Kultur : Die Rasselbande

Vor zehn Jahren gründete sich die Familie der Rundfunkorchester und -chöre. Seither ringt sie um Harmonie

Frederik Hanssen

Sie sind eine klassische Patchworkfamilie: Eine Mutter, die ihre vier Kinder gemeinsam mit drei verschiedenen Vätern durchzubringen versucht. Und als sei das noch nicht verwirrend genug, heißen sie auch noch so kompliziert: Rundfunkorchester und -chöre GmbH Berlin (ROC). Darum stellen sich die vier Sprösslinge am liebsten nur mit dem Vornamen vor: Als Deutsches Symphonie Orchester (DSO), als Rundfunk-Sinfonieorchester (RSB), als Rundfunkchor und als RIAS Kammerchor. Vor genau zehn Jahren, als durch den Fall der Mauer Orchester und Chor des DDR-Rundfunks Waisen geworden waren, kamen sie zusammen: Es war das ZDF, das sich als patente Patentante ihrer annahm und kurzerhand jene GmbH, die einst für das West-Berliner Radio-Sinfonieorchester gegründet worden war, um die beiden Ost-Berliner Ensembles und sowie die beiden Formationen des RIAS erweiterte. Damals waren sie noch zu fünft: Die RIAS Big Band jedoch wurde zum 31. August 2001 aus der Familie ausgeschlossen.

Alimentiert wird die Rundfunkorchester und -chöre-Familie von vier Personen des öffentlichen Rechts. Da ist zunächst das Deutschlandradio, das mit 40 Prozent am meisten beiträgt und – inkarniert durch seinen rührend besorgten Intendanten Ernst Elitz – die Mutterrolle übernommen hat. Und da sind die drei Väter, die mehr oder weniger freiwillig ihre Anteile überweisen, 35 Prozent der Bund, 20 Prozent das Land Berlin und fünf Prozent der RBB.

Durch eine besonders strenge Form der Sippenhaft sind die vier Geldgeber aneinander gekettet: Verringert einer den Etat, müssen die anderen es ihm gleichtun. Als Berlin vor Jahren seinen Beitrag deckelte, führten die Gehaltssteigerungen der Künstler zu einem finanziellen Engpass, der durch die Verstoßung der Big Band gelöst wurde

Nun, da die restliche ROC-Familie ihr zehnjähriges Überleben feiert, geht plötzlich ein anderer, bisher sehr verlässlicher Partner auf Distanz: Der Bund senkt seinen Zuschuss in diesem Jahr um 1,5 und im kommenden Jahr um drei Prozent. Das macht er rasenmäherartig zwar auch bei seinen Kindern aus anderen Ehen (Berliner und Bayreuther Festspiele, Haus der Kulturen der Welt etc.) - doch im Fall der ROC gehen durch die Verbund-Klausel anteilig noch dreimal dieselben Prozentsätze bei den anderen Geldgebern weg, so dass der Gesamtetat 2005 um fast eine Millionen Euro sinkt. Das dürfte zum handfesten Familienkrach führen, wenn nicht gar zu Trennungsdebatten. Denn obwohl Brüder im Geiste, verstanden sich die vier künstlerischen Kinder der ROC in den zehn Jahren nie wirklich als Einheit – sondern vielmehr nur als Notgemeinschaft, in der es darauf ankommt, als Individuen aufzufallen.

Selbst am heutigen Sonntag, wenn das „Musikfest“ zum Jubiläum beginnt, tanzt wieder einer aus der Reihe: Während Rundfunkchor und -Sinfonieorchester brav mit Mutter Deutschlandradio das gemeinsame Zehnjährige im Konzerthaus begehen (während der RIAS Kammerchor mal wieder auf Tournee Geld verdient), hat das Deutsche Symphonie-Orchester einen Termin in der Philharmonie gebucht und macht dort zeitgleich mit seinem telegenen Chefdirigenten Kent Nagano der eigenen Familie Konkurrenz. Das sieht nicht gut aus in der Öffentlichkeit – und macht böses Blut in den eigenen Reihen (auch wenn das DSO versprochen hat, am beim zweiten Teil des Musikfestes vom 13. bis 15. Februar dabei zu sein). Dabei sollten die Kinder endlich einsehen, dass sie sich vertragen müssen, so lange sie die Füße unter einen elterlichen Tisch strecken. Wenn sie sich bockig anstellen und Einzelkämpfer spielen, könnte es doch noch passieren, dass die ROC-Rasselbande auf die Größe einer Kernfamilie eingedampft wird.

Und die besteht laut Statistik nun einmal nur aus Mutter, Vater und 1,35 Kindern.

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