Kultur : Die Revolution frißt ihre Eltern

DIRK SCHÖNLEBE

Jeweils auf einem Bild: die Eltern von Josef Stalin, von Nicolae Ceausescu und von Adolf Hitler.Dann der Slogan: "Wenn wenigstens sie ein Kondom benutzt hätten." Dieser Werbespot eines Kondomherstellers wurde vor Jahren in Cannes prämiiert.Der Gedanke, was der Einsatz von Kontrazeptiva alles hätte verhindern können, hat der australische Regisseur Peter Duncan aufgenommen.In "Children of the Revolution", Duncans Kinodebüt, ist es Stalin selbst, der seiner Libido ungeschützten Lauf läßt.

Stalin lädt die junge australische Kommunistin Joan Fraser in den Kreml ein.Joan, im Sydney der frühen fünfziger Jahre unermüdlich im Kampf gegen die konservative Regierung und für die Arbeiterrevolution, erscheint als Lady in red - der Diktator ist hingerissen.Seine Mitarbeiter Berija, Malenkow und Chruschtschow verschwinden wie befohlen, Joan und Josef beenden den Abend gemeinsam im Bett.In der Früh ist Joan schwanger und Stalin tot, Exitus in Koitus.

Joan kehrt zurück nach Sydney, nennt das Kind Joe, gibt ihm durch die Heirat mit dem Tischler Welch ein kleinbürgerliches Zuhause und verheimlicht den biologischen Vater.Von Babybeinen an wird Joe in der kommunistischen Sache unterwiesen, seine Mutter wünscht ihn sich als Führer einer Fünften Kolonne auf dem Fünften Kontinent.Doch Joe verfällt dem Fetisch Polizei, heiratet eine Gesetzeshüterin und wird das schwarze Schaf einer roten Familie.Die Gene fordern dennoch ihr Recht, und bald erinnert nicht nur der Schnurrbart an den Vater: Joe führt Australien an den Rand eines Bürgerkrieges.

"Children of the Revolution" ist eine Mischung aus Komödie, Tragödie und ironisiertem Dokumentarfilm mit einem Schuß Spionage, der, wenn überhaupt, nach hinten losgeht.Sam Neill ("Jagd auf Roter Oktober") ist der Doppelagent Nine, der sein Spielchen in Moskau, in Sydney und mit Joan treibt.Sein Beitrag zur Handlung ist ebenso verwirrend wie entbehrlich.Aber er ist einer der "redenden Köpfe", die - mittels in die Filmhandlung integrierter Rückblenden - als deutlich gealterte Filmfiguren ihre Erinnerungen an die vermeintliche Realität erzählen.Nicht nur damit versucht Duncan, seinem Film den Anschein der historischen Wahrheit zu geben.Geschickt hat er seine Geschichte mit tatsächlicher Historie verwoben.Original-Aufnahmen des australischen Fernsehens zeigen Demonstrationen aus den Fünfziger Jahren, in denen die konservative Regierung unter Premierminster Robert Menzies in der Tat eine strikt antikommunistische Politik betrieb.Auch Details seiner Filmfiguren enthalten oft einen wahren historischen Kern.

Seine besten Phasen hat der Film, wenn er sich im Rahmen der Komödie bewegt.Höhepunkte sind die Szenen im Kreml, die teilssogar Musical-Charakter haben.Wird es dagegen ernst, wird es meist auch schwächer.Zu offensichtlich ist die Parallelsymbolik zwischen Joe und Josef, vom - durch einen Unfall notwendig gewordenen - Schnurrbart bis zur Darstellung von Joes Büro, einer Kopie von Stalins Arbeitszimmer im Kreml.Die Dialoge über das zwangsläufige Scheitern der Sowjetunion und darüber, warum bösärtige Veranlagungen sich durchsetzen, wirken pseudo-aufklärerisch.

Doch mag man das verzeihen - zu unterhaltsam ist die Idee des Films.Zudem überzeugen Judy Davis als am Leben verzweifelte und daran scheiternde rote Idealistin sowie F.Murray Abraham, der Salieri aus Formans "Amadeus", als menschelnder Diktator."Children of the Revolution" ist daher weder Genie- noch Dummjungenstreich.Er hat von beidem etwas.

Delta, Klick

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