Kultur : Die Rebellin

Schöner Trotz: Karin Baal wird 70

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Foto: Bodo Marks, dpa
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Am Anfang von „Die Halbstarken“ entsteigt sie, wie Botticellis Venus, dem Wasser. Nur dass es nicht das Meer ist, aus dem sie kommt, sondern das Schwimmerbecken im Schöneberger Stadtbad. Das Chlorwasser tropft noch von ihrem Badeanzug, da wird sie bereits von einem älteren, bierbäuchigen Mann angesprochen: „So ganz allein, Fräulein?“ Sie heißt Sissy, „mit Ypsilon wie Romy“, und für die Jungs aus ihrer Clique ist sie „’ne Atomwolke“. Später tanzt sie mit Horst Buchholz in einer Espresso-Bar Rock’n’Roll. Schwarzer Rollkragenpullover, Jeanne-Moreau-Frisur und Katzenaugenblicke, in denen sich Trotz und Kälte mischen. Am Ende wird sie Buchholz, ihren Freund, verraten.

Karin Baal war 15, als sie bei einem Casting unter 700 Mitbewerberinnen für die weibliche Hauptrolle in den „Halbstarken“ ausgesucht wurde. Sie war im Wedding aufgewachsen und hatte gerade eine Ausbildung als Modezeichnerin begonnen. Der Film von Georg Tressler kam 1956 in die Kinos und machte sie zum Star. Baal stand für die raue Schönheit des immer noch halb zerbombten Berlin, als Straßenkind, das aufbegehrt gegen die Welt der Eltern, war sie perfekt besetzt. Vor solchen Jugendlichen fürchteten sich damals die Erwachsenen. „Die Mehrheit der Jugend hat mit der Erscheinung der Halbstarken nichts zu tun. Die Minderheit aber fällt auf und deshalb spricht man von ihr“, heißt es warnend im Vorspann. Wenn man „Die Halbstarken“ heute sieht, ist man immer noch hingerissen von Buchholz und Baal, die sich als Liebespaar wortlos verstehen, einander herausfordern und belauern. Während der Dreharbeiten soll Baal sich in Buchholz verliebt haben. Sie war enttäuscht, als sie erfuhr, dass er sich nur deshalb intensiv um sie kümmerte, weil der Regisseur ihn darum gebeten hatte.

Nach den „Halbstarken“ war Baal auf die Rolle der schönen Rebellin festgelegt, sie spielte ähnliche Rollen in „Das Mädchen Rosemarie“, „Der Jugendrichter“ und „Die junge Sünderin“. Auf Edgar-Wallace-Krimis folgten „Lili Marleen“ und „Berlin Alexanderplatz“ mit Fassbinder. Sie hat vier Ehen hinter sich und machte mit Alkoholabstürzen Schlagzeilen. Heute wird Karin Baal 70. Sie lebt von einer Minirente in Charlottenburg und beteuert, glücklich zu sein. „Ich wollte leben und Spaß haben, alles andere war egal“, sagt sie. Christian Schröder

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