Kultur : Die preußische Zauberflöte

Das Herz der Oper schlägt im Lied: Johann Friedrich Reichardts frühromantische „Geisterinsel“ in Rheinsberg

Carsten Niemann

Der Kampf, der in Johann Friedrich Reichardts Oper „Die Geisterinsel“ tobt, findet auf der Bühne leider viel zu selten statt. Das Libretto stammt von Friedrich Wilhelm Gotter, der schon mit seinem Melodram „Medea“ den Text zu einem heiß diskutierten Musiktheaterwerk des 18. Jahrhunderts geschrieben hatte. Seine „Geisterinsel“ ist allein schon als frühe Bearbeitung von Shakespeares „Sturm“ von Interesse. Gotter spitzte die Konflikte geschickt zu, brachte den übermächtigen Magier Prospero als Vater und Menschen in Bedrängnis und schuf ihm in Caliban einen starken Gegenspieler.

Im Porträt der fern von der Zivilisation aufgewachsenen Miranda macht Gotter die aufklärerische Vision vom „edlen Wilden“ ebenso zum Thema, wie er in der Deutung des Stücks als Traumspiel frühromantischen Geist wehen lässt. Von Schiller kritisiert, aber veröffentlicht und von Goethe für die Musikalität seiner Sprache gerühmt, erntete es in der Literatenszene seiner Zeit Aufmerksamkeit. Nach Gotters Willen hätte Wolfgang Amadeus Mozart das Stück vertonen sollen, doch der Komponist starb, bevor er auf die Anfrage reagieren konnte. Auch der preußische Hofkapellmeister Johann Friedrich Reichardt (1752 - 1814) stand in Gotters engerer Wahl. 1798 komponierte er das Stück zwar nicht als Erster, aber als einziger mit Erfolg: Noch 1825 stand es auf dem Spielplan des Nationaltheaters.

In der Tat kann man Reichardts „Geisterinsel“ als den geglückten Versuch ansehen, eine preußische „Zauberflöte“ aus dem Geist der frühen Berliner Romantik zu schreiben. Hierfür war der auch als Publizist hervorgetretene Reichardt prädestiniert. Er, der mit Liedern wie „Schlaf, Kindlein, schlaf“, „Wenn ich ein Vöglein wär“, und „Wach auf meins Herzens Schöne“ traf den Volkston nicht nur, er bildete ihn aus. Kein Zufall, dass auf seinem Landsitz in Giebichenstein bei Halle die Arnims, Brentanos, E.T.A Hoffmann, Jean Paul, die Brüder Grimm, aber auch Fichte und Schleiermacher ein und aus gingen.

Allerdings ist „Die Geisterinsel“ wie viele kühnen Ideen der frühen Romantik auch etwas Fragiles. Reichardts Musik verbindet viele Ansätze, die vom Mainstream der musikalischen Entwicklung liegen gelassen wurden. Die Empfindsamkeit des Rokoko und das schlichte Lied des bürgerlichen Singspiels sind ihm nicht weniger wichtig als das Vorbild Glucks oder der Einfluss der französischen Revolutionsoper.

Für den heutigen Interpreten ist das Stück darum voller Fallstricke. Auf den ersten Blick war es daher eine geradezu waghalsige Entscheidung der Musikakademie Rheinsberg, dieses Stück einem blutjungen Ensemble anzuvertrauen: Im Orchester wirken Jugendliche mit, auf der Bühne des Schlosstheaters stehen Studenten, der Regisseur ist 27 Jahre alt, und der 23-jährige Dirigent leitet sogar zum ersten Mal in seinem Leben eine Oper. Doch Mangel an Routine kann auch ein Glücksfall sein. Dies gilt besonders für den Dirigenten Rustam Samedov. Bei Studium der Partitur sei er versucht gewesen, „Druckfehler“ zu korrigieren, verrät Samedov. Sein Lehrer habe ihn jedoch ermuntert, sich auf den Stil des Werks einzulassen. Das Experiment gelingt: Das natürliche Feuer des ehrgeizigen Nachwuchsmaestros verbindet sich bestens mit seinen praktischen Erfahrungen im Chordirigieren. Theaterdonner hin und her – das Herz des Stücks, so lernen wir von Samedov, schlägt im Lied.

Regisseur Alexander Heil widersteht ebenfalls der Versuchung, dem Stück wesensfremde Konzepte aufzudrücken. Das Ergebnis wirkt allerdings bisweilen einfältig: Im Bemühen, die Geschichte klar zu erzählen, läuft Heil Gefahr, sie lediglich zu illustrieren. Sein Verzicht darauf, den Figuren ein heutiges psychologisches Profil zu geben, lässt die Darsteller oft hilflos auf der leeren Sandfläche der Bühne agieren. Für die künftige Operndarsteller ist „Die Geisterinsel“ dennoch die beste Schule: Wer hier überzeugen will, muss Dialoge sprechen, mit Koloraturen brillieren, in Ensembles Charakter zeigen und mit schlichten Liedern rühren: eine Herausforderung, die besonders die Sopranistinnen Csilla Csövari (Miranda) und Fabienne Keppler (Fabio) sowie der Bariton Alexander Heil als Prospero überzeugend bewältigen.

Wieder heute, 14., 15., 21. und 22. 4.

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