Kultur : Die Reichtumsfalle

Theater-Debatte als Debatten-Theater: Antje Vollmer lässt die Intendanten über die Zukunft der Berliner Bühnen diskutieren

Peter Laudenbach

Claus Peymann ist der Ausflug ans Wiener Burgtheater prächtig bekommen. Beflügelt vom Erfolg, den er dort mit dem Remake seiner Bernhard-Inszenierung „Ritter, Dene, Voss“ erleben durfte, teilt der Chef des Berliner Ensembles mit frischer Verve aus. Die Hauptstadt – ein Witz. Politiker – eine Zumutung, „von mir aus können die alle zurück nach Bonn gehen“. Adrienne Goehlers Vorschlag, die Berliner Theaterszene stärker zu internationalisieren – „Kinderkacke“. Die Theaterkritik – erbärmlich. Und überhaupt: „Kritiker sind liebesunfähig.“

Ort des rauschenden Peymann-Auftritts war der Sitzungssaal der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Jakob-Kaiser-Haus („So eine Luxusbude haben wir nicht im Theater"). Den Anlass für das feurige Solo unter dem Motto Claus P. gegen den Rest der Welt lieferte eine Diskussion zur „Zukunft der Berliner Theater“. Antje Vollmer, Vizepräsidentin des Bundestags, hatte zum vierten Mal zu einer Theater-Anhörung eingeladen. Weil ein Performer von Peymanns Qualitäten sich nicht von Politikern domestizieren lässt, ignorierte der erfahrene Theatermann die Fragestellung souverän, mit der Antje Vollmer das Gespräch in Gang zu setzen versuchte. Und damit machte er zweifellos das Beste, was man mit Floskeln wie „Konkurrenz oder Reform? Event oder Ensemble?“ erreichen kann. Stattdessen: eine Abrechnung mit der Politik als solcher. Schon die ewige Frage nach der Platzauslastung – in Peymanns Augen eine Unverschämtheit schlecht erzogener Politiker. „Wir haben eine Platzauslastung von achtzig Prozent. Ich will mal sehen, wann der Bundestag auf so eine Platzauslastung kommt, da sind doch höchstens zehn Prozent der Plätze besetzt."

Legte Peymanns rasante Abrechnung die Vermutung nahe, die Theater-Anhörung sei vor allem eine sehr unterhaltsame ShowVeranstaltung, machte Carl Hegemann, der Dramaturg der Volksbühne, was Dramaturgen am besten können: Er lieferte die Theorie zur Show. Während sich Peymann damit begnügte, die Politik-Simulation der Anhörung für einen theatralischen Monolog zu benutzen, ging Hegemann einen Schritt weiter und konstatierte, dass nicht nur die Politik Theater ist, sondern die gesamte Gesellschaft des Spektakels zu einer großen Inszenierung mutiert. „Früher hat das Theater die Gesellschaft imitiert, jetzt simuliert die Gesellschaft das Theater.“ Die Chance des Theaters liege darin, sich als den „geborenen Kommentator der Spektakel-Gesellschaft zu begreifen“, als Forschungsinstrument, mit dem sich das Real-Theater der Gesellschaft untersuchen lässt. In einem doppelten AdornoRittberger gelang es Hegemann, Aufklärung und Aufklärungsskepsis, Kritik und Affirmation kurz zu schließen, bis im Oszillieren der Begriffe Kritik und radikale Affirmation ununterscheidbar ineinander kippten. Gegen solche Spiele der Dialektik bestand Peymann, ganz alter Fundi, darauf, dass in seinem Theater die „Subversion“ zuhause sei. „Wir sind die Antiquitätenbude, ihr seid das Kaufhaus.“

Auch wenn ihm die theatralische Wucht Peymanns und Hegemanns Theorierasanz fehlte, erwies sich Bernd Wilms, der Intendant des Deutschen Theaters, als einziger Redner, der dem Geist des Ortes gewachsen war. Mit Blick auf Kanzleramt und Reichstag gab Wilms eine kleine Regierungserklärung ab, die es nicht an gediegenen Sätzen und inhaltlichen Ungenauigkeiten fehlen ließ. Das Bekenntnis zum „im Kern konservativen Spielplan“, der Wunsch, „deutsches Nationaltheater zu werden“, auch der Mut zur Konkurrenz wurden glatt abgehakt. Wie alle Politikerreden bestand Wilms Statement aus vielen hübsch glänzenden Versatzstücken, er wird sie sicher noch oft bei ähnlichen Gelegenheiten verwenden können.

Dass es in diesem mit dem Staatsmann Wilms, dem Monomanen Peymann und dem Dialektiker Hegemann vorgeführten Debatten-Theater zu anstrengenden Zwischentönen kam, ist die Schuld Jochen Sandigs. Der für den Tanz zuständige Dramaturg und künstlerische Leiter der Schaubühne konnte längst nicht so elegant parlieren wie die anderen Herren. Vermutlich erlag Sandig dem Missverständnis, bei der Veranstaltung gehe es um konkrete Politik. So wirkte sein Hinweis auf die katastrophale Unterfinanzierung der Schaubühne rührend hilflos.

All die Klagegesänge, Politikerbeschimpfungen, Belehrungen lullten die Zuhörer aufs Freundlichste ein. So muss sie aussehen, die Zukunft des Theaters: Emphase und große Vokabeln im Sonderangebot, Intendanten, die das zahlende Publikum mit ihren Wortgirlanden sanft ins Nachmittagsschläfchen wiegen, begnadete Entertainer, wie auf Knopfdruck Pathos abfeuern. Erst Volker Ludwig, dem Erfinder und Leiter des Grips-Theaters, gelang es, die routiniert vorgetragenen Klagen zu unterlaufen, und das nicht nur mit der gänzlich unlarmoyanten Feststellung, nach 35 Jahren als Grips-Intendant und Geschäftsführer sei sein Gehalt so hoch wie das des dritten Hornisten der Staatskapelle.

Die Reden seiner darbenden Kollegen von den großen, reichen Theatern erinnerten den Chef des Grips-Theaters an den Schulaufsatz eines Kindes aus besserem Hause. „Das schrieb in sein Schulheft: Wir sind ganz arm. Ich bin arm. Meine Schwester ist arm. Unsere Eltern sind arm. Unser Dienstmädchen ist arm. Unser Butler ist arm. Unser Chauffeur ist arm. Unsere Köchin ist arm. Unsere Reitpferde sind arm...“ Armes, armes Theater.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben