Kultur : Die Räterepublik

Deutschland im Consulting-Fieber? Nicht nur die Wirtschaft, auch die Politik lässt sich am liebsten beraten

Peter von Becker

„McKinsey kommt“ – wir wissen zwar noch nichts über die Qualität des gerade angekündigten neuen Stücks von Rolf Hochhuth. Aber der Titel klingt fast genial aktuell. Bei Hochhuth soll es um die sozialen Opfer von „Rationalisierungen und Fusionen“, um „die Katastrophe der Massenentlassungen“ gehen. Doch McKinsey, der Name der amerikanischen Beraterfirma, die auch in Deutschland mit rund 600 Millionen Euro Jahresumsatz vor dem Münchner Konkurrenten Roland Berger das Geschäft der Management Consulter anführt, McKinsey steht für eine ganze Branche.

Für eine Branche, deren Einfluss plötzlich auch als Politikum diskutiert wird. Zumindest ist das öffentliche Erstaunen groß über die „millionenschweren“ Beraterverträge, mit denen beispielsweise das Verteidigungsministerium oder nun immer hartnäckiger Florian Gerster und seine Bundesagentur für Arbeit ins Gerede gekommen sind. Allerdings pfeift hier der Zug der Zeit – denn auch die Politik macht nur das, was in der Wirtschaft oder in der Kulturindustrie längst gäbe ist. Und die Gerster-Behörde, die bis vor kurzem noch (juristisch korrekt) eine „Bundesanstalt“ war, zeigt den Trend schon im neuen Namen.

Das Monster von Nürnberg soll als umgetaufte „Bundesagentur“ weniger amtlich und bürokratisch wirken, die Sache soll mehr nach schlanker Servicestation klingen. Natürlich kann solche Kosmetik keine Arbeitslosenzahlen senken. Aber wenn die Arbeitsvermittler jetzt als „Agenten“ auftreten, mag das nicht nur mehr Dynamik und Findigkeit signalisieren, als man sie dem öffentlichen Dienst gemeinhin zutraut. Der quasi-geheimdienstliche Name weist auch in die Sphäre des Konspirativ-Konsultativen. Im zivilen Bereich hatten früher nur Künstler, vor allem Schauspieler und Sänger, ihre Agenten. Inzwischen sind Agenten nicht nur die Vertrauten von Autoren, sondern als Literaturvermittler zugleich externe Berater der Buchbranche.

Beratung tut offenbar Not in den Zeiten wachsender Komplexität und Unübersichtlichkeit in allen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, technisch-wissenschaftlichen oder auch künstlerischen Bereichen. Dabei hat Beratung durch externe Köpfe gar nicht immer mit dem Hauptberuf oder unternehmerischen Kerngeschäft zu tun. Was in der Privatsphäre mit zur Verbreitung so unterschiedlicher Phänomene wie Psychotherapie, Guru-Kulten oder Schwangerschaftsgymnastik für Frauen und Männer beigetragen hat – die Suche nach Lebenshilfe, Selbstvergewisserung und persönlicher Sinnstiftung –, das wiederholt sich auf anderen Ebenen.

So können prominente internationale Ex-Politiker von ihren meist wolkigen Verlautbarungsvorträgen in Unternehmerclubs oder vor Industrieverbänden leben, weil ihre Zuhörer sich erhoffen, zumindest nachträglich-symbolisch noch irgendwie lehrreich oder in ihrem Selbstwert erhebend vom Hauch der Geschichte angeweht zu werden. Aber auch Philosophieprofessoren, Kultursoziologen oder eher einzelgängerische Schriftsteller sind bei Unternehmensvorständen immer häufiger als gut bezahlte und bewusst unspezifische Berater willkommen. Gleichsam als Kreativitäts-Anstifter, als allgemeine Sinngeber.

Aus dem gleichen Grund lädt sich auch der Bundeskanzler immer mal wieder (unbezahlt) Künstler und Intellektuelle ins Haus. Der Instinktpolitiker schätzt die unberechenbare Spontan-Anregung durch Leute, „die etwas können, was ich nicht kann: etwas erfinden“ (so Schröder einmal im Autoren-Gespräch). Wo es allerdings weder ums Atmosphärisch-Informative noch um persönliche PR-Beratung wie bei Stoiber-Spreng oder Scharping-Hunzinger, sondern um berechenbare Politik und längerfristige Strategien geht, stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von hoheitlichen Aufgaben und privatwirtschaftlicher Beratung. Und – nicht allein wegen der hierfür aufgewandten Steuergelder: die Frage nach dem Nutzen.

Ministerien oder Bundesbehörden sind wie alle Unternehmen (und Menschen) von Betriebsblindheit, Scheuklappen, Fachidiotie, Nabelschau oder dem berühmten Tunnelblick bedroht. Das gilt auch für vorzügliche Fachbeamte, nach deren Kompetenz jetzt die durch allzu viele Beraterverträge irritierte Öffentlichkeit ruft. Doch selbst die fähigste Ministerialbürokratie scheint heute überfordert, der ungeahnten Beschleunigung von Reformdebatten und immer neuen angekündigten Gesetzentwürfen hinreichend substantielle, durchgerechnete Konzepte nachzureichen. Das merkt auch die Opposition, sobald sie sich ihrerseits auf konkrete Papiere, Zahlen, Modelle einlässt.

Bei diesem schnellen, harten Geschäft aber nützen externe Berater kaum. Nicht einmal die wechselnden Hartz- oder Herzogkommissionen. Trotzdem nehmen zur Entlastung oder Stützung des Tagesgeschäfts die mittelfristig operierenden Beiräte und Enquete-Kommssionen zu, vor allem, wenn die Politik sich bioethischen Fragen oder Stadtschlössern mit sieben Siegeln nähert. Im übrigen kümmern sich kommerzielle Berater in Zeiten des Sparzwangs eher um interne Organisationsfragen, um Kosten- und Stellenreduzierung: der McKinsey-Effekt – der ironischerweise (2002/03) auch die Beraterbranche selbst getroffen hat. Das wiederum führt zu einer oft teuer bezahlten Beschäftigung von Unternehmen und Institutionen vor allem mit sich selbst. In deutschen Großbanken und vielen Firmen wundern sich Beobachter schon, wie viele Manager sich unterm Einfluss der externen Berater fast ausschließlich um interne Organisationsprofile und keineswegs ums eigentliche operative Geschäft mehr kümmern. Neue Initiative, Kreativität oder gar des Kanzlers erwünschte „Innovation“ entstehen jedoch nicht auf Kommando und nicht per Consulting. Sonst könnten es die Berater gleich selber machen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben