Kultur : Die Quadratur des Preises

Heute wird in Berlin der 54. Deutsche Filmpreis verliehen – letztmals durch eine unabhängige Jury

Jan Schulz-Ojala

Zu den beglückendsten Erfahrungen mit dem Deutschen Filmpreis der letzten Jahre gehört, was Andreas Dresen 1999 mit dem Preisgeld für „Nachtgestalten“ angestellt hat. Der damals noch ziemlich unbekannte Regisseur investierte die Summe von 800 000 Mark in einen absolut unabhängigen Film – mit kleinem Team und ohne weiteres Fördergeld, das künstlerische und organisatorische Kompromisse zur Folge gehabt hätte. „Halbe Treppe“ hieß das Ergebnis, ein furioser Erfolg auf Festivals und beim Publikum, und es war von elegant zwingender Logik, dass Dresen vor zwei Jahren auch damit einen Deutschen Filmpreis holte.

Warum jetzt diese kleine, große Geschichte? Weil die Entstehung von „Halbe Treppe“ aufs Treffendste den Sinn des Deutschen Filmpreises illustriert: als Instrument der Filmförderung des Bundes, die ihre Richtlinien explizit an den „künstlerischen Rang“ eines Werkes koppelt. Nicht große Namen, auch nicht der Publikumserfolg sollen die Jury bei ihrer Wahl leiten, sondern die kreative Kraft eines Films – und dessen Macher mit der Prämie des höchstdotierten deutschen Kulturpreises zur Produktion neuer, künstlerisch herausragender Filmen anspornen.

Der Deutsche Filmpreis wird heute voraussichtlich letztmals durch eine Jury verliehen. Nächstes Jahr will die nach Oscar-Vorbild in der neu gegründeten Deutschen Filmakademie organisierte Branche die weiterhin vom Staat gegebenen drei Millionen Euro erstmals unter sich verteilen. Insofern ist die Gala im Berliner Tempodrom diesmal strukturell historisch: als Abschied von der pointierten Prämierung durch eine unabhängige Jury. Doch es scheint, als wolle das zwölfköpfige Gremium aus Filmkünstlern, Kinobetreibern, Filmjournalisten und Kulturpolitikern auch inhaltlich ein historisches Zeichen setzen. Wofür schon ein Blick auf die Nominierungen genügt.

Allein vier der sechs nominierten Filme – Marcus Mittermeiers „Muxmäuschenstill“, Sylke Enders’ „Kroko“, Christian Petzolds „Wolfsburg“ und Fatih Akins „Gegen die Wand“ – erzählen packend und originell vom Heute, von Rissen und Brüchen der deutschen Alltagswelt. „Muxmäuschenstill“ und „Kroko“ gehen zudem als starke Debüts an den Start, „Wolfsburg“ und „Gegen die Wand“ schreiben aufregend frische Handschriften des deutschen Kinos fort. Hinzu kommen, mit Sönke Wortmanns „Das Wunder von Bern“ und Leander Haußmanns „Herr Lehmann“ zwei elegante, aber vergleichsweise altmeisterlich behäbige Historienfilme. Andere durchaus respektable, aber klar schwächere Kandidaten wie Margarethe von Trottas „Rosenstraße“ oder Romuald Karmakars „Die Nacht singt ihre Lieder“ hat die Jury cool übersehen.

Eine imponierende inhaltliche und ästhetische Spannweite messen diese Kandidaten aus – vom wilden No-Budget- Newcomer bis zum selten gewordenen deutschen Millionen-Zuschauermagneten. Die radikalste, aber keineswegs abwegigste Entscheidung der amtierenden Jury hieße: Filmpreis in Gold für „Muxmäuschenstill“! Tatsächlich hat der Sieger des Saarbrücker Max-Ophüls-Festivals und Berlinale-Publikumsliebling genau die Vitalität, die so einer zum Durchbruch braucht: Mit nur 40000 Euro aus eigener Tasche produzierte Martin Lehwald zusammen mit Regisseur Marcus Mittermeier sowie Autor und Hauptdarsteller Jan Henrik Stahlberg einen höchst unbequemen Film, den keine Förderinstitution mitfinanzieren mochte: die Story vom Aufstieg und Fall eines selbsternannten Ordnungshüters, der in manischer Auslegung des Kantschen kategorischen Imperativs allerlei Kleinkriminellen den Kampf ansagt – und dabei selber absahnt. Wenn dieser durch und durch junge Film Anfang Juli ins Kino kommt, wird er Furore machen, nicht nur bei einem jungen Publikum.

Denn Titelheld Mux, der sich nicht damit abfinden will, dass einer wie Michael Schumacher „schnell um die Kurve fahren kann und keine Steuern zahlt“, ist selber ein Schumacher-Klon: schnell, kalt, eitel. Eine scheußliche Identifikationsfigur ist das, die da auf Kreuzzug gegen Ladendiebe, Schwarzfahrer und Sprayer geht und den kleinen Blockwart in uns zu mobilisieren versteht – die Opfer seines gänzlich unbehelligt operierenden Ordnungwahns drückt Mux schon mal zur Strafe mit dem Gesicht in die Häufchen ihrer Fiffis. Zugleich mobilisiert er unsere Sympathie für jugendliche Rebellion; nur dass sein Widerstand sich gegen jene Laxheit richtet, die erst auf dem Boden gesellschaftlicher Toleranz gedeiht. „Muxmäuschenstill“ ist ein präzis erfundener Alptraum, der gleich nebenan passieren könnte – warum nicht seinen Machern die 500000 Euro Preisgeld geben und gucken, was sie damit, so frei wie Andreas Dresen damals, in ihrem nächsten Film anstellen?

Nicht erst neuerdings bringt das deutsche Kino solche widerborstigen Talente hervor. Der Deutsche Filmpreis hat sie mit immer wieder auch wagemutigen Entscheidungen herausgefordert – und herausgefördert aus dem Zwang zu Stromlinie und Kompromiss, den das regional zerklüftete öffentliche Filmfördersystem mit sich bringt. Regisseure wie Oskar Roehler, Romuald Karmakar oder auch Christian Petzold haben davon profitiert. Auch Sylke Enders’ „Kroko“ ist dieses Jahr ein Fall für die ganz großen Lorbeeren: Die schnoddrige Chefin einer Weddinger Mädchengang, die sich plötzlich mit der ruppig-direkten Welt von Körperbehinderten konfrontiert sieht, ist, wie Mux, alles andere als eine lineare Sympathieträgerin – und gerade deshalb, Kunststück guter Filme, rührt ihr Schicksal uns an. „Kroko“ leistet sich sogar, reichlich emotionale Weichzeichnerspuren auszulegen und schlägt dann immer wieder frech einen anderen, sofort überzeugenden Weg ein. Mehr Wirklichkeit und doch nicht weniger Kino: Sowas macht Lust auf deutsche Filme und nebenbei sogar ein bisschen klüger.

„Muxmäuschenstill“, „Kroko“ und der Berlinale-Gewinner „Gegen die Wand“, der mit der turbulenten Selbsthassliebesgeschichte zweier Deutschtürken unseren polykulturellen Alltag in den Mittelpunkt rückt: Teilt sich das Trio die goldene und die zwei silbernen Trophäen, wäre dies nicht nur ein Triumph für den deutschen Film, sondern für den Filmpreis selbst mit seiner skrupulös alle deutschen Filme sichtenden Jury – und gegen das System, das Kulturstaatsministerin Weiss an seine Stelle setzen will. Die bislang aus knapp 500 Branchenangehörigen bestehende Deutsche Filmakademie ist nicht dem „künstlerischen Rang“ ihrer künftigen Kandidaten verpflichtet, sondern entscheidet plebiszitär. Die Erfahrung mit internationalen Filmakademien zeigt, dass dort das Gängig-Gefällige fast immer das Innovativ-Provokative aussticht. Macht nichts, so lange, wie überall dort, kein staatliches Preisgeld verteilt wird. Nur die Deutsche Filmakademie will – seltsame Quadratur des Preises – die vorhandene Staatsknete mitnehmen, mit dem Risiko, den daran gebundenen Kulturauftrag auszuhöhlen. Und die Kulturstaatsministerin geht diesen Weg seit Monaten gegen alle, auch von Teilen der Branche formulierten Einwände mit. Ob einer wie Andreas Dresen, heute im Vorstand der Akademie, künftig noch das Preisgeld für einen Film wie „Halbe Treppe“ bekäme?

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