Kultur : Die Powerfrauen

JOSEPH WESTFALEN

Ein bißchen böse, supercool und garantiert männercharmeresistent wollen sie sein, die forschen Ladies der Republik: Mutmaßungen über ein ErfolgsmodellVON JOSEPH VON WESTFALEN"In einer von Männern dominierten Welt kämpft sie für Gerechtigkeit und Liebe." So oder so ähnlich heißt es immer von Fernsehserienheldinnen, die als Journalistinnen, Ärztinnen, Anwältinnen, Gutsherrinnen oder PR-Agenturinhaberinnen mit Schwung die Welt verbessern.Die Beschwörung der "noch immer von Männern dominierten Welt" ist vor allem eines: politisch hundertfünfzigprozentig korrekt.Keine Aussage ist wohlfeiler.Daß sich auf dieser Welt noch immer alles um die verdammten Männer dreht, ist eine maßlos mehrheitsfähige Meinung, sie könnte, so hübsch formuliert, vermutlich sogar in der Bildzeitung stehen und würde von fünf Millionen biertrinkenden männlichen Lesern goutiert und vielleicht sogar beifällig beklagt werden. Reumütige Männer haben als Song- und Drehbuchschreiber in büßerischen Schüben selbst dazu beigetragen, die eigenen Artgenossen als Grobiane, Flaschen, Feiglinge, Lügner und Zerstörer darzustellen.Nach dem Ende des Kalten Kriegs ist es mit der Unterscheidung von rechts und links und dem Ausmachen des Feindbildes etwas schwierig geworden.Der Krieg der Geschlechter aber ist uns geblieben. Die Frau auf der Höhe der Zeit erscheint als vitale Rächerin mit Handy, die Fäden in der Hand, alle Sympathien auf ihrer Seite, ehrlich und sexy.Sie vereint immer Herz und Hirn, hat immer Grips und Busen und Charme, vor allem ein unerschöpfliches Reservoir an Power.Denn das ist sie vor allem: Powerfrau.Drei Kinder und Karriere kriegt die Powerfrau locker auf die Reihe, dazu eine Scheidung, zwei neue Liebschaften, vielleicht noch ein bißchen ökologisches und soziales Engagement nebenbei.Europäische und amerikanische Rührstücke und Magazingeschichten sind voll vom Kampf der modernen Powerfrau.Ihr Gegenspieler ist der brutale Unterdrüêker, den sie in die Knie zwingt.Den Waschlappen braucht sie, um sich gelegentlich aufzuputzen.Trostlose SchlappschwänzeLauscht man dem Gespräch der Powerfrau mit ihrer Busenfreundin, entfaltet sich ein trostloses Männerbild.Es besteht Einigkeit darüber, daß die Männer entweder unbelehrbare Schweine oder nicht ernst zu nehmende Affen sind.Zu Spott gibt vor allem der Typus Anlaß, dem man genüßlich "Angst vor der starken Frau" unterstellen kann.Der hat "die Hosen voll", der "kriegt keinen hoch bei einer echten Powerfrau".Das herbe weibliche Gelächter über die tolpatschigen, womöglich schlappschwänzigen Männer macht deutlich, daß fortschrittliche Frauen mittlerweile genauso selbstgefällig pauschalieren wie rückschrittliche Männer, die über Versager in den eigenen Reihen oder über die Intelligenz von Blondinen immergleiche Witze machen. Wäre alles nicht so schlimm, würde einem alles nicht so auf die Nerven gehen, wenn uns die Powerfrauen von der Unterhaltungsindustrie nicht so gehäuft und kritiklos als Idealbilder angeboten werden würden.Dasselbe Geschwätz, das wir bei Männern endlich als platt und feindselig zu erkennen gelernt haben, soll aus Powerfrauenmund wie kecke Polemik klingen.Frauenzeitschriften, Frauenromane und Frauenfilme stricken unverdrossen an einem neuen Powerfrauenbild. Ein Satan wie Doris DayVor allem "böse" ist angesagt, "böse" ist gut.Gefragt ist das böse Mädchen, das sich nichts mehr gefallen läßt, die "herrlich boshaft" gewordene Frau, die leicht hexenhafte Rächerin, die den Männern alle Demütigungen endlich heimzahlt ein bißchen höllisch soll es schon sein.Hera Linds Heldinnen zum Beispiel gehören, wie ihre Autorin, zum Stamme der selbsternannten Powerfrauen.Sie heißen sich auch Superweiber und sind erkennbar an ihrer Breitbeinigkeit und ihrem gänzlichen Mangel an Selbstironie bisher klassische Merkmale männlicher Stumpfköpfe.Angeblich rennen Millionen von Zuschauern schon in der ersten Woche in solche Filme, bestaunen Veronica Ferres als Superpowerbusenwunder und haben dabei vielleicht das Wohltätigkeitsgefühl, einen Beitrag gegen den Machismo und für den Sieg des deutschen Films zu leisten.Wunderbarerweise sind solche Breitbeinproduktionen schnell wieder vergessen, nicht allerdings, ohne das Powerfrauenbild um eine Facette bereichert zu haben."Bandits", der letzte Film von Katja von Garnier, von der ich nicht weiß, mit welchen Gefühlen sie nun im Powerfrauenpool schwimmt, läßt schon im Titel ahnen, daß die Mitglieder der frechen Frauenband, nicht nur musikalisch, sondern auch, was die Selbstgefälligkeit betrifft, mit männlichen Ganoven ebenbürtig sind.Katja Riemann wirkt allerdings immer mehr als deutsche Doris Day.Der böse Blick will ihr nicht recht gelingen. In das Bild der "bösen", eigenwillig-powernden, heißblütig-superselbständigen und männercharmeresistenten Frau sind die modernen Frauen und ihre eifrigsten Handlanger, die Feministen, gleichermaßen verknallt.Es ist ein gut zu vermarktendes Bild, deswegen lieben es auch Filmproduzenten und Verleger.Die powernde Frau kriegt in der Regel am Schluß ihres heldenhaften Kampfes ums Dasein, um Liebe und Gerechtigkeit, um Kinder und Karriere ein Vorzugsexemplar des neuen Mannes, der zart und hart zu sein hat und natürlich Besitzer eines Jeansreklameoberkörpers mit eingebautem Waschbrettbauch. Der neue Frauentypus, der sich selbst stolz und vergnügt als "böse" lobt und sich damit einredet, ein bißchen raubkatzenartig, gefährlich, satanisch, männerfeindlich zu sein, ist im Grunde leistungsbewußt und angepaßt.All die Frauen, die vom Bösesein träumen, sind insgeheim brave Mädchen.Böse sind sie in einem anderen Sinn: Weil sie die Sehnsucht verlernt haben vor lauter powern; weil sie zu stumpf geworden sind zum Ausmalen von Illusionen.Ohne heftiges Phantasieren aber kommt eine Liebschaft niemals in die Gänge.Weil sie so superrealistisch cool geworden sind, daß sie jedes Schwärmen und Schmachten der Männer als romantisch-verlogen abtun und selbst heißeste Liebesschwüre so lange als unwahrhaftigen Kitsch bezeichnen, bis sie tatsächlich keine echten Gefühle mehr enthalten dann sagen sie "Siehst du, ich find das scheiße!" Wer von den wirklichen Weibern ist nun als Powerfrau anzusehen, wer fühlt sich als solche? Keine Ahnung.Wir bewegen uns, mit Vergnügen, in nicht informierten Kreisen.Spekulationen sind uns lieber als die ungute Nähe der Macht.Über das Bewußtsein der arbeitgeberfreundlichen Powerprofessorin Höhler, die in den Hörsaal sprengt und mit blanken Reitstiefeln vom Vollblutpowerroß steigt, wissen wir ebensowenig wie über das männerverdrängende Selbstverständnis der arbeitnehmerfreundlichen Gewerkschaftsfrau Engelen-Kefer.Fühlen die Power? Wer sicherlich Doppelpower in sich fühlt, das ist die Kreischmutti der Republik: Margarethe Schreinemakers, die mit dem stahlharten Betroffenheitsblick. Die beiden scheißen sich nichtsJene Ironie und Unverkrampftheit, die Superweiber in Kunst und Realität vermissen lassen, kommen wenigstens in der Werbung zum Vorschein.Mädchen mit Boxhandschuhen warben unlängst nicht ohne Witz für wasweißich."The power of now", heißt es an den Litfaßsäulen.Es könnte um Zigaretten gehen.Zwei Frauen stehen auf der Straße.Gelungene Kreuzung aus Heilige und Hure, Feminismus abgehakt.Die scheißen sich nichts.Diese beiden würde vermutlich ein heiserer Lachanfall schütteln, wenn ihnen das Wort "Powerfrau" zu Ohren käme. Die hochgelobte Powerfrau von heute kommt um 21 Uhr 30 aus ihrer PR-Poweragentur.Ihr Mann, Arzt und Gesundheitsreformopfer, hat noch einen Dritteljob, schmeißt etwas kraftlos den Haushalt.Heute hat er vergessen, ihr Lieblingsbier "Powerlight" zu besorgen."Verdammt, nicht mal einkaufen kannst du!" faucht die Powerfrau verächtlich wie ein Kerl, streift die Stöckel ab, greift zur Fernbedienung und kann sich vor dem powervollen Einschlafen des Beifalls der Gesellschaft sicher sein. Der Autor veröffentlichte zuletzt "Die bösen Frauen" bei Hoffmann & Campe, Hamburg.

0 Kommentare

Neuester Kommentar