tag, manchmal länger“. Die Kinder johlten. „Ist ja irre!“ schrien sie, „einen Tag, haha, da kann man ja gleich persönlich hingehen!“ Das kam ihnen so lustig vor, dass sie sich schier ausschütteten. „Stimmt“, sagte ich, „wir haben uns regelmäßig persönlich getroffen“.

„Huhu“, jaulte meine älteste Enkeltochter auf, „gleich wirst du uns erzählen, dass ihr in der Kneipe nicht telefoniert habt, sondern geredet!“ Ich nickte. „Genau“, sagte ich. „Wir haben uns nicht gegenüber gesessen und telefoniert, wir haben miteinander gesprochen.“„Ui“, sagte mein ältester Enkelsohn mit schreckgeweiteten Augen. „Und was habt ihr gemacht, wenn die Person gegenüber blöd war oder langweilig? Dann konntet ihr ja gar niemand anders anrufen.“

„Also, ich glaube, wir haben uns nicht mit blöden Leuten verabredet.“ „Ihr habt vorher nachgedacht, was?“, fragte mein jüngster Sohn mit Blick auf die anderen Kinder. Sie prusteten. „Jawoll“, sagte ich. „Ich denke mal, wir haben vorher darüber nachgedacht.“

„Und wenn ihr auf dem Weg irgendwohin wart, was habt ihr denn dann gemacht, wenn ihr nicht telefonieren konntet? Nachgedacht?“ Die anderen johlten. „Oder einen Brief geschrieben, den ihr dann jemandem gleich mitbringen konntet, weil ihr euch ja eher getroffen habt, als dass ihr euch mit dem fest installierten Telefon erwischt habt?“

Es half nichts. Ich wollte ihnen gerade erklären, dass wir durchaus mal stolpern konnten, ohne das direkt am Telefon jemandem mitteilen zu müssen, dass wir an jemanden denken konnten, ohne eine SMS „Ich denk an dich“ zu schicken, und dass es uns meist auch ohne Handy gelungen ist, uns miteinander zu verabreden und uns während der Verabredungen gar nichts fehlte, wenn wir nicht gleichzeitig telefonieren konnten.

Als ich sagte, „manchmal hatte ich sogar Besuch und das Telefon klingelte. Dann bin ich natürlich nicht dran gegangen“, starrten mich meine auf dem Boden liegenden Enkelkinder entgeistert an. „Da hattest du eh schon so eine geringe Chance, mit einem fest installierten Telefon angerufen zu werden“, rief mein ältester Enkelsohn, doch da klingelte das erste Handy. Und als würden die anderen davon angesteckt oder herausgefordert, klingelten gleich danach alle anderen auch. Während alle telefonierten und dabei endlich wieder einen entspannten Eindruck machten, ging ich mit meiner Tasse in die Küche und blickte aus dem Fenster. „Grad blicke ich aus dem Fenster, und du?“, hätte ich als SMS an jemanden schreiben können. Blöd, ich habe einfach kein Handy.

Daniela Böhle, geboren 1970 in Köln, ist seit 2001 Mitglied der Reformbühne.

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