Kultur : "Die purpurnen Flüsse": Mehlstaub in der Eiswüste

Martin Schwickert

Stolz und tapfer behauptet sich das französische Kino gegen den Angriff der Multiplex-Kultur aus Hollywood. Aber selbst die interessantesten französischen Filmemacher vergreifen sich zuweilen am verschmähten Popcorn-Kino. Heraus kommen dann Actionfilme wie die von Luc Besson produzierten "Taxi"-Episoden. In Frankreich ein Hit. Vom Rest der Welt eher achselzuckend zur Kenntnis genommen.

Nun nimmt sich Mathieu Kassovitz ("Hass") der amerikanischen Domäne des Serienkiller-Genres an. Als Vorlage diente ihm der Bestseller "Die purpurnen Flüsse" von Jean-Christoph Grangé und für die Hauptrolle wurde mit Jean Reno einer der wenigen Grenzgänger zwischen Paris und Hollywood verpflichtet. Der ewig Unrasierte spielt hier den verlebten Supercop Pierre Niémans, der von der Seine in die verschneiten französischen Alpen abkommandiert wird, um einen besonders ekligen Mord aufzuklären. In Embryohaltung hat man eine augapfellose und von Folterungen gezeichnete Leiche aus dem Gletscher geborgen. Schon durch diesen Einstieg zitiert sich Kassovitz ganz ungeniert an amerikanische Vorbilder heran. Genau wie Jonathan Demme in "Das Schweigen der Lämmer" wartet Kassovitz mit einer ausgedehnten Obduktionsszene auf, die den Schrecken fragmentarisch zur Schau stellt.

Ein paar Kilometer weiter installiert das Drehbuch derweil eine zweite Cop-Figur. Kommissar Kerkerian (Vincent Cassel) ist der schnodderige, Joint rauchende Gegenpol zum schweigsamen Hauptstadtbullen. Erst zur Halbzeit nach einer guten Stunde treffen die beiden Kriminalisten aufeinander - mit gezogenen Waffen. Währenddessen gibt der Mörder immer neue Rätsel auf und legt die Spur zu einer dubiosen Gebirgsuniversität, deren Elite den NS-Herrenmenschfantasien gefährlich nahe steht.

Anfänglich scheint der Film mit den US-Klassikern des Serienkiller-Genres wie David Finchers "Sieben" durchaus konkurrieren zu können. Jean Reno und Vincent Cassel sind ein angenehm launisches Polizistenduo. Kameramann Thierry Arbogast schneidet aus der alpinen Gletscherlandschaft stimmungsvoll morbides Bildmaterial heraus. Aber die Bilder machen Versprechungen, die der schlecht strukturierte Plot nicht halten kann. Je näher der Film dem Kern der Story kommt, desto mehliger wird er. Die absurde Verdächtigungsdramaturgie ruckelt quietschend von einer Leiche zur nächsten.

Auflösung und Finale sind schlichtweg haarsträubend und eine tatverdächtige Jugendgang wird mit Knallchargen aus dem Sozialarbeiterhandbuch möbliert. Kaum zu glauben, dass hier derselbe Mathieu Kassovitz am Werk war, der 1995 in "Hass" tief in die Seele der französischen Vorstadt-Jugend geblickt hat.

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