Kultur : Die Pragmatiker

Ende der Debatten – Ende des Theaters?

Rüdiger Schaper

Vor 75 Jahren schleuderte Antonin Artaud sein „Theater der Grausamkeit“ in die Welt. Ein Manifest, ein Feuersturm: weg vom geschriebenen, gesprochenen Wort, heraus aus den Guckkästen, hinein in reale Räume, Kirchen, Fabriken! Mit gewaltsamen Ritualen, von außereuropäischen Kulturen entlehnt, wollte Artaud das Publikum aufmischen, er träumte von totalen Effekten, die anno 1932 technisch noch gar nicht möglich waren.

Ein Problem des zeitgenössischen Theaters ist, dass all die Artaud’schen Visionen (und viele andere wild- und bildschöne Theorien) Realität wurden. Das Theater – die materiell gesegneten deutschsprachigen Bühnen zumal – hat seither so viele Umwälzungen durchgemacht, dass ein großes, manchmal heilloses Nebeneinander herrscht, mit deutlicher Tendenz zur Rückbesinnung. Der Text sei wieder da, heißt es seit einigen Jahren, das Regietheater hat sich nicht überlebt, aber doch relativiert. All diese einst so fürchterlich wichtigen Theaterdebatten gehören vorerst der Vergangenheit an. Das gilt weitgehend auch fürs Kulturpolitische. Von bedrohlichen Etatkürzungen, Schließungsplänen gar hat man länger nichts gehört. Die Theater sind in ihren Betriebsstrukturen pragmatischer geworden, wirtschaftlicher auch.

Die Jury des Berliner Theatertreffens 2007, das morgen im Festspielhaus mit Elfriede Jelineks „Ulrike Maria Stuart“ (Thalia-Theater Hamburg, Regie Nicolas Stemann) eröffnet wird, spielt in ihrem Grußwort ironisch mit zwei Begriffen, die sich nur durch einen Buchstaben unterscheiden: Gestern also war „Ekeltheater“, heute haben wir „Edeltheater.“ Großboulevard (zum Beispiel Yasmina Rezas „Gott des Gemetzels“ aus Zürich) statt Bambule, Hochglanz (etwa Jan Bosses Berliner „Werther“ und sein „Viel Lärm um nichts“ aus Wien) statt Vorschlaghammer. Allerorten setzen die Theatermacher, so sehen’s die weit gereisten Juroren, auf Nummer sicher.

Das muss nicht nur schlecht sein. Heute ist das Theater ideologisch unbelastet, es hat sich freigemacht vom Zwang zum Experiment, es will wirklich nur spielen und beißt selten noch. Historisch betrachtet, hat es ein solche Phase, in der das Theater einigermaßen saturiert dasteht, ohne zu verdümpeln, vielleicht nie gegeben. Und dennoch, deshalb: Es gibt ein profundes Unbehagen an der Theaterbetriebskultur – das hängt mit dem Heilsversprechen zusammen, das Artaud und andere einst formulierten. Und das sich in den siebziger und achtziger Jahren und auch noch unmittelbar nach der Wende eingelöst zu haben schien; ästhetisch, politisch. Das ist der Phantomschmerz, jetzt.

Das Theater, so wie es sich auch auf dem diesjährigen Berliner Festival präsentiert, ist aus dem Zentrum des kulturellen Geschehens weggerutscht. Teilweise hat die Oper diesen Platz eingenommen, die an sich noch bürgerlichere Form. Derzeit produziert die Oper Popstars wie Netrebko, scheinbar auch Aufbrüche und Skandale (Schlingensief, Neuenfels usw.) Und: Oper lässt sich kommerziell verwerten, Theater nicht. Das bleibt seine archaische Stärke.

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