Kultur : "Die Reise" von H.G. Adler hat selbst schon eine bewegte Geschichte hinter sich

Jörg Plath

Dieses Buch hat eine lange Geschichte verhinderter Publikation- und Rezeption. Und es steht zu befürchten, daß ihm auch durch die Neuausgabe keine Gerechtigkeit widerfahren wird. H.G. Adlers "Eine Reise" ist zwar schon längst in den Kanon der wichtigsten Romane über die nationalsozialistischen Judendeportationen eingegangen, begleitet von Elias Canettis Bemerkung, es sei "das klassische Buch dieser Art von Reise". Aber der rechte Zeitpunkt scheint versäumt, zu dem es die vielen Leser gefunden hätte, die ihm zu wünschen sind.

Vielleicht gab es diesen Zeitpunkt auch niemals. Adler hatte seinen Roman über die Deportation und Vernichtung der fünfköpfigen Familie Lustig 1951 fertiggestellt und fand elf Jahre lang keinen Verlag. In dieser Zeit gingen die wenigen Bücher über dasselbe Thema meist unter. Paul Celans Gedichtband "Sand aus den Urnen" von 1948 mußte schließlich eingestampft werden. Die Deutschen betrachteten sich gern - Martha Gellhorn schildert es in ihren Nachkriegsreportagen - als die eigentlichen Opfer.

Adler wußte, welchem Widerstand "Eine Reise", 1962 endlich von der kleinen Bibliotheca Christiana verlegt, begegnen würde. In einer Szene erträumt die im KZ sterbende Zerline Lustig ihre Rückkehr in die Heimatstadt. Die ehemaligen Nachbarn wollen sie jedoch nicht erkennen, und so fleht sie: "Aber nicht alle sind tot! So glaubt es doch! Es gibt Überlebende, wir sind Überlebende!" Die Nachbarn wissen vom Menschheitsverbrechen - und hoffen, es wäre noch erfolgreicher gewesen, damit sie die Güter, die sie sich angeeignet haben, nicht zurückgeben müssen. So erklären sie für tot, wer noch lebt, und vollstrecken das Werk der Täter.

"Eine Reise" ist ein radikaler Versuch, den Erfahrungen der Totgesagten eine Stimme zu verleihen. Ihnen wird nämlich zuerst die vertraute Sprache genommen und dann jede andere Gewißheit: Die Gesetze, auf die sich Familie Lustig angesichts der Schergen beruft, die sie zum Sammelplatz führen, regeln bereits ihre Deportation; der Glaube, der auf dem "Zusammenhang des Menschen mit der Umwelt" beruht, zerbricht, weil die Umwelt wegschaut; und vom Sinn des Lebens und der Zukunft ist nur noch zu schweigen. Im zynisch Ruhenthal genannten KZ sind die Lustigs wie alle Häftlinge nur noch "ehemalige Menschen"; die Einwohner der Nachbarstadt nehmen die "Geister" nicht einmal mehr wahr, wenn sie zur Arbeit durch die Straßen trotten. Die KZ-Häftlinge sind tot, lange bevor sie verhungern oder hingerichtet werden.

Im KZ Ruhenthal ist unschwer Theresienstadt zu erkennen, jene Stadt, von der die nationalsozialistische Propaganda verlauten ließ, der Führer habe sie den Juden geschenkt. Nach Theresienstadt wird der 1910 geborene Prager Wissenschaftler und Schriftsteller H.G. Adler 1942 zusammen mit seiner Frau und den Schwiegereltern deportiert. Der Vater seiner Frau stirbt dort; die übrigen werden im Oktober 1944 nach Auschwitz geschickt, wo Adlers Frau freiwillig mit ihrer Mutter ins Gas geht.

Adler wird 1945 in Langenstein-Zwieberge befreit und wandert 1947 nach London aus, wo er Elias Canetti und Franz Baermann Steiner wiederbegegnet. An den Freundeskreis hat gerade das Marbacher Literaturarchiv in einer Ausstellung erinnert, die zur Jahreswende auch in Berlin zu sehen war.

Noch vor der Emigration, im Nachkriegs-Prag, beginnt H.G. Adler, der seine Vornamen abkürzt, weil sie auch ein Stellvertreter Eichmanns trug, an der Studie "Theresienstadt 1941-1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft" zu arbeiten. Als sie nach siebenjähriger Verlagssuche 1955 endlich erscheint, wird Adler schlagartig bekannt; in den sechziger und siebziger Jahren gilt er als führender Holocaust-Forscher. Sein Opus magnum "Der verwaltete Mensch" (1974) schildert, wie die bürokratischen Euphemismen ("Judenvermögensabgabe" statt Enteignung) die Opfer über die Endlösung täuschen und die Täter zur Selbsttäuschung verlocken.

Aus dem Schatten der wissenschaftlichen Arbeiten vermögen die zeitgleich entstehenden literarischen nicht zu treten. In schneller Folge schreibt Adler von 1948 bis 1952 und 1954 bis 1961 vier umfangreiche Romane. Zwei von ihnen sind - ebenso wie zahlreiche Gedichte - noch immer nicht gedruckt; "Die unsichtbare Wand" wird erst 1989, ein Jahr nach Adlers Tod, publiziert.

Zu seinen Lebzeiten erscheinen einige Bände mit Erzählungen sowie "Eine Reise", die Heimito von Doderer als "Ballade in Prosa" bezeichnet hat, in der ein "ganzer Berg von Schrecken . . . zum Liede" werde. Das Lied ist nicht weniger grauenerregend. Virtuos bis zur Schmerz- und Verstehensgrenze beschwört Adler die beklemmende Existenz von Menschen herauf, die aus der Welt gefallen sind. Darin gleicht "Eine Reise" den existentialistischen Romanen der Zeit - nur trägt das Verhängnis in ihm historische Koordinaten.

Die KZ-Welt ist ein in Fragmente zerschelltes und polyperspektivisch gebrochenes theatrum mundi. Beständig wechselt sein Erzähler zwischen Dialogen, inneren Monologen, essayistischen, märchenhaften und lyrischen Passagen; Spätexpressionistisches ("Mit feistem Behagen schmolz Frau Lischkas Gruß durch das Treppenhaus") steht neben Alttestamentarischem ("Du sollst nicht wohnen"); für das hochmoderne Krematorium wird kühl-technisch geworben, die Deportation per Eisenbahn geschieht in verfremdender Montage: "Ohne Fahrt kein Zeitvertreib. Vor Gebrauch der Hinrichtung schütteln und fünfzehn Tropfen mit einem vollen Glas Wasser nehmen. Nicht an der Eisenbahn, sondern an der menschlichen Gleichgültigkeit sollst du sie erkennen! Kredit und Sicherheit zuerst!"

Auf diese Weise spiegelt Adler voller Furor die grauenerregenden Ereignisse, versagt ihnen aber die realistische Nacherzählung; auch die Henker charakterisieren nur Eigenschaften ("der Schielende"). Was anfangs eine erstaunliche Unschärfe gegenüber den Tätern zu sein scheint, erweist sich bald als Folge der ungeheuren Anstrengung, für die Erfahrung der Opfer eine Sprache zu finden. Ratlos erfährt der einzige Überlebende der Familie Lustig am Ende, daß seine einstigen Mitbürger ihn als Sieger betrachten.

So unnachgiebig Adler die unüberwindliche Grenze zwischen Tätern und Opfern, ihren jeweiligen Begriffen, Wirklichkeiten und ihrem Verständnis der Ereignisse festhält, seinen Überlebenden läßt er alle Hoffnung auf Gnade setzen. Das ist nach all der Unerbittlichkeit eine berührende Wendung.H.G. Adler: Eine Reise. Roman. Mit einem Nachwort von Jeremy Adler. Paul Zsolnay Verlag, Wien 1999. 316 S., 39,80 Mark.

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