Kultur : Die preußische Suggestion

Kanzler-Kneipe und Schloss-Gedanke: Am deutschen Regierungssitz ist man auf den Wilhelminismus gekommen

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Von Helmut Böttiger

Schon immer wollten in Berlin alle in der Gründerzeit leben. Während in sämtlichen deutschen Großstädten die historischen Hinterlassenschaften „entkernt“, zu Tode saniert oder gleich vollends abgerissen wurden, blieb in Berlin ein beträchtlicher Teil der alten Bausubstanz stehen. Vor allem die Häuser, die im großen Boom unter dem Wilhelminismus gebaut wurden, von etwa 1870 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914, trugen zu einem spezifisch berlinischen Lebensgefühl bei – Wohnungen mit sechs bis acht Zimmern, die manchmal vier Meter hoch sind, das „Berliner Zimmer“ mit Licht von vorn und aus dem großen Fenster zum Hinterhof, ein Raumtypus aus alter Herrschafts- und Dienstmädchenzeit, der für die Gründerjahre am Ende des neunzehnten Jahrhunderts charakteristisch war.

In West-Berlin wurden diese alten preußischen Ausmaße durch eine besondere Art der Alltagskultur überdeckt: Hier sammelte sich ein Milieu aus Bohemiens, Kriegsdienstverweigerern und subkulturellen Testläufern, und für die große Zeit der Wohngemeinschaften waren die West-Berliner Altbauwohnungen gerade groß genug. In Ost-Berlin, der Hauptstadt der DDR, verfielen sie parallel dazu in einen Dornröschenschlaf, oder sie verfielen allmählich ganz. Atmosphärisch war bald nichts mehr zu spüren vom alten Selbstverständnis; Berlin war zerfallen in ein subventioniertes Biotop auf der einen und eine mit potemkinschen Attributen versehene Teilhauptstadt auf der anderen Seite. Deswegen bewegte man sich in den Jahren nach 1989, als Berlin nach etlichen Debatten doch wieder die deutsche Hauptstadt sein sollte, auf unsicherem Terrain: Die Definitionen, was Berlin nun sein sollte, waren reichlich diffus, und was es mit der „Berliner Republik“ auf sich haben sollte, wurde zwar heftig diskutiert, aber angesichts der anhaltenden Ost-Westkonflikte und der historischen Zwiespältigkeiten ergaben sich wenig konkrete Anhaltspunkte.

Im Nachhinein ist diese Zwischenzeit der ersten Jahre nach 1989, als die gewohnten Stadtteildefinitionen nicht mehr stimmten, eine vor allem ästhetische Größe. Berlin wirkte wie das Auge des Taifuns. Von überallher sammelte sich etwas, es kam Zugluft vor allem aus Osten, die vorher durch Mauer und Staatsgrenzen abgehalten werden konnte, aber die preußischen Fassaden blätterten immer mehr ab. Von großen Visionen, die in der ersten Euphorie nach der deutschen Einheit beschworen wurden, von demokratischen Aufbrüchen und einer emphatisch begrüßten Gegenwart war bald nichts mehr zu spüren. Mitte der neunziger Jahre herrschte sogar Depression. Die Mietpreise sanken, immer mehr Wohnungen standen leer, von den emsig hochgezogenen neuen Büro- und Geschäftsbauten ganz zu schweigen. Dann aber kam die Regierung, und Gerhard Schröder war nach seinem Wahlsieg 1998 der erste Bundeskanzler, der in Berlin residierte. Die Regierung stieß in das Vakuum.

Gipfeltreffen im Gugelhupf

Wie das Vakuum genauer konturiert werden sollte, blieb in den ersten Monaten des politischen Alltags noch unklar. Die Ära Schröder war zudem von Anfang an nicht durch spektakuläre neue Entwürfe, sondern von Pragmatismus gekennzeichnet. In welche Richtung sich die Außendarstellung entwickelte, lässt sich anhand der Besuche der beiden US-Präsidenten studieren. Als Bill Clinton, in der Anfangsphase der neuen Ära, nach Berlin kam, suchte Schröder für das gemeinsame Essen mit ihm das Restaurant „Gugelhupf“ im Stadtteil Prenzlauer Berg aus – mitten im Szenequartier, das sich binnen kurzer Zeit vom künstlerischen Underground zur schicken Ausgeh- und Kneipenmeile entwickelte. Das „Gugelhupf“ mit seiner elsässisch-alemannischen Küche steht für das Weltläufige und zugleich Bodenständige, hier bekommt das Sauerkraut internationales Flair – eine Note, die auch symbolisch für das Regierungsstreben Schröders stehen könnte. Wenige Jahre später, beim Besuch von George Bush, war die Berliner Regierungsinszenierung allerdings gesetzter geworden. Schröder führte seinen Gast ins „Tucher“ am Brandenburger Tor, gegenüber vom Hotel Adlon. Und dieses Lokal zeigt am deutlichsten, was sich aus hauptstädtischen Definitions-Leere heraus entwickelt hat, was jetzt der Wertschöpfung dient.

Es geht nicht mehr um die Inszenierung einer hedonistischen Berliner Szene, um etwas Verspieltes oder Versponnenes. Man ist nach verschiedenen Probeläufen plötzlich wieder auf das gestoßen, was in der Geschichte versunken schien: auf den preußischen Grundton. Schließlich geht es um eine neue Gründerzeit. Säulen, so sehen wir im „Tucher“, spielen dabei eine große Rolle, und es sind keine verzierten oder verschnörkelten Säulen, sondern glatte und klare. Wichtig ist vor allem, dass es hoch hinaus geht, man schaut nach oben und sitzt unter hohen Fenstern im Licht. Etwas Mondänes schwebt im Raum, und wenn man die Freitreppe hoch gegangen ist, öffnet sich am Ende der Balustrade ein geräumiges, rundes Chambre Separée, das den Geist Fontanes zu atmen scheint: schweres Gehölz, landjunkerliche Behaglichkeit mit dunklen Regalen, als ob man sich der Bedeutung der gegenwärtigen Epoche allzu bewusst wäre. Selbst die Toiletten zitieren die gusseisernen Pissoirs der Kaiserzeit, ein Kreis in Leichtmetall, das Material kündet vom Jahrhundert später. Das Preußische wird zur Projektionsfläche, eine ästhetische Übereinkunft, die zwischen dem Wilhelminismus, der Eleganz der Zwanziger Jahre und der Sehnsucht nach einer historischen Legitimation zu vermitteln sucht.

Klassisch, klar, clean

Die Fronten blättern nicht mehr ab, sie werden neu herausgeputzt. „Unter den Linden“ ist zu einer Adresse geworden. Ein paar Schritte weiter hat die Deutsche Bank der New Yorker Guggenheim Foundation eine Dependance eröffnet. Im weiten, gläsern überdachten Innenhof, der an ein antikes Forum gemahnt, finden Empfänge und manchmal auch Dichterlesungen statt. Dieses Forum ist hell und streng. Klassisch und klar gliedern sich die Fassaden. Hier ist nichts mehr vom Grauen, Geduckten zu spüren, das das Zentrum von Ost-Berlin einst prägte. Hier, in Berlin Mitte, hat jene „neue Mitte“ Einzug gehalten, der Schröder seinen Wahlsieg verdankte. Das Publikum ist nicht das sonst übliche bei literarischen oder künstlerischen Anlässen; es handelt sich offenkundig um Personen, die in der Kundenkartei der Deutschen Bank gespeichert sind: um Geschäftsfreunde, um eine noch recht dünne, neue soziale Schicht, die in Berlin eingezogen ist. Und das „Tucher“, das sich im Untertitel „Speisekabinett und Lese-Lounge“ nennt, die Hauptstadt-Investition der Tucher-Brauerei in Nürnberg, bildet das gastronomische Pendant: Man hat ein Aktivität verströmendes Kreativ-Büro mit einem Marketing-Konzept beauftragt, und heraus kam ein Lokal, welches das Hauptstadt-Phantasma authentisch ins Blickfeld rückt.

Die neue ästhetische Übereinkunft Unter den Linden, der strenge, helle Forum-Charakter des Guggenheim-Museums, die Säulen des „Tucher“: Dies ist nicht Berlin entsprungen, sondern es entspricht der Vorstellung, die die nun anreisenden Hauptstadtwilligen von Berlin haben – mit den Parlamentariern als Zentrum. Das Vakuum wird mit Hauptstadt-Zitaten gefüllt. Die Sehnsucht nach einer historischen Verankerung, nach einer imaginären Linie vom Brandenburger Tor über eine mondäne Atmosphäre der Weimarer Republik bis hin zu einem erträumten, besseren preußischen Humanismus des 19. Jahrhunderts – diese Sehnsucht schafft sich Orte. Dass nun am anderen Ende von Unter den Linden auch das alte Stadtschloss der preußischen Herrscher gleichsam aus dem Nichts heraus wiederaufgebaut werden soll, hat etwas mit derlei diffusen Sehnsüchten zu tun. Als der Hamburger Privatmann Wilhelm von Boddien vor rund zehn Jahren sein Stadtschloss-Projekt der Öffentlichkeit vorstellte, wurde das von den meisten Intellektuellen noch eher ablehnend bis verächtlich zur Kenntnis genommen. Doch im Laufe der Hauptstadtwerdung hat sich diese Fata Morgana, die von Boddien damals als von Plastikplanen getragene Stadtschloss-Attrappe herstellte, selbstständig gemacht.

Die Gegenwart scheint allzu unübersichtlich, zu bedrängend zu sein, und es wächst die Sehnsucht nach einer Geschichte, in der man Halt suchen kann. Die stehengebliebenen, verblassten Fassaden der Repräsentation bekommen neuen Glanz. Was sie aber repräsentieren sollen, wissen sie noch nicht.

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