Kultur : "Die restlose Erfassung": Vom Wahn der Technokraten im Nationalsozialismus

Peter Mosler

Das Buch, von dem die Rede ist, erschien in der Originalausgabe vor mehr als 15 Jahren, damals im Umkreis der Kampagne gegen die umstrittene Volkszählung. Diese wurde dann durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts gestoppt und fand im "Mikrozensus"-Verfahren statt. Vor mehr als 50 Jahren jubelten Deutsche Statistiker nach Hitlers Machtübernahme, der Nationalsozialismus sei in seiner "Quintessenz statistische Wissenschaft und Sozialtechnik". Vielleicht wussten sie gar nicht, wie recht sie hatten: "erfassen" heißt zählen, identifizieren, aussondern, vernichten. Uns vertraute soziale Techniken wie Anmelden beim Wohnungswechsel oder der Personalausweis stammen alle aus dem Dritten Reich.

Die SS ließ ab 1942 die Daten der "Rassenerfassung" auf Hollerith-Karten übertragen, und der Statistiker Friedrich Burgdörfer schrieb 1940 eine Studie zur "Umsiedlung der Juden". Gedacht war an Madagaskar. Bei einer Umsiedlung von 6,5 Millionen Juden ergäbe das eine Bevölkerungsdichte von zehn Quadratkilometern ... Die Sozialwissenschaftler waren oft promoviert und zwischen 30 und 40 Jahre alt - eine dynamische, junge Elite. Je totaler der Krieg wurde, desto notwendiger wurde unter Hitler die statistische Erfassung - und gleichzeitig war es der Krieg, der die "großen Ziele" der Statistiker zunichte machte.

Mit der "Volksnummerung"" sollte ab 1944 der totalitäre Staat auf jeden Einzelnen zugreifen können, zum Zweck des Kriegs und der Produktion. Durch Krieg und Vertreibung wurde die "Nummerung der Menschen" schließlich unmöglich gemacht.

Herbert Marcuse beschrieb in den USA in den 40er Jahren den Nationalsozialismus als "technokratische Modernisierung" des Staates. Wie sehr das stimmt, weisen auch Aly und Roth in ihrer Erforschung der "bürokratisch-rationalen Struktur des nationalsozialistischen Deutschlands" nach. Eine solide wissenschaftliche Arbeit, mit einem politischen surplus.

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