Kultur : Die Queen bittet zu Tisch

Starfotograf, Society-Chronist, fanatischer Ästhet: London feiert den 100. Geburtstag von Cecil Beaton

Nicola Kuhn

Sie sinnen, sie lächeln, sie strahlen. Wen Cecil Beaton porträtierte, den umgab eine Aureole des Besonderen. Bei ihm wurde nicht einfach abgelichtet, sondern inszeniert, nicht einfach die Kamera draufgehalten, sondern hoch artifiziell mit Licht und Schatten operiert, mit Tüchern und künstlichen Blumen dekoriert und vor allem hinterher in der Dunkelkammer retuschiert. Zu Cecil Beaton (1904–1980) kamen sie alle: die Intellektuellen und Leinwandstars, die königlichen Hoheiten und Mannequins. Der gigantische, fünf Jahrzehnte umfassende Bilderatlas des britischen Fotografen ist ein gesellschaftliches Panorama der exklusiven Art – der Reichen, Schönen, Klugen.

Fünfunddreißig Jahre liegt es zurück, dass die National Portrait Gallery in London erstmals in diesem Kompendium blätterte. Damals war das eine Sensation. Denn mit Beaton hatten in dieser altehrwürdigen Institution nicht nur Stars und Sternchen, die Welt des Glamours also ihre Premiere. Erstmals in der Geschichte der Gallery wurde hier Fotografie gezeigt. Damit war diese Gattung offiziell in den Olymp der Künste aufgenommen. Die Ausstellung wurde damals ein Riesenerfolg, der Besucherandrang gewann ungeahnte Ausmaße.

Auch heute bilden sich schon vor dem offiziellen Einlass an den schmiedeeisernen Gittern des Museums Schlangen. Cecil Beaton is back. Mehr noch als Ende der Sechzigerjahre, als der Society-Chronist noch selbst fotografierte, wird der Besuch zu einer sentimental journey, zur Reise in eine endgültig abgeschlossene Zeit. Die National Portrait Gallery feiert den 100. Geburtstag des bedeutendsten britischen Fotografen, mit dem sie selbst den Status des Populären errang.

Noch heute vermag die Figur des Fotografen zu faszinieren, der von sich selber einmal sagte: „Es ist mir gelungen, mein Leben in einem unwirklichen Raum zu verbringen und auch noch Vergnügen daran zu gewinnen.“ Beaton war nicht nur ein Meister des Arrangierens anderer, sondern auch des Selbstinszenierens. Die weit über hundert Arbeiten vereinigende Schau zeigt diverse Porträts, die umgekehrt andere von ihm gemacht haben: anfangs noch elegisch in feminisierender Kleidung, dann üppig, von überbordendem Studiodekor umgeben und schließlich als gealterter Dandy mit weißem Anzug und Slippers. Diese Selbstdarstellungen vermitteln höchstes Stilbewusstsein, das Beaton auch den von ihm Porträtierten angedeihen ließ – egal ob sie es hatten oder nicht. Seine Modelle figurieren stets als ihr ideales Selbst, perfekt in Pose gebracht. Und doch offenbaren sie gerade in dieser Makellosigkeit die mühsam herausgehaltenen Unbilden der realen Welt.

Das verbindet Cecil Beaton mit den beiden anderen Star- und Modefotografen seiner Zeit: Richard Avedon und Horst P. Horst, mit denen ihn eine lebenslange freundschaftliche Konkurrenz verband. Denn alle Drei – der Brite, der Amerikaner und der Deutsche – arbeiteten für die maßgeblichen Magazine „Vogue“, „Vanity Fair“ und „Harper’s Bazaar“, wo sie den Stil einer ganzen Generation prägten. Noch heute sehen wir die Dreißiger und Vierzigerjahre mit ihrer ästhetischer Vision. Was einst für den flüchtigen Blick produziert war, gerade einmal für die Dauer eines Monats, bis zur Herausgabe der nächsten Zeitschriftenausgabe, hängt heute an Museumswänden. Blättert man durch die aufwändigen Kataloge, die ihre Ausstellungen stets begleiten, so kann man einen Eindruck von der kulturellen Schickeria damaliger Zeiten gewinnen: Auch das verband Beaton, Avedon und Horst. In ihren Fotokompendien verkehren nicht nur Mannequins und Schauspieler, sondern auch Schriftsteller, Künstler, Philosophen. Da posiert die Monroe neben Tennessee Williams, Yul Brunner neben Jean Paul Sartre, die Callas neben Camus. Ruhm, Schönheit, ja vielleicht am Ende Eitelkeit hat sie zu dieser heterogenen Galerie zusammengeführt.

Beaton, der schon als 18-Jähriger beschlossen hatte, „ein fanatischer Ästhet“ zu werden, brachte es sogar bis zum königlichen Hoffotografen. Die Queen hatte daran Gefallen gefunden, wie er seine Modelle mit Chinavasen, künstlichen Blumen und plustrigen Chiffonvorhängen in Szene zu setzen verstand. Er schaffte es, dass der Porträtfotograf fortan nicht mehr nur der Mann mit dem schwarzen Tuch war, der durch den Diensteingang kam, sondern eine Persönlichkeit, die man bat, zum Mittagessen zu bleiben. Das heutige Interesse an den großen Fotografen, allein die Gründung des Berliner Museums für Fotografie mit Helmut Newton als Flaggschiff, zeugt davon, dass die Männer hinter der Kamera längst selbst im Fokus der Öffentlichkeit stehen.

Sie sind das Medium, durch das all die künstlerischen Entwicklungen, die verschiedenen Modeströmungen, aber auch die Wechselfälle des Lebens hindurchgegangen sind. Gerade das macht das Werk Cecil Beatons so bemerkenswert. Ein halbes Jahrhundert hat er fotografiert und alles mitgenommen. Den Anfang – nach vielversprechenden Versuchen mit den Schwestern als Modellen – markiert jenes berühmte Porträt Edith Sitwells von 1927, in dem sich die Exzentrikerin so gut getroffen fühlte, dass sie den jungen Beaton sogleich in ihre Kreise einführte. Einer Toten gleich liegt die hagere Schriftstellerin auf dem Boden; ihre Hände halten ein Lilienbouquet; betende Putten aus Stein beugen sich über sie. Den Sinn für extravagante Inszenierungen bewahrte sich Beaton bis zuletzt. So gehört zu den besonders entzückenden Aufnahmen sein Bildnis von Twiggy aus dem Jahr 1967, die er kurzerhand auf einen marmornen Podest zwischen zwei edle Türen steigen ließ. Dort zieht das geradezu kindlich wirkende Modell sein kurzes Röckchen straff und genießt bei aller gespielter Naivität doch diese Ungehörigkeit im Ambiente der High Society.

Auch wenn er wie hier offensichtlich in Wohnräumen fotografierte, so wirken Beatons Bilder häufig, als ob sie im Atelier aufgenommen worden wären. Er war der Erste, der die Mannequins vor weißer Pappe platzierte. Das Artifizielle war sein Stilmittel, womit er auch gegen Fährnisse des Lebens agierte. Brilliant setzt er es beim Porträt der Hollywood-Schauspielerin Lilyan Tashman Anfang der Dreißiger ein, die er vor einem dicken geschwungenen Kabelstrang platzierte. Nicht von ungefähr gewinnt die Szenerie eine surrealistische Qualität, Beaton verkehrte damals in Pariser Künstlerkreisen um Dali und Cocteau, besuchte immer wieder auch Picasso, den er über einen längeren Zeitraum fotografierte. Berühmt-berüchtigt wurde sein Modeshooting inmitten der Trümmer einer bombardierten Londoner Kirche. Das ist ihm heute längst verziehen – als eigenwillige Form des Widerstands gegen die Tristesse jener Zeit.

Eine Ausnahmeerscheinung in seinem Werk bleibt das Bild der kleinen Eileen Dunne aus dem Jahr 1940, das er im Auftrag des Informationsministeriums machte. Es zeigt die Kleine im Gitterbett mit bandagiertem Kopf, eine Lumpenpuppe an sich gepresst. Das rührende Bild, ein Dokument der deutschen Luftangriffe auf die britische Insel, schaffte es bis zu einem Titel des „Life“-Magazins. Das nächste Kinderbildnis sollte ein fast melancholisches Porträt des gerade einmal siebenjährigen Königs Feisal II. von Irak (1942) sein, der steif auf dem für ihn viel zu großen Thron residiert. Damals war er offiziell als Kriegsreporter in den Nahen und Fernen Osten sowie Ägypten, Indien und China unterwegs. So erstaunlich es ist, auch hier widmete er sich vornehmlich den Reichen und Schönen: dem Maharadscha von Jaipur, der Prinzessin von Ferar oder der Königin von Persien. Die Queen hat es ihm gedankt und schlug ihn 1972 zum Ritter. Das Publikum liebt ihn noch heute für diese schönen Seiten des Lebens.

National Portrait Gallery, London, bis 31. Mai. Der Katalog kostet 30 Pfund.

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