Kultur : Die Rare ist das Wahre

Powerfrau mit langem Atem: Kirsten Harms ist die neue Intendantin der Deutschen Oper Berlin

Uwe Friedrich

Die Nachricht hat Sensationswert: Eine Frau an der Spitze des größten Musiktheaters der Hauptstadt! Für Kirsten Harms ist die Ernennung zur Intendantin der Deutschen Oper Berlin ein Riesenkarrieresprung. Doch wer ist diese Frau, die das Haus an der Bismarckstraße nach vielen Jahren der Depression nun in eine freundlichere Zukunft führen soll? In erster Linie Künstlerin, Regisseurin. Und über die lernt man am meisten, wenn man ihre Arbeit betrachtet.

Langsam taumelnd rieseln unzählige Notenblätter auf Danae herab. Gewissenhaft sammelt sie das Geschenk des Göttervaters ein, ordnet das kulturelle Erbe, schützt und bewahrt es für jene, die nach ihr kommen. Für die zentrale Szene in Richard Strauss’ Oper „Die Liebe der Danae“ findet Kirsten Harms an der Kieler Oper ein ebenso einfaches wie anrührendes Theaterbild: Es sind die Notenblätter eines alten „Rosenkavalier“-Klavierauszugs. Das kann im Zuschauerraum zwar niemand erkennen, aber es hat lange gedauert, bis das richtige Papier gefunden war: Blätter, die nicht einfach zu Boden fallen, sondern lange in der Luft hin und her taumeln. Die Szene muss genau auf der Musik sitzen, vorher gibt sich die Regisseurin nicht zufrieden. „Ich muss ein theaterwirksames Bild für einen bestimmten Seelenzustand finden, das ist das ganze Geheimnis.“

Von 1995 bis 2003 leitete die heute 47-jährige Kirsten Harms die Kieler Oper. Hier machte sie sich vor allem als Retterin angeblich unspielbarer Musikdramen des 19. und 20. Jahrhunderts einen Namen. Mit Riesenwerken wie Strauss’ „Die Frau ohne Schatten“, Puccinis „Turandot“ oder Wagners „Ring des Nibelungen“ forderte sie das Haus bis an die Grenzen und schweißte damit alle Beteiligten eng zusammen. „Die Liebe der Danae“ hat sie im Jahr 2002 glanzvoller wiederbelebt als die Salzburger Festspiele ein Jahr später (übrigens auch als CD mehrfach prämiert), Franz Schrekers Künstleropern „Christophorus“ sowie „Das Spielwerk und die Prinzessin“ hat sie mit großem Erfolg neu befragt. Und wenn in der nächsten Spielzeit die New Yorker Met Franco Alfanos „Cyrano de Bergerac“ als große Rarität herausbringt, haben bestimmt auch Placido Domingo und James Levine vorher die Aufnahme aus Kiel angehört.

Kirsten Harms studierte Musiktheaterregie in ihrer Heimatstadt Hamburg, unter anderem bei Götz Friedrich, dem langjährigen Generalintendanten der Deutschen Oper Berlin, dessen Wunschnachfolgerin sie immer war. Erst nach seinem Tod im Dezember 2000 arbeitete sie erstmals an der Deutschen Oper und bemerkte: „Das Haus ist noch immer perfekt auf ihn abgestimmt. Alle technischen Abteilungen, alle Werkstätten gruppieren sich um den Regisseur. Das ist himmlisch.“ Diese Organisationsstruktur wird sie in ihrer Generalintendantinnenzeit sicher beibehalten, auch wenn sie sich schon lange vom Bühnenrealismus der Siebziger- und Achtzigerjahre , wie ihn Friedrich bis zuletzt verkörperte, emanzipiert hat.

Für sie bedeutet der Probenprozess vor allem Reduktion, herausarbeiten, dessen was wirklich wesentlich ist. Das kann schon mal bedeuten, dass eine komplette Rolle erst kurz vor der Premiere gestrichen wird, wie vor wenigen Wochen bei ihrer ersten Schauspielinszenierung, Shakespeares „Romeo und Julia“ am Staatsschauspiel Dresden. Oder dass sie kurz vor der Generalprobe einen ganzen Akt neu inszeniert wie bei Schrekers „Christophorus“ an der Kieler Oper. Den Sängern hat das verständlicherweise nicht gefallen – aber dem Publikum, dem die Proben schließlich egal sein können, wenn nur das Endprodukt überzeugt.

Nach dem Studium verbrachte Harms einige Jahre in der Hamburger Alternativtheaterszene, sie gehörte zur ersten Generation der Kulturschaffenden in der Kampnagel-Fabrik. Dafür handelte sie sich übrigens eine Rüge des Theaterprinzipals August Everding ein. Der konnte nämlich nicht verstehen, warum eine so talentierte Frau nicht endlich Oper machen wollte.

Ob Everding dieses Drängeln als Frauenförderung verstand? In ihrer Kieler Zeit hat Kirsten Harms auch verstärkt Frauen eingeladen. Auf eine Geschlechterdiskussion möchte sie sich jedoch nicht einlassen. „Es gibt auch nur wenige Männer, die diesen Beruf ergreifen. Man muss einen starken Ausdruckswillen haben und den Apparat beherrschen. Das Geschlecht ist völlig unwichtig, allerdings darf man keine Angst vor Leitungspositionen haben.“ Dazu gehört auch der selbstbewusste Umgang mit sparwütigen Politikern. Das ist sie bereits aus Kiel gewohnt. Der ehemalige SPD-Oberbürgermeister betonte gerne, er könne sich auch gut eine Landeshauptstadt ohne Oper vorstellen. Die Kieler Oper überzeugte ihr Publikum mit Qualität und spielt noch immer – der Oberbürgermeister musste der Kandidatin von einer andern Partei Platz machen.

Die guten Nerven werden der resoluten, aber stets freundlichen Kirsten Harms sicher auch in Berlin gute Dienste leisten. Sie kennt keine Angst vor großen bürokratischen Apparaten, fürchtet sich nicht vor jenen Besserwissern, die mit gutem Rat nur ihre eigenen Intrigen vorwärts treiben wollen. Eine ihrer größten Aufgaben wird es sein, überhaupt wieder Publikum in die Deutsche Oper zu locken. Das wird ihr nur mit einem abwechslungsreichen Spielplan gelingen, und selbstverständlich hat sie bereits Pläne in der Schublade, Stücke, die sie auf jeden Fall während ihrer Intendanz inszenieren will. Darunter sind Werke, die sie schon in Kiel interessierten, aber auch Opernwerke, von denen selbst Fachleute kaum je etwas gehört haben dürften.

Mit den anderen beiden Opernhäusern in der Stiftung dürfte in Repertoirefragen jedenfalls kein Streit entstehen. Harms besitzt einen langen Atem, den hat sie an Wagners Musikdramen geübt. „Wenn das gesamte Personal immer mal wieder die gesamte Geschichte von den Rheintöchtern bis zu Siegfrieds Tod erzählt, kann das auch schnell öde werden. Diese Längen muss man eben so füllen, dass man den Zuschauer permanent packt. Das ist richtig schwer.“ Langeweile kam in ihrem Kieler „Ring“ jedenfalls nicht auf, so übervoll waren die vier Abende mit genial einfachen Theatertricks. Der fürchterliche Drachen in „Siegfried“ war ganz simpel eine Klappmaulpuppe. Gelegentlich spielte die Intendantin selber mit der Kasperlefigur, schließlich war ihre Großmutter die legendäre Hamburger Puppenbauerin Else Lüder.

Vielleicht kommt ihre ungebrochene Freude am Theater auch noch direkt aus der Kinderzeit, als Kasperle und das Krokodil existentielle Fragen mit der Pritsche lösten. So direkt wie dieses Figurentheater Kinder mitreißen kann, soll das hochkomplexe Musiktheater auch auf ein erwachsenes Publikum wirken: „In der Oper geht es doch immer um ganz brisante Fragen. Da können wir alles etwas Neues lernen, und das erhofft man sich doch vom Theater!“

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