Kultur : Die reproduzierbare Welt

KLAUS HAMMER

1853 richtete Hermann Krone in Dresden ein Atelier ein und gründete eine Lehranstalt.Er wurde der erste Landschaftsfotograf Deutschlands.Seine frühen, auf zeitgenössische Grafik bezogenen Ansichten der Sächsischen Schweiz knüpfen an die Romantik an, auch an Motive Ludwig Richters, der mit seinen Schülern - unter ihnen Krone - durch die Berge wanderte und sie das Freizeichnen lehrte.Seine Landschaften aus der Sächsischen Schweiz, die er für ein Album zur Goldenen Hochzeit des Königs anfertigte, führte Krone bereits im "Naß-Kollodium-Verfahren" aus, das eine bis dahin unbekannte Feinkörnigkeit mit sich brachte.

Schon 1855 hatte sich Krone eine Kutsche angeschafft, die ein vollständiges Labor zum Gießen und Entwickeln der Platten enthielt.Zum Vertrieb seiner Landschaftsaufnahmen auf dem touristischen Markt, aber auch für Kunstreproduktionen gründete er einen eigenen Verlag.Als erster fotografierte er Sternschnuppen und eine Sonnenfinsternis, seine wissenschaftlich größte Tat waren die Aufnahmen von der vorüberziehenden Venus vor der Sonnenscheibe am 9.Oktober 1874 in der Nähe der Auckland-Inseln.Krone war Wissenschaftler, Forscher, Dokumentarist, Reportagefotograf, Geschäftsmann und Unternehmer.

Vom Wert des neuen Mediums

Das Krone-Archiv am Institut für Angewandte Photophysik der TU Dresden bildet den Grundstock für seine erste große Retrospektive.Tafeln seines "Historischen Lehrmuseums für Photographie" geben einen einzigartigen Entwurf einer Geschichte der Fotografie.1100 Einzelabzüge und Drucke aus fünf Jahrzehnten, aufgeklebt auf 137 Papptafeln, thematisch angeordnet, ferner 120 Daguerreotypien, 900 Negative und Diapositive sowie Spektren aus den Jahren 1843 bis 1858 sind von Krone zu einem Ensemble zusammengefügt worden, das eine ganze Epoche der Veränderungen von Stadt und Landschaft dokumentiert.

Der Fotograf widmete in seinem Archiv der Qualität des Negativs größere Aufmerksamkeit als dem Original.Die nahezu unbegrenzte Reproduzierbarkeit der Welt faszinierte ihn.Krone schätzte den Dokumentationswert des neuen Mediums höher ein als die idealisierende Kraft eines "Kunst"-Porträts.Sein Lehrmuseum enthält auch einen großen Anteil an Lichtpausen und Reproduktionen aus verschiedenen Druckverfahren bis hin zum Vierfarb-Rotationsdruck oder dem Massenverfahren der Postkarte als Bromsilberabzug.Dennoch standen die leicht zu handhabenden, billigen Lichtpausverfahren in seinem Lehrangebot für angehende Techniker im Vordergrund.Auch wenn ihm nach 25 Jahren Lehrtätigkeit endlich eine bezahlte Professur zugebilligt wurde, die Einrichtung eines eigenständigen Institutes für Fotografie war ihm nicht beschieden.Dafür wurde seine einzigartige Sammlung 1907/08 durch die Fotoindustrie in einer Art Stiftungsprofessur installiert.

Revolutionäre Modernität

Als "Museum im Museum" wird nun in der Ausstellung nicht nur Krones "Lehrmuseum" präsentiert.Es werden auch seine Gipsoriginale und -kopien aus dem Bestand der Skulpturensammlung einander gegenübergestellt,, seine Landschafts- und Porträtabteilung gezeigt, ebenso Stadtansichten und Veduten Dresdens, Landschaftsaufnahmen der Sächsischen Schweiz bis zur Sach- und Ereignisdokumentation.Hier wird nicht nur eine Kulturgeschichte der Fotografie vermittelt, sondern die medienspezifischen Eigentümlichkeit der Fotografie herausgestellt: vom Experiment bis zum (gedruckten) Massenmedium, vom Zufälligen bis zum Seriellen, vom Kunstanspruch bis zur Marktbezogenheit.Dabei wird die umwälzende Modernität der Fotografie im 19.Jahrhundert erfahrbar.Via Projektion erscheinen in der Ausstellung die Texterläuterungen, die Glasnegative sind als Kopien auf Leuchttischen zu betrachten.An Stereobetrachtern schließlich lernt der Besucher den Effekt der dreidimensionalen Fotografie kennen.

Albertinum Dresden, bis 23.8.; Werkverzeichnis Hermann Krone, 198 DM; Tafelband H.Krone, 98 DM (Verlag der Kunst).

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