Kultur : Die Raffinierte

Liselotte Strelows Fotografien bei Johanna Breede

Angela Hohmann
Vier Augen sehen mehr. Joseph Beuys im Blick von Liselotte Strelow, 1967. Foto: Strelow
Vier Augen sehen mehr. Joseph Beuys im Blick von Liselotte Strelow, 1967. Foto: Strelow

Wie ein Wolf vor dem Sprung treffen die dunklen Augen unter dem obligaten Künstlerhut auf den Betrachter. Über die Schulter hinweg lugt neugierig ein jüngeres Spiegelbild. So hat Liselotte Strelow 1967 Joseph Beuys zusammen mit seinem Sohn Wenzel fotografiert, die ganze Agilität des Künstlers in ein Porträt gebannt. Das Bild steht fast am Ende einer Karriere, die im Berlin der 30er Jahre ihren Anfang nahm. Wie keine andere hat sich Liselotte Strelow mit ihren Porträtaufnahmen und Theaterfotografien in das Bildgedächtnis der frühen Bundesrepublik eingeschrieben. Zurzeit widmen sich zwei ergänzende Ausstellungen ihrem Werk: die Retrospektive im Willy- Brandt-Haus mit rund 200 Aufnahmen und die Ausstellung bei Johanna Breede Photokunst mit 60 Fotografien, von denen einige nur dort zu sehen sind.

Nach einer wegen finanzieller Engpässe abgebrochenen Ausbildung beim Berliner Lettehaus und einem Lehrjahr bei ihrer jüdischen Ausbilderin Suse Byk am Kurfürstendamm ist es vor allem die dreijährige Anstellung bei Kodak, die Liselotte Strelow mit allen Raffinessen der Fotokunst vertraut macht. Dort lernt sie unter anderem die amerikanische Beleuchtungstechnik kennen: Mit 20 oder 30 Lichtquellen gelingt ihr die Ausleuchtung eines Gesichts und die unerlässliche „Hollywoodgloriole“.

Diese technische Versiertheit begründet ihr Talent, aus Licht und Schatten ein Gesicht zu meißeln. Doch neben der Kenntnis technischer Tricks ist es auch das Gespür für die Menschen, das sie zur arriviertesten Fotografin dieser Zeit werden lässt. Für die Porträtaufnahmen brauchte sie mit Vor- und Nachbesprechung jeweils eine Woche, so lange dauerte es, bis sie ihr Gegenüber aus der Reserve gelockt hatte. Ihre Schwarz- Weiß-Aufnahmen von Konrad Adenauer, Kurt Schumacher, Maria Callas, Marlene Dietrich und Hildegard Knef lassen die Porträtierten zu Ikonen werden. Gustav Gründgens’ legendäre Schauspielkunst manifestierte sich in ihren Aufnahmen von ihm als Mephisto in der „Faust“-Aufführung 1949 am Düsseldorfer Schauspielhaus. In der Theaterfotografie setzte sie mit direkten Probeaufnahmen neue Maßstäbe in einem Genre, das bis dahin Proben nachstellte und deshalb selten die Atmosphäre einfing.

Sehr ambitioniert und zielstrebig baute sich Liselotte Strelow ihren Ruf auf und erreichte bald, dass es unter Prominenten zum guten Ton gehörte, einmal von „der Strelow“ porträtiert zu werden. Anfang der 70er Jahre verlor sie durch eine Krebserkrankung einen Gutteil ihrer Sehkraft und musste die Arbeit beenden.

Bei Breede sind Porträts und Theateraufnahmen zu sehen und außerdem Aufnahmen einiger Kinder, die in doppelter Hinsicht ungewöhnlich sind: Sie nehmen den Kindern das Süßliche und zeigen sie als Charaktere. Außerdem offenbaren sie eine Porträtkunst, die nicht wie die Prominentenfotografien einem klassisch bürgerlichen Verständnis des Abbildens verhaftet sind (Preise: 800 bis 5200 Euro). Angela Hohmann

Johanna Breede Photokunst, Fasanenstr. 68; bis 23.10., Di–Fr 11–18, Sa 11–16 Uhr.

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