Kultur : Die reparierte Geschichte

Rekonstruktion oder Ruine, das war in Deutschland lange die Frage. Zum Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche

Bernhard Schulz

Wenn am kommenden Sonntag die Dresdner Frauenkirche festlich eingeweiht wird, sind die erbitterten Debatten um ihren Wiederaufbau endgültig Vergangenheit. Kann man das?, war erst die zweite Frage. Sie ist, für jedermann ersichtlich, glanzvoll beantwortet. Die erste Frage aber lautete: Darf man das? Diese Frage nach der moralischen Zulässigkeit des Wiederaufbaus von im Krieg – dem von Deutschland angezettelten Krieg – zerstörten Bauwerken bestimmte zahlreiche Kontroversen seit 1945.

„Wiederaufbau? Technisch, geldlich nicht möglich, sage ich Ihnen; was sage ich? – seelisch unmöglich!“ Otto Bartnings Ausruf von 1946 wurde zum geflügelten Wort. Der Kirchenbaumeister brachte den hohen moralischen Anspruch der Davongekommenen auf den Punkt. Ausführlicher formulierte es der Publizist Walter Dirks unter dem programmatischen Titel „Mut zum Abschied“ im Streit um das zerstörte Frankfurter Goethehaus Ende der Vierzigerjahre: „Es gibt Zusammenhänge zwischen dem Geist des Goethehauses und dem Schicksal seiner Vernichtung. Einige von ihnen sind mit Händen zu greifen: Wäre das Volk der Dichter und Denker nicht vom Geist Goethes abgefallen, so hätte es diesen Krieg nicht unternommen und diese Zerstörung nicht provoziert.“ Dirks’ Fazit wurde zum Leitfaden der jungen Bundesrepublik: „Nur eines ist hier angemessen: den Spruch der Geschichte anzunehmen, er ist endgültig.“ Das Verdikt gegen alles Überkommene rechtfertigte die Flächenabrisse, die die Fünfzigerjahre kennzeichnen. Die horizontweit enttrümmerten Brachflächen kamen durch Beseitigung zahlloser Teilruinen zustande, die durchaus hätten wiederaufgebaut werden können.

Seitdem wurde um eine erkleckliche Anzahl markanter, ja identitätsstiftender Bauten gestritten – mit wiederkehrenden Argumenten. Das Frankfurter Goethehaus steht symbolisch am Anfang, drohte doch das Goethe-Jahr 1949 ohne seinen baulichen Bezugspunkt im Frankfurter Stammhaus des Dichters auskommen zu müssen. Beinahe zeitgleich entbrannte eine heftige Kontroverse um den Wiederaufbau der Frankfurter Paulskirche, die für die 1849 gescheiterte, mit einem Jahrhundert Verspätung dauerhaft zu etablierende bürgerliche Demokratie steht. In München war es die Alte Pinakothek Leo von Klenzes, die an den Untergang der „Kunststadt“ gemahnte; ebenso wie sich an die weitläufige Residenz die 500-jährige Tradition Münchens als Hauptstadt der bayerischen Wittelsbacher knüpfte.

Allein um das Schicksal dieser vier Bauten wurde exemplarisch gerungen. Anderenorts fielen die Entscheidungen unterhalb der Schwelle nationaler Aufmerksamkeit. Die Frage von Abriss, „entschlacktem“ Wiederaufbau oder historisch getreuer Restaurierung verlagerte sich auf die Fachebene, in der Sachzwänge die Entscheidung zu diktieren schienen. Gleichwohl blieb Dirks’ moralisches Verdikt wirksam: dass in dem Land, das den Krieg vom Zaun gebrochen hatte, der „Spruch der Geschichte“ als „endgültig“ anzunehmen sei. Zerstörung als gerechtes Strafgericht – diese Sicht bildet bis heute das Fundament des Dogmas, dass verlorene Substanz nicht neu geschaffen werden dürfe.

In Frankfurt führte die beinahe zeitgleiche Diskussion zu unterschiedlichen, aber gleichermaßen vorbildlichen Ergebnissen. Das Goethehaus entstand in seinen überlieferten Formen vollständig neu – die Paulskirche jedoch, deren „ausgebranntem Raum“ der als Architekt hinzugezogene Rudolf Schwarz „römische Größe“ attestierte, wurde durch Purifizierung zum Mahnmal der Geschichte umgeformt. Und zum Symbol des geistigen Aufbruchs der jungen Bundesrepublik.

Die Denkmalpflege stand, ohne es zu reflektieren, zumeist in der Tradition ihrer eigenen Begründung ein halbes Jahrhundert zuvor. „Konservieren, nicht restaurieren“ – dieser Leitsatz ihres Gründervaters Georg Dehio von 1905 war gegen die überbordende Dekorationswut seines geschichtsseligen Zeitalters formuliert worden. Nun verband er sich mit dem moralischen Rigorismus der Nachkriegszeit. Nur gab es nach den Flächenbombardements der Alliierten nicht mehr viel zu konservieren. Dass mit dieser Ausgangslage durchaus keine zwingende Vorentscheidung getroffen war, verdeutlicht die romantische Kleinstadt Rothenburg ob der Tauber, die noch in den letzten Kriegstagen ausbrannte – bald aber in ihrer alten Gestalt wiedererstand und weltweit als traditionsgesättigtes Kleinod geschätzt wird.

In München wurde die in ihrem Mitteltrakt schwer getroffene Alte Pinakothek zum Memento des Krieges. Hans Döllgast füllte die trichterförmige Zerstörung mit unverputztem Mauerwerk, das die Klenzesche Fassadengliederung aufnimmt und so den Verlust des ursprünglichen Bauschmucks nachdrücklich vor Augen stellt. Dahinter führte Döllgast eine monumentale Treppe ins Obergeschoss, die den Charakter des noblen Flickwerks unterstreicht. Döllgasts Rekonstruktion gilt seither als Vorbild einer interpretierenden Denkmalpflege im Umgang mit Kriegsschäden.

Gegensätzlich vollzog sich hingegen der Komplett–Aufbau der Münchner Residenz. Dagegen gab es „zu keiner Zeit, weder in der Bevölkerung noch in der Presse, eine nennenswerte Opposition“, konnte der langjährige Bauleiter der Residenz, Tino Walz, rückblickend feststellen. Was sich heute als geschlossenes Ensemble darbietet, ist indessen Ergebnis einer Fülle von Kompromissen – bis hin zur Neuschöpfung des bereits 1799 (!) abgebrochenen barocken Kaisersaals.

Das ist geradezu die Antithese einer strengen Denkmals-Doktrin, wie sie mit der 1966 verabschiedeten „Charta von Venedig“ wegweisend wurde. Dort heißt es: „Die Restaurierung ist eine Maßnahme, die Ausnahmecharakter behalten sollte.“ Doch die Restaurierung ist in Wirklichkeit die Regel – jedenfalls in Deutschland, wo unendlich viel an originaler Substanz im Bombenkrieg verglüht ist. Dass etwa Köln seinen Reichtum romanischer Kirchen bis zum Feierjahr 1975 aus den Trümmern restaurierte – und dabei die Veränderungen aus Barock und Historismus überging –, fand keine Kritik, sondern höchstes Lob. Wie auch anders, verkörpern diese Kirchen doch die Bedeutung der einst größten Stadt des mittelalterlichen Kaiserreiches.

1975 wurde zugleich das „Europäische Denkmalschutzjahr“ begangen. Für die Bundesrepublik bedeutete dieses Jahr eine Wende in der Denkmalpflege. So präsentierte das zu einer von fünf „Beispielstädten“ erwählte West-Berlin eben noch zum Totalabriss freigegebene Areale Kreuzbergs als erhaltenswerte Flächenensembles. Die Öffentlichkeit akzeptierte den auf die jüngere Vergangenheit des Industriezeitalters ausgeweiteten Denkmalsbegriff. Nicht länger mehr „schön“ musste ein denkmalwürdiges Objekt sein, sondern Zeugnis von Geschichte.

Diese „historische Wende“ führte indessen auch zu schierer Nostalgie. Exemplarisch wurde die Bebauung des Frankfurter Römerbergs mit Fachwerkhäuschen, die jenen lediglich ähnelten, die dort einst gestanden hatten. Der Unmut über die „Unwirtlichkeit unserer Städte“, wie das geflügelte Wort Alexander Mitscherlichs von 1965 lautete, mündete in die Sehnsucht nach lauschigen Plätzen.

Davon blieb auch die DDR nicht frei. Das geschundene Dresden, in dem weit mehr an wiederaufbaufähiger Substanz erhalten geblieben war, als heutzutage bekannt ist, wurde in den Fünfzigerjahren zur Brache „enttrümmert“. Schloss, Zwinger, ja selbst die Semperoper standen zur Disposition. Die in ihren Fassaden erhaltenen bedeutendsten Straßenzüge des Barock, die Rampische Gasse sowie die Große Meißner Straße in der Neustadt, wurden weggesprengt. Erst 1976 fiel die Entscheidung, die Oper wiederaufzubauen – was dann allerdings in bewundernswerter Treue zu Sempers Originalentwurf gemeistert wurde. Der Abschluss mündete 1985 in einen glanzvollen Staatsakt. Der zu diesem Zeitpunkt eher beiläufig bekannt gegebene Beschluss zum Wiederaufbau der Residenz überdeckt, welcher Hartnäckigkeit seitens der Dresdner Denkmalpfleger es bedurft hatte, den SED-Staat dafür zu gewinnen. Die Frauenkirche indessen, 1945 zum Trümmerhaufen zusammengesunken, doch von Denkmalpflegern in Handarbeit vermessen und dokumentiert, blieb außer Betracht.

So konzentrierte sich nach der Wende von 1989/90 der Bürgersinn Dresdens auf gerade diesen Bau: als das prägende Element der seit dem Barock überlieferten Silhouette der Stadt, aber mehr noch ihrer Identität als Gemeinwesen. Der Wiederaufbau der Frauenkirche als solcher stellt kein Novum dar – auch wenn er auf einer technisch ungleich besseren Grundlage stattfinden konnte als die Rekonstruktionen der Nachkriegszeit. Exemplarisch ist die Wiedergeburt der Frauenkirche nicht zuletzt, weil sie eine breite Öffentlichkeit dazu ermutigt hat, ihr Verhältnis zur Geschichte neu zu bestimmen. Und eine Tradition aufzunehmen, die 1945 für immer abgerissen schien.

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