Kultur : Die Reifeprüfung

1995: Er suchte das Abenteuer und landete in Leipzig. Die Stadt machte ihm Angst. Zehn Jahre später traut er sich wieder dorthin.

Matthias Kalle

Das war das Erste, was mich ein Mädchen gefragt hat, damals, 1995: ob ich wisse, was Promiskuität bedeute. Ich sagte, natürlich wisse ich das, es bedeute Geschlechtsverkehr mit häufig wechselnden Partnern, und als ich das sagte, lächelte das Mädchen, machte ein Häkchen auf ihrem Fragebogen und ging. Ich fand, das sei ein guter Start, betrat das Gebäude der Universität Leipzig, trug mich für mein Studium ein und hielt es drei Jahre aus. Dann verschwand ich und wollte nie wieder zurückkehren, aber nach sechs Jahren tat ich es dann doch, wenn auch nur für zwei Tage.

Natürlich kann man eine Stadt nicht hassen, Städte tun einem ja nichts, sie bedrohen nicht, schlagen nicht, lügen nicht, beleidigen nicht. Aber: Leipzig hat irgendetwas mit mir gemacht, das ich nicht erklären kann. Nirgendwo, in keiner anderen Stadt, hatte ich dieses Gefühl, im nächsten Augenblick überfahren, überfallen oder einfach nur beschimpft zu werden. Dabei habe ich Leipzig nie etwas getan. Oder doch?

1994 erschienen die ersten Geschichten im „Spiegel“ und im „Stern“ über die Universitäten im Osten. Die Hochschulen dort seien viel besser als in Westdeutschland, nicht so überfüllt, die Professoren seien näher dran an den Studenten, und außerdem seien im Osten die Lebenshaltungskosten geringer als im Westen. Ich las all das, zudem bot Leipzig genau die Fächer, die ich studieren wollte, nämlich Journalistik und Kulturwissenschaften, der Ruf war ausgezeichnet. Ich bewarb mich, wurde genommen, packte meine Sachen, und im Oktober 1995 kam ich an.

Die ersten Wochen gingen noch, ich lebte in einer kleinen Altbauwohnung, kümmerte mich selbst um mein Essen und meine Wäsche und rauchte im Bett. Wenn ich nicht im Bett rauchte, studierte ich, lernte, las – ich tat eigentlich alles, um nur nicht zu sehr mit der Stadt in Berührung zu kommen, denn ich mochte die Stadt nicht und die Stadt mochte mich nicht. Ich mochte die Stadt nicht wegen des Kirmestechno, der überall lief, wegen der aggressiven Stimmung beim Ausgehen, der Unsitte, vor dem Betreten der Wohnung die Schuhe auszuziehen, wegen der Schlaglöcher, dem Wetter, den Hochbetten in den WGs, dem Hooligan-Style der Jugendlichen, und wegen der Ostalgie, mit der mich die Oststudenten nervten. Und die Stadt mochte mich nicht, weil ich ihr arrogant gegenübertrat, weil ich mich nicht für sie interessierte. Weil ich mich fremd fühlte und nicht wusste warum. Nach drei Jahren beschlossen die Stadt und ich, uns zu vergessen, aber mir fiel alles wieder ein, als mich zwei Leipziger Journalistik-Studenten vor vier Wochen einluden zu ihrem „JournalisTisch“, einem Stammtisch, bei dem Journalisten mit Studenten über die Wirklichkeit sprechen.

Leipzig 2005. Wenn ein Bahnhof so etwas wie ein Versprechen der Stadt ist für all das, was einen erwartet, dann verspricht Leipzig mehr, als jede Stadt halten kann. Der Bahnhof ist monströs, der größte Kopfbahnhof Europas, überall sind Geschäfte, Cafés, Frisöre, Schnellrestaurants. Ich habe sofort Angst, überfahren, überfallen oder beschimpft zu werden. Vorsichtig verlasse ich den Bahnhof, zu Fuß Richtung Augustusplatz, wo das Gewandhaus steht, wo die echten Montagsdemonstrationen stattfanden, wo die Universität ist. An einer Straßenecke steht ein Musikant, und er spielt ein Lied, das zu meinem Soundtrack aus den Leipzig-Jahren gehört. Es ist von der britischen Band Oasis, und es geht darum, dass man nicht im Zorn zurückblicken sollte. Es ist eine Art Bitte.

Ich will in die Uni, aber ich finde den Eingang nicht, denn ein klobiges, schwarzes Gebäude versperrt den Weg, und als ich einen Studenten frage, was das ist, erzählt er mir, dass das Gebäude zum MDR gehört, genau wie das Uni-Hochhaus ja jetzt auch. Das Uni-Hochhaus ist das höchste Gebäude Leipzigs, 142 Meter hoch, und es soll ein überdimensionales, aufgeschlagenes Buch darstellen. Im Hochhaus waren früher die Fakultäten, aber es wurde zu eng und zu klein und heute sind die Fakultäten über die ganze Stadt verteilt. Im Hörsaalgebäude ist noch alles so wie früher, alles erinnert an eine Riesenbehörde aus den 50er Jahren – gerne ist man hier nicht. Und vielleicht denken das auch die Schüler, die heute da sind, denn an der Universität ist „Tag der offenen Tür“, Abiturienten sollen mal sehen, wie das denn so ist, in einer Uni, was man studieren kann und wie die Zukunft aussehen könnte.

„Die Uni könnte vergreisen“, sagt Volker Schulte. Schulte ist Pressesprecher der Universität, davor war er Journalist bei einer kleinen Zeitung, und er sagt, er sei anständig durch die DDR gekommen, deshalb holte man ihn 1992, um dabei zu helfen, der Uni ein neues Image zu geben, weg vom „Roten Kloster“, weg von der „Karl Marx Universität“, wie sie von 1953 bis 1991 hieß. Mit Vergreisung meint Schulte die Stellenstreichungen, wenn er darüber spricht, wirkt er traurig und ein bisschen müde, so, als hätte er einen Kampf verloren. Er erzählt, wie schwer die ersten Jahre nach der Wende waren, der Imagewechsel, der Neuaufbau. Schulte sitzt in einem kleinen Büro in einem prunkvollen Haus in der Ritterstraße. Der sächsische König hat hier gewohnt, wenn er in Leipzig war.

Als ich anfing zu studieren, gab es in Leipzig 20 000 Studenten, heute sind es 31 000, jeder Fünfte kommt aus den alten Bundesländern, dieser Wert ist gleich geblieben, seit Jahren. Schulte kann sich darüber nicht richtig freuen, denn obwohl die Zahl der Studenten zunimmt, nimmt die Zahl der Lehrenden ab. Trotzdem schafft es die Universität bei den Rankings immer noch an die Spitze, vor wenigen Wochen im „Spiegel“ landete sie auf dem dritten Platz. „Das liegt daran, dass wir noch immer kürzere Studienzeiten haben, und dass die Betreuung besser ist“, sagt Schulte. „Die Studenten fühlen sich hier sehr wohl.“ Dann spricht er noch über neue Studienabschlüsse, über den Wissenschaftsstandort Leipzig, über Eliten. Und er spricht von den Bauvorhaben der kommenden Jahre, davon, dass es einen neuen Campus geben wird, ein Audimax, eine neue Mensa, und dass das Hörsaal- und das Seminargebäude saniert werden. Wenn Schulte darüber spricht, dann so wie einer, der sich noch begeistern kann, trotz aller Schwierigkeiten. Wie einer, der weiß, dass er im Dienst einer guten Sache steht. Am Ende sagt er, dass es großartig sei, dass die Universität mitten in der Innenstadt liegt, dass davon jeder profitiere, dass es einfach passt.

Schulte hat Recht. Es passt. Die Studenten prägen das Stadtbild, sie sitzen in den Cafés und schlendern durch die Passagen, und ich hatte wohl vergessen, dass das auch früher schon angenehm war: an einem Ort zu studieren, einzukaufen, essen und trinken zu gehen – wenn man aufpasst, dass man nicht in eine Grube plumpst. Denn so wie mit den Studenten, die das Stadtbild prägten und prägen, ist es auch mit den Baustellen. Es sind nicht mehr so viele wie früher, aber manche scheinen nur ein paar Meter weiter gewandert zu sein. Und da, wo früher ein Kino war, in der Petersstraße – ein schönes Kino, mit mehreren Sälen – ist jetzt eine Baustelle und ein paar Meter weiter, wo früher ein Loch war, dass man in den drei Jahren, in denen ich in Leipzig lebte, nicht zubekommen hatte, sind jetzt die Peterspassagen, mit einem Cinestar und einem Casino. Die Peterspassagen sind wohl aber kein unique selling point.

Aber davon hat Leipzig eh viel zu viele. Sagt zumindest Richard Schrumpf, und der muss es schließlich wissen. Schrumpf, 64, ist Geschäftsführer des „Leipzig Tourist Service e.V.“ und verantwortlich dafür, dass Leipzig Gäste hat, die sich wohl fühlen und wiederkommen. Schrumpf kam zwei Monate nach mir nach Leipzig, im Dezember 1995, aber er blieb, denn er sagt, hier sei es „traumhaft, sensationell“. Früher war er Fremdenverkehrsdirektor in Graz, möglicherweise hatte er da nicht so viel zu tun – nach Graz kommen die Leute von alleine. Nach Leipzig muss man sie holen.

Seit drei Jahren will die Stadt die Leute mit dem Claim „Leipziger Freiheit“ holen. Schrumpf mag den Claim nicht. Vorher hieß er „Leipzig kommt“, den fand Schrumpf besser. Trotzdem druckt die „Leipzig Tourist Service e.V.“ „Leipziger Freiheit“ auf jede Broschüre. „Das provoziert immerhin, darüber kann man diskutieren“, sagt Schrumpf. Er sagt auch, dass er ein Marketingmann ist und in seinem Leben bereits zehn Firmen hatte, und deshalb weiß er auch, dass man keine Werbung machen, sondern einfach nur Kundenwünsche erfüllen muss. „Wir müssen Sehnsüchte befriedigen. Wir sind Sehnsuchtsdesigner“, sagt Schrumpf.

Wie befriedigt man Sehnsüchte? Dazu müsse man die Sehnsüchte kennen, und die größte Sehnsucht, die Leipzig befriedigen kann, sei Bach. „Leipzig ist Bachstadt. Natürlich sind wir auch Kulturstadt und Messestadt und Buchstadt und Sportstadt – aber das sind andere auch. Wir sind die einzigen, die sagen können: Wir sind Bachstadt!“ Schrumpf sagt, dass es so funktioniert, und wer mit Bach nichts anfangen kann, für den bietet die Stadt „50 Superlative“, unter anderem den, dass in Leipzig 1864 der Schrebergarten erfunden wurde – benannt nach dem Orthopäden Gottlieb Moritz Schreber. Und der Zoo hat die größte Menschenaffenanlage der Welt.

Schrumpf sagt, dass eigentlich alles im Leben Marketing sei und dass es darauf ankomme, Kundenwünsche zu erfüllen, dass Leipzig ein Produkt sei, das er verkaufen müsse. Menschen sind für den Sehnsuchtsmanager Schrumpf Kunden, und auf die Frage, ob er Leipzig liebt, antwortet er nicht mit ja und auch nicht mit nein, aber das war vielleicht auch eine blöde Frage.

Am Ende schickt mich Schrumpf zum Kaffeetrinken in den Coffe Baum, das älteste Café Europas. Der Coffe Baum ist ein unique selling point, ein USP. Der Kaffee war gut.

Sehnsucht. Stimmt das am Ende? Konnte Leipzig einfach nicht meine Sehnsucht befriedigen? Die Sehnsucht, das Leben in der westdeutschen Provinz gegen etwas Besseres, Größeres, Schöneres einzutauschen, was es in Leipzig einfach nicht gab, oder was ich einfach nicht fand, weil ich nicht danach suchte. Kamen die Stadt und ich deshalb nicht zusammen? Lag es daran? Es lag jedenfalls nicht an Harald Homann. Bei ihm studierte ich Kulturgeschichte, und seine Vorlesungen waren spannend wie ein Krimi. Seinetwegen habe ich meine Zwischenprüfung über den geschichtsphilosophischen Ansatz von Kant gemacht, und bevor ich mich entschloss, mein Studium abzubrechen, ging ich in seine Sprechstunde, und er versuchte nicht, es mir auszureden.

Homann selbst kam 1991 nach Leipzig und blieb, vorher war er in Tübingen. Er sagt, dass er sich hier sehr wohl fühle. Homann pendelt nicht, er kam gleich mit seiner Familie nach Leipzig, er sagt, dass die Stadt damals grau und laut war, und dass er fasziniert war bei etwas dabei zu sein, das anfing. Er schwärmt von den ersten Jahren, vor allem von den Menschen und ihren Geschichten. „Es gab ein großes Bedürfnis zu erzählen. Davon, wie man gelebt hat, was schön war, worauf man sich jetzt freut. Dieses Bedürfnis, über die erzählte Biografie sich selbst zu vergewissern und sich einzustellen auf das Neue – das war überwältigend.“ Aber die Studenten waren anders. In den ersten zwei, drei Jahren hatte Homann viele, die durch das DDR-Bildungssystem sozialisiert waren. „Sie waren – und sind bis heute – sehr zurückhaltend, sehr fleißig, sehr zielstrebig. Die Studenten aus dem Westen waren und sind kommunikativer. Sie haben weniger Probleme, ihre eigenen Positionen darzustellen. Sie sind offener. Und gleichzeitig unsicherer.“

Unsicherheit. Vielleicht ist es das, was damals nicht zusammenpasste, vielleicht blieb ich deshalb in Leipzig ein Fremder, und vielleicht blieben mir deshalb die Menschen in Leipzig fremd. Homann sagt: „Natürlich gibt es immer noch Probleme, die mit Erfahrungen zu tun haben, aber es lässt langsam nach. Denn jetzt erleben wir die erste ostdeutsche Studentengeneration, die deutliche Konflikte mit ihren Eltern austrägt. Sie können mit ihnen nicht über die DDR reden, weil sie glauben, ihre Eltern hätten ein DDR-Bild, das mit der Realität nichts zu tun hat. Die Oststudenten sehen die DDR emotionslos, als etwas Historisches, mit dem sie zufällig über ihre Eltern verbunden sind.“

Homann sagt, sei das 1995 ganz anders gewesen. Diskussionen in Seminaren zur Ost-West-Problematik musste er abbrechen, er sagt, damals gab es eine „Verhärtung“. Ich sage, wahrscheinlich leben wir in historischen Zeiten. Homann lacht, dann sagt er: „Ja, wir leben in historischen Zeiten, aber es kommt darauf an, welcher Beobachter das sagt. Wer etwas erlebt hat und Jahre später die Veränderung registriert und sich dadurch vergewissert, dass wir in sich verändernden Zeiten leben – und was das bedeutet – der hat eine bestimmte Weltinterpretation, die biografisch berechtigt ist. Wie bei Ihnen.“

Homann kann die Veränderung nicht registrieren – er war ja nie weg. Er sagt, wenn er jetzt seine eigene Biografie ordne und sie mit meiner vergleiche, dann sei ich tatsächlich in einer Zwischenphase in Leipzig gewesen. „Als Sie da waren, war die erste Phase der Euphorie und der hohen Intensität vorbei, die Fremdheitserfahrung unter Ost- und Weststudenten war aber noch da. Und seit drei, vier Jahren gibt es hier noch mal einen anderen Push. Die Stadt verändert sich rapide. Sie ist interessant, wird aber auch etwas normaler, das bedeutet für die Studenten, für die die Wende Geschichte ist, dass sie etwas selbstverständlicher nach Leipzig kommen, anders als vor zehn Jahren.“ Er sieht jetzt, dass ich ein wenig traurig schaue, so als ob ich begriffen hätte, dass es für mich der falsche Ort zur falschen Zeit war, damals, Leipzig, 1995. Zum Schluss sagt er: „Wandel ist das Signum aller Zeiten.“

Am Abend sitze ich mit den Studenten zusammen, die mich eingeladen haben, ich rede, sie fragen, ich antworte. Und sie erzählen mir, wie nett sie es hätten miteinander in Leipzig, und ich sehe, wie gut es ihnen geht, dass sie sich verstehen, völlig egal, woher sie kommen. Einer sagt später zu mir, ein Erstsemester, dass die Umgangsweise hier sehr offen und sehr freundlich sei. Und sehr offen und sehr freundlich trinken wir Bier und lachen, und nach dem Stammtisch gehe ich mit ihnen noch auf zwei Studentenpartys, bei denen man die Schuhe vor der Tür ausziehen muss und wo Hochbetten in den Zimmern stehen, und ich denke zu keiner Zeit, dass ich gleich überfahren, überfallen oder beschimpft werde. Irgendjemand legt Oasis auf.

Das war das Letzte, was mich ein Mädchen fragt, heute, 2005, zehn Jahre später: Ob ich eigentlich wisse, was denn nun genau der Unterschied ist zwischen damals und jetzt, und ob sich viel geändert habe, ob die Studenten anders seien, die Stadt, die Uni? Ich sage, dass ich es nicht genau weiß, dafür wisse ich aber, was Promiskuität bedeute.

Aber das wusste sie selber.

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