Kultur : Die Qual mit der Damenwahl

BOULEVARD

Frederik Hanssen

„Schöner Gigolo, armer Gigolo“ - in herzerweichenden Melodien haben die großen Interpreten das Schicksal einsamer Eintänzer besungen. Doch wer denkt an die Gefühle ihrer Kundinnen, jener reiferen Damen, die gegen Geld ihre Runden mit jungen Herren auf dem Tanzboden drehen? Richard Alfieri heißt der Mann. Er hat sich um die ganz und gar nicht lustigen Witwen gekümmert. Mit Sechs Tanzstunden in sechs Wochen versucht er, ihr Schicksal in eine Zwei-Personen-Komödie zu fassen. Und weil es wirksamer ist, wenn beide Parkettpartner Seelenstriptease betreiben, hat er Baptistenprediger-Witwe Lily und ihrem schwulen Privattanzlehrer Michael tonnenschwere Schicksalslasten aufgebürdet. Zuerst sind die eine wie der andere sehr darauf bedacht, gutbürgerliche Fassaden zu wahren, tischen sich gegenseitig jede Menge Lügen auf und beharken sich mächtig, bevor mit der aufkeimenden Freundschaft Schritt für Schritt nicht nur ihre Füße, sondern auch ihre Herzen zum gemeinsamen Rhythmus finden. Bei der deutschsprachigen Erstaufführung des Stücks im Berliner Renaissance-Theater sind Daniela Ziegler und Gedeon Burkhard das ungleiche Paar. Die beiden TV-Stars sind auch auf der Bühne echte Sympathieträger. Darum mag man ihnen ihr giftiges Gegeneinander nicht recht abnehmen. Weil Burkhard mehr Muskeln als Ausdrucksnuancen zeigt und Frau Ziegler für eine kratzbürstige alte Schachtel einfach zu attraktiv und geschmeidig ist. So wirkt Alfieris professionell konstruierte, zweistündige Konversation streckenweise etwas zäh – bis die Protagonisten zum mächtig pathetisch aufgeladenen Ende doch noch in den Himmel hineintanzen (bis 27.April).

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