Kultur : Die Reise nach Madagaskar

Peter von Becker

Doch die Leichen schöner Krimis leben länger. Und es gibt auch Wiederauferstehungen.

Was der kleine Schnüffelwichser hier treibe in der Villa ihrer Eltern, fragt Miss Laura Kensington, ein blondes Gift mit nichts als Sex und Whisky im Blut und eiswürfelklirrendem Spott in den Augen. Er wolle den Raub der K-K-Kensington-Juwelen aufklären, stottert C. W. Briggs, das Männlein im Trenchcoat, angesichts der Millionenerbin im weißseidenen Morgenrock. Briggs ist Privatdetektiv. Doch wenn Charlize Theron den einen Kopf kürzeren Woody Allen zur Schnecke macht, kitzelt sie ihm auch amüsiert die Fühler: Normalerweise bevorzuge sie kräftige, athletische Männer. Worauf Briggs alias Allen antwortet: Ich kann ja noch ein paar Liegestütze machen ...

Den Ton, den Witz kennen wir alle. Ist es doch für Woody Allen als Regisseur und Drehbuchautor der 32. Kinofilm in 32 Jahren. Und fast immer hat er selbst mitgespielt und damit neben allen anderen Wunderbarkeiten die lebenslängliche Pubertät eines hyperventilierten, supersensitiven Großstadtminimachos verkörpert. Plötzlich aber glauben wir hier auch Lauren Bacalls und Humphrey Bogarts Wiedergänger zu sehen. In Howard Hawks "Big Sleep" (Tote schlafen fest) war die Bacall die arrogante höhere Tochter, die Bogarts kleinem Marlowe, den ihr Vater gerade engagiert hatte, erst mal kräftig auf den Hut spuckte, bevor die Dinge mit Whisky, Mord und Liebe ganz cool und auch hutab ihren Lauf nehmen.

Woody Allens jüngster Film mit dem sonderbaren Titel "Im Bann des Jade-Skorpions" - was Chandlerfans und Bogartfreunde wiederum an "Die Spur des Malteserfalkens" erinnert - steckt voller offener und verborgener Anspielungen. Zum ersten Mal seit "Mighty Aphrodite" (Geliebte Aphrodite, 1995) hat Allen neben seinen hübschen alten Witzen auch wieder einen zweiten Atem. Der "Jade-Skorpion" ist eine so schöne Komödie, weil sie nicht nur die 40er Jahre mit leichthändiger Ironie in Kino-Gesten und Moden zitiert. Sondern auch die Gegenwart listig widerspiegelt.

Soeben hat C. W. Briggs, obwohl erkennbar nicht mehr der Jüngste, sich wieder als bester Gaul im Stall der New Yorker Detektivfirma Magruder erwiesen. Briggs hat einen gestohlenen Picasso weitsichtig in einem Fernrohr aufgespürt; nun lädt Magruder zur Feier in einem Nachtclub, wo ein Varieté-Künstler Briggs und seine neue Kollegin Betty Ann Fitzgerald für eine Zaubernummer auf die Bühne bittet. Mit einem pendelnden Skorpion aus Jade und Worten wie "Konstantinopel" und "Madagaskar" versetzt er die beiden in Trance, verwandelt sie in ein schmachtendes Liebespaar - Gelächter, dann schickt er sie erinnerungslos in die Realität zurück. In der sich Briggs und Betty Ann wie Hund und Katze begegnen.

Miss Fitzgerald, gleichfalls einen Kopf größer und mit einem rasiermesserscharfen Mundwerk (und Verstand) gesegnet, erscheint dem braven Briggs nämlich wie ein Raubtier. Eine blonde Bestie, allerdings von ganz anderer Art als die junge Millionärstussie. Sie ist keine Männerfantasie, sondern eine eisern reale Lady - und sehr moderne Frau. In einer alten Zaubergeschichte. Briggs nämlich wird demnächst in nächtlichen Anrufen von dem Magier wieder in Trance versetzt und mit dem Stichwort "Konstantinopel" ferngesteuert: um bei den Schönen und Reichen jene Safes zu knacken, die Briggs als Magruder-Mann einst selbst einbauen und sichern ließ. So ist er nun in seinem Berufs- und Tagleben als Detektiv, ahnungslos wie einst Ödipus, der eigenen Tat auf den Spuren. Dabei kommt ihm freilich eine Konkurrenz-Firma ins Gehege, und selbst die tumberen Kollegen Schnüffler ahnen, dass hier nur ein Insider am Werk sein kann. Das Doppelspiel tanzt dahin, bis man Briggs ertappt, bis die blonde Kensington ihn befreit, bis Miss Fitzgerald ebenso vom Zauberbann erfasst wird - und sich alles naturgemäß turbulent, doch glücklich aufklärt.

Glücklich? Betty Ann Fitzgerald, die ein selbstmordgefährliches Verhältnis mit Mister Magruder pflegt, wurde von ihrem Chef ursprünglich engagiert, um das Traditionsunternehmen betriebswirtschaftlich ein wenig zu durchleuchten. Und das ist Woody Allens brillanter Einfall: Er konfrontiert seinen Briggs, der Betty Ann (Helen Hunt) erst für eine bessere Sekretärin hält, nicht einfach nur mit den üblichen erotisch neurotischen Witzchen einer emanzipierten jüngeren Frau. Vielmehr verkündet sie dem von Allen wunderbar angeknittert gespielten Platzhirsch, dass sein Revier der Totalrevision unterzogen werde: "Dies sind die vierziger Jahre. Eine neue Zeit hat begonnen!" Sie interessiere nicht seine "fragile Männlichkeit". Sondern: Effizienz! Rationalisierung! Statt konspirativem Geschnüffel und unwissenschaftlicher Intuition gelten nunmehr Technik, Logistik, Spezialisierung. Im Rahmen neuer Arbeitsteilung werde sie Arbeiten "outsourcen", Aufträge an externe Ermittler vergeben. Das klingt nicht wie ein Vergangenheitsmärchen. Allens Satire spielt die Gegenwartsmusik, indem sie im Detektiv als romantisch einsamen Wolf einen jener Unternehmer entdeckt, denen Peter Handke einst in seinem Drama "Die Unvernünftigen sterben aus" ein Denkmal setzte. Das war noch vor der New Economy. Doch Woody Allen und die fies rührige und dann frappant rührende Helen Hunt zaubern nun zwischen allen Zeiten. Bis sie das Wort "Madagaskar" erlöst - und zum Finale in eine eher fatale Ehe verdammt. Das neue Leben: ein Alb, ein Traum, was sonst.

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