Kultur : „Die Quallen waren Plastiktüten“

Wes Anderson über „Die Tiefseetaucher“ und die Suche nach einer Familie

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Mr. Anderson, „Die Tiefseetaucher“ ist eine Hommage an Jacques Cousteau. Sie haben wohl viele Filme von ihm gesehen.

Cousteau war ein Held meiner Kindheit. Er war nicht nur ein Meeresforscher, sondern auch ein Erfinder, Filmemacher und internationaler Star, ausgezeichnet mit drei Oscars und einer Goldenen Palme.

Cousteau hatte ein Schlüsselerlebnis, als er 1936 im Hafen von Toulon erstmals eine Schwimmbrille benutzte. Unter der Wasseroberfläche entdeckte er eine neue Welt. Hatten Sie ein ähnliches Erlebnis?

Meine Idee entstand, als ich vor 15 Jahren im College eine Kurzgeschichte über eine Figur schrieb, die von Cousteau inspiriert war. Ich hatte seine Biografie gelesen und tauchte noch einmal in die Filme ein. Sie wirken heute vielleicht überholt, aber die Bilder sind noch immer unglaublich schön. Cousteau erfand einen Look, der damals sehr modern wirkte.

Sie brauchten offenbar einen langen Atem, um „Die Tiefseetaucher“ fertig zu stellen.

Damals wusste ich noch nicht, welche Geschichte ich erzählen wollte. Es gab nichts in meiner persönlichen Erfahrung. Jahre später, als ich das Drehbuch mit Noah Baumbach schrieb, ging es plötzlich um Dinge aus meinem Leben.

Der Blick unter die Oberfläche ist auch eine Metapher für das, was Sie mit ihren Figuren unternehmen.

Auch wenn ich es nicht plane, drehen sich alle meine Filme am Ende darum, dass Menschen versuchen, sich zu einer Familie zusammenzufinden. Ich habe keine Familie. Natürlich bin ich in einer Familie aufgewachsen. Aber ich bin nicht verheiratetet, habe keine Kinder. Vielleicht habe ich das lange heimlich gewollt.

Die Familie ist nicht immer ein sicherer Hafen. Ihre eigenen Eltern ließen sich scheiden, als Sie klein waren.

In den späten Siebzigern kamen Scheidungen in Amerika in Mode. Jeder hatte Eltern, die sich scheiden ließen. Die Väter hatten plötzlich Freundinnen. Es gab überall Stiefmütter. Jeder meiner Freunde hatte andere Sorgerechts-Vereinbarungen. Mein Co-Autor Noah Baumbach hat kürzlich einen Film über die Scheidung seiner Eltern geschrieben.

Ihre Helden sind tragische Figuren, die sich über soziale Spielregeln hinwegsetzen, und sich in der Folge über ihre Einsamkeit wundern. Sie scheinen Verständnis für den Egoismus der Väter aufzubringen.

Bei Bill Murray als Zissou oder Gene Hackman in den „Royal Tenenbaums“ sieht man eine Menge schlechten Benehmens und destruktiver Verhaltensweisen – aber ich empfinde trotzdem Sympathie für diese „Larger -than -Life“-Typen. Sie verfolgen große Ideen und Träume und werden immer egozentrischer. Ich kenne solche Menschen im wirklichen Leben. Sie sind oft zu überraschender Güte fähig.

Das Innenleben des Schiffs scheint den Seelenzustand des Kapitäns zu reflektieren.

Es ist seine Bühne. Alles auf seinem Schiff ist alt und abgenutzt. Sein Konkurrent, gespielt von Jeff Goldblum, hat das neueste Computer-Equipment. Auf seinem Schiff ist alles klinisch rein.

Sie erzählen ein Märchen …

... aber im Zentrum steht eine Figur, die überhaupt nicht märchenhaft ist. Ein Typ, der weniger heldenhafte als vielmehr sehr persönliche Probleme hat. Er leidet durch seinen eigenen Narzissmus.

In ihrem Film sehen wir eine Menge bislang unbekannter Unterwasserkreaturen. Zum Beispiel elektrische Quallen oder einen Jaguar-Hai. Sind Ihnen diese Wesen im Traum erschienen?

Uns war klar: Wenn wir versucht hätten, echte Naturaufnahmen zu zeigen, hätten wir uns in Konkurrenz mit „Discovery Chanel“ begeben. Ich fragte mich: Wie zeigen wir Naturbilder, die niemand zuvor gesehen hat? Der einzige Weg war, sie zu erfinden. Es gibt zum Beispiel einen Manta-Rochen, das ist einfach eine Puppe. Die Krebse und der Igelfisch, der sich aufbläst, das ist alles Stop-Motion. Mit Ausnahme der Quallen, das sind Plastikhüllen mit Glühbirnen drunter.

Für die Dreharbeiten kauften auch Sie selbst ein ausgedientes Schiff.

Die „Belafonte“ war zuvor ein Minensuchboot aus Südafrika. Wir fuhren es ins Mittelmeer, um es umzubauen.

Ähnlich wie Cousteau, dessen 1996 in Singapur gesunkene „Calypso“ demnächst wieder restauriert werden soll.

Sie hat jahrelang in La Rochelle gelegen. Jetzt will man sie als Museum ausbauen.

Haben Sie mit der Cousteau-Gesellschaft zusammengearbeitet?

Das hätte ich gern. Aber ich glaube, sie haben eine größere Mission als ich.

„Die Tiefseetaucher“ laufen in 15 Berliner Kinos, OmU im Babylon, Central, OV im Cinestar Sony-Center. Das Gespräch führte Ralph Geisenhanslüke.

WES ANDERSON , 35,

wurde mit den Filmen „Rushmore“ (1998) und „Die Royal Tenenbaums“ (2001) bekannt. „Die Tiefseetaucher“ mit Bill Murray und Anjelica Huston lief auf der Berlinale.

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