Kultur : Die Pubertät des Partisans

Heute erscheint der fünfte Band von „Harry Potter“ auf Deutsch. Das Kinderbuch wird zur Kriegslektüre

Peter von Becker

Harry Potter hat zwei Gesichter. Da ist noch immer das Bild des strubbelköpfigen kleinen Jungen, der zum Helden von Millionen Kinderbüchern, von zwei Filmen und weltweit begeisterndem Mummenschanz geworden ist. Seit der Erfindung von Weihnachten sind sich Kommerz und Kinderzauber nie inniger verbunden gewesen als beim Erscheinen eines neuen „Harry Potter“-Bandes. Und doch treibt Harrys Erfinderin Joanne K. Rowling längst nicht mehr ein Kinderspiel. Potter hat einen Sprung gemacht – und einen Sprung gekriegt.

Schon das seit Juni weltweit vertriebe englische Original des fünften Buchs „Harry Potter and the Order of the Phoenix“ existiert in zwei Versionen: eine Kinder- und Jugendausgabe mit einem Märchenmotiv in freundlichem Gelb auf dem Cover; dazu als Erwachsenen-Literatur die identische Fassung von „HP 5“ mit einem schwarzgrauen, düster seriösen Schutzumschlag. Wahrscheinlich wird es eine ähnliche Variante der ab heute erscheinenden deutschen Übersetzung von „Harry Potter und der Orden des Phönix“ bald auch hierzulande geben.

Tatsächlich ist die mit milchgesichtigem Brillenharry und einem flatternden Fabelvogel versehene Umschlagzeichnung der deutschen Ausgabe nicht nur einmal mehr von grob verniedlichender Scheußlichkeit. Sie ist angesichts der Härte und Düsternis des neuen „Potter“-Buchs auch eine Irreführung. Denn eines macht die Autorin von Anfang an klar: Ihr nunmehr fünfzehnjähriger Titelheld ist kein liebenswürdiger Kindjunge mehr. Sondern ein schnell reizbarer (und nervender) pubertierender Kotzbrocken. Jähzornig, eitel, altklug. Also auch: unheldisch normal.

Das freilich klingt jetzt schon selbst zu alt, klug und normal. Gewiss gehört es zu Rowlings Raffinesse, das ehrwürdige Genre des Jugend-Bildungsromans (mit Schulstreichen, Generationskonflikten und erotischem Frühlingserwachen) in eine Parallelwelt der Hexen und Magier zu versetzen. Aber viel bewundernswerter ist ihr Talent, die effektvoll dekorierte Märchenbühne immer subtiler und zugleich radikaler als Metapher moderner Geschichte und Geschichten von Macht, Missbrauch, Gewaltpolitik zu entfalten.

Harry Potter hat einen Sprung. Nicht in der Schüssel, nicht im Herzen (oder wie das sonst so heißt) – und es ist auch nicht bloß der Zwiespalt zwischen Kind und jungem Mann. Joanne K. Rowling zeigt Harry zwar schon bei ersten Küssen und MädchenJungs-Kümmernissen. Doch trotz aller Schwärmerei für die hübsche Orientalin Cho Chang spielt Sex im Zauberinternat Hogwarts noch fast keine Rolle, und die Autorin scheint nicht erpicht auf psychologisierende Pubertätspikanterien. Sie führt Harry vielmehr als existentiell Zerissenen vor: Die in den vier Bänden zuvor auf rund 2500 Seiten erzählten mörderischen Erfahrungen haben in dem früh gebrandmarkten Waisen, kaum fällt das Kostüm der Kindheit, tiefere und vorerst unheilbare Spuren hinterlassen.

Der Kindersoldat im Kampf mit den dunklen Mächten ist nun zum General einer partisanenhaft operierenden Jugendarmee geworden. Und die Zauberschule steht unter doppeltem Beschuss. Lord Voldemort, der Terroristenfürst der schwarzen Magier, versucht der Macht und dem Mysterium der gesamten Potter-Geschichte mittels einer geheimnisvollen, zwanghaften Verbindung zu Harry näherzukommen. Gleichzeitig möchte das zunehmend korrupte, von Voldemort unterwanderte Ministerium für Zauberei die Wiederkehr des Terrors verschleiern und die Gegenkräfte in Hogwarts ausschalten.

Dabei folgt Rowling auch im fünftem Band einem running gag: In jedem neuem Schuljahr wird den Hogwarts-Schülern ein neuer, am Ende meist scheiternder Lehrer im Fach Abwehr gegen die dunklen Künste präsentiert. Diesmal ist es die kleine, seifig lächelnde Dame Dolores Umbridge, und die Komödie von „HP 1 – 4“ hat mit ihr ein Ende. Professor Umbridge, zugleich Unterstaatssekretärin im Zaubereiministerium, übernimmt als „Hochinquisitorin“ faktisch die Schulleitung und errichtet binnen kurzem eine auf Gehirnwäsche, Bespitzelung und Zensur jeglicher Kommunikation gestützte Erziehungsdiktatur. Brillant boulevardesk, wie Rowlings schon beim Dialog-Pingpong mit Dolores die Leser durch alle eisigen Höllen britischer Höflichkeit führt – um deren maliziöses Understatement in purem Sadismus enden zu lassen. Und so endet auch der Boulevard hier so harsch wie die kindliche Kinderliteratur: in einer Studie totalitärer Machtergreifung.

Das ist ein Temperatursturz gegenüber den vorangeschriebenen „Potter“-Bänden. Das Klima eines erwachsenen Jugendbuchs könnte kaum kälter sein. Bis auf ein hübsches Scherzfeuerwerk hat es sich hier ausgespaßt: nichts mehr von komisch kreischenden Alraunen, von „Snape explodiert“-Spielchen oder so unterhaltsamen magischen Geschöpfen wie „knallrümpfigen Krötern“; auch keine Buffo-Szenen mit heulenden Hauselfen, und selbst der wildhütende Riese Hagrid, Rowlings treuherziger Rübezahl, gerät jetzt nur noch zur Randfigur.

Es gibt, wie schon im stark verdunkelten vierten Band, am Ende einen Toten aus Harrys näherem Kreis. Wieder wird Voldemort, diese Mischung aus Doktor Mabuse, Nosferatu und bin-Laden, mit letzter Hilfe des alten Hogwarts-Magiers Dumbledore zurückgeschlagen, doch das Schlusskapitel ist mit Blick auf den sechsten und vorletzten Band bereits überschrieben „Der zweite Krieg beginnt“. Kein Wunder, dass einer der größten Fans dieser Autorin als Meister des Horrors gilt: Stephen King. Rowling also macht Ernst – mit dem Bild einer Welt, in der nach einer scheinbar friedlichen Nachkriegszeit plötzlich (wie 1989 ff., wie 2001 ff.) die alten Gespenster in neuer Gestalt wiederkehren. Kleinere schriftstellerische Schwächen – das stereotype Erröten von Figuren, ihre angst- und freudvollen Blicke oder vor Erstaunen offen stehenden Münder – sind auch diesmal nicht zu übersehen. Aber ebenso wie Flüchtigkeitsfehler der deutschen Übersetzung (bei Turnschuhen trennen sich Sohlen nicht vom „Oberleder“) fallen sie kaum ins Gewicht. Denn die tiefere Psychologie, das Netz der Motive und die kriminalistischen Volten erweisen Joanne K. Rowling erneut als Meisterin.

Joanne K. Rowling „Harry Potter und der Orden des Phönix“, Deutsch von Klaus Fritz, Carlsen Verlag, Hamburg, 1024 S., 28,50 €.

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