Kultur : Die Revolution frisst ihre Künstler

Das Haus Schwarzenberg ist Teil der Berliner Kulturlandschaft. Jetzt wird es versteigert – denn es liegt am Hackeschen Markt, wo sich die Stadt permanent verändert

Bodo Mrozek

Es gibt Orte, an denen die allgemeinen Entwicklungen beschleunigt abzulaufen scheinen – wie im Zeitraffer eines Filmes. Manchmal findet man gerade dort unvermittelt ein Zentrum der Ruhe. Dann scheint es plötzlich, als habe jemand den ringsum ablaufenden Film verlangsamt oder gar angehalten. Und manchmal macht einem dieses Innehalten erst die Veränderungen ringsherum deutlich. Das Cafe Cinema am Hackeschen Markt ist so ein Ort. Zwischen den vergilbten Wänden scheint die Zeit zu stehen wie eine dicke Flüssigkeit. Gerahmte Fotos zeigen wie in einem Museum die Gäste der vergangenen 13 Jahre: Kaffee trinkende Schönheiten aus dem zweiten oder dritten Semester – in nostalgischem Schwarz-Weiß aufs Fotopapier gebannt. In den letzten Jahren hat sich hier so gut wie nichts verändert. Das Klavier steht noch am selben Platz wie kurz nach dem Mauerfall und auch die Gäste sind teils noch die selben wie in jenen Umbruchsjahren, seit denen sich so viel veränderte.

Das Cafe Cinema befindet sich im letzten Haus am Platz, dessen Wände noch die nackten, bröckelnden Fassaden zeigen. Touristen lieben den malerischen Anblick von Efeu, der im nackten Mauerwerk Halt findet. Und das wie eine poröse Eierschale von Rissen durchzogene Grau, das man aus DDR-Zeiten kennt, verlockt manchen Besucher zu nostalgisch verzückten Ausrufen.

Tatsächlich ist die Rosenthaler Straße 39 ein Berliner Erinnerungsort, wie es nur noch wenige gibt. Und genau dies könnte bald vorbei sein. Das Flurgrundstück 11, wie es amtlich heißt, besser bekannt als Haus Schwarzenberg, kam erst kürzlich unter den Hammer. Und auch wenn es mangels Geboten noch keinen Zuschlag gab, so ist es doch nur eine Frage der Zeit, bis auch dieses Haus verkauft und umgestaltet werden wird. So wie die pittoresk sanierten Hackeschen Höfe rechter Hand. Oder die „Rosenhöfe“ zur Linken, die seit einiger Zeit ein buntes Gewand aus bonbonfarbener Tünche und verschnörkeltem Zierrat tragen. Die 1548 Quadratmeter Fläche des Schwarzenberg-Komplexes mit viergeschossigem Vorder- und Hinterhaus, Quergebäude und Seitenflügel sind derzeit allerdings voll bewohnt und bewirtschaftet – und eine feste Adresse der Berliner Kulturlandschaft.

Domizil für Monsterskulpturen

Die kurze, bewegte Geschichte des Schwarzenberg reicht zurück bis ins Jahr 1995. Damals suchte die Künstlertruppe Dead Chickens, die sich Jahre zuvor im alten West-Berlin formierte, eine Bleibe. In dem leer stehenden Gebäudekomplex in der Rosenthaler Straße am Hackeschen Markt fanden die Schöpfer spektakulärer, hydraulisch belebter, fauchender und feuerspuckender Monsterskulpturen aus rostigem Metall ein geeignetes Domizil. Bis heute wachen ihre blecherne Monster über den Hinterhof, als wollten sie ihn vor der fortschreitenden Gegenwart schützen. Damals aber wohnten unter dem löcherigen Dachstuhl nur Mauersegler, die Räume standen leer. Der Vorsitzende des Schwarzenberg-Vereins Henryk Weiffenbach und seine Mitstreiter erhielten das Gebäude von der Wohnungsbaugesellschaft Mitte für eine günstige Miete. Im Gegenzug verpflichteten sie sich, die maroden Gebäude nach ihren Möglichkeiten zu sanieren.

Weiffenbach ist ein ruhiger Mann mit Cordanzug und strubbeligem Haarschopf. Er blickt auf eine typische (West-)Berliner Biographie zurück, die sich trotz vieler Brüche als Erfolgsstory lesen lässt: Fotoausbildung, Experimentalkunst, Galerist, Kulturmanager. „Ich kenne das Nomadentum der Off-Kulturszene zur Genüge“, sagt er, während er seinen Kaffee umrührt. „Darum wollten wir endlich einmal unser Know-how bündeln und Kunstprojekte in einem Haus vereinen.“ Mit dem Schwarzenberg-Projekt schien dies endlich zu gelingen: Es entstand ein selbstverwaltetes Kunst- und Kulturhaus, das sich autonom trägt – ohne jede Subvention. Innerhalb kürzester Zeit waren sämtliche Etagen untervermietet. Die Trash-Recycling-Künstlerin Laura Kikauka schleppte Container voller Plastikspielzeug und Elektroschrott heran und gestaltete daraus ihr mittlerweile berühmtes Wohnatelier „Funny Farm East“. Dieses bunte Areal ist als Gesamtkunstwerk weit über die Grenzen Berlins bekannt – und wurde schon im renommierten Wiener Museum für angewandte Kunst nachgebildet.

Wer heute den unscheinbaren Hinterhof betritt, hat das Gefühl, eine Zeitschleuse zu durchschreiten. Unvermittelt findet man sich mitten in den 90er Jahren wieder, jener Berliner Ära, die mit ihrer berühmten Nischenkultur heute schon der Musealisierung anheimgefallen ist. Fast alle klangvollen Namen des bunten Kultur- und Clublebens am Hackeschen Markt sind mittlerweile Geschichte: Tanzschule Schmitt, Galerie BerlinTokyo, Eimer, Mittwochsbar, Club for Chunk. Nirgendwo überlagern sich die Trends und Moden der vergangenen Jahre auf so engem Raum wie hier. Die Bar Eschloraque Rümschrümp im zweiten Hinterhof wirkt wie ein Relikt aus jenen Jahren, eine begehbare Installation der allerjüngsten Geschichte, die dennoch höchst lebendig geblieben ist. Im düsteren Raum wabert grünes Licht und in der Bar tummeln sich seltsame Skulpturen in effektvoll beleuchteten Aquarien. Früher war dieser Ort ein sagenumwobener Geheimtipp für Eingeweihte, die auf irgendeiner Liste standen oder die richtige Losung für die Türsteherin kannten. Heute wird er von Wochenendausflüglern bestaunt.

Doch die Geschichte des Hauses Schwarzenberg reicht zurück in tiefere Schichten der Berliner Geschichte. Errichtet wurde es im Jahre 1769 vom Fabrikanten Johann Gottfried Paul. Ein Seifensieder baute 1831 eine Messerschmiede und Arbeiterwohnungen. Die hinteren Gebäudeteile und der viergeschossige Neubau in spätklassizistischer Form stammen aus dem Jahr 1864, die heute noch auf der Fassade sichtbare Aufschrift „Gebr. Majanz“ von einer Wäschefabrik aus den 20er Jahren. 1935 wurde das Haus an den jüdischen Rechtsanwalt Dr. Ernst Wachsner übertragen, der hier einen Mittagstisch für notleidende Juden betrieb. Dann enteigneten die Nazis das Haus im Zuge der „Arisierung“. Die Spur des letzten legitimen Besitzers Wachsner verliert sich auf einem Transport nach Osten, wo er „spurlos verschwand“, wie es in den Dokumenten heißt.

Historische Bedeutung erlangte ein unscheinbares Geschäft im linken Seitenflügel: die Blindenwerkstatt des Bürstenbinders Otto Weidt. In Inge Deutschkrons bekannter Autobiographie „Ich trug den gelben Stern“ spielt das Haus eine wichtige Rolle: „Im Seitenflügel des Hinterhauses stieg ich eine wacklige Holztreppe hinauf und trat in einen kärglich eingerichteten Büroraum“, schreibt Deutschkron. „Dort sah ich Weidt, schlank, ja eigentlich hager. Er hielt sich sehr aufrecht, seine großen Hände wie tastend vorgestreckt, über dem zerfurchten Gesicht glattes farbloses Haar.“ Dieser Mann war einer der „stillen Helfer“, die ihr eigenes Leben riskierten, um verfolgte Juden zu retten. Er besorgte Lebensmittel, falsche Papiere und versteckte in einem geheimen Raum hinter seiner Werkstatt eine vierköpfige jüdische Familie. Trotz Verrats gelang einigen, wie Inge und Ella Deutschkron, das Überleben.

Archäologen der Großstadt

So viel Geschichte hinterlässt Spuren. Als der Architekt Stefano Kollibay mit seinem Atelier „aboutaboat“ 1995 in den Seitenflügel zog, war die Bausubstanz verfallen. Er legte gemeinsam mit den Schwarzenberg-Aktivisten die Skelettkonstruktion frei und restaurierte jeden Holzbalken einzeln. Geschätzte Sanierungsaufwendungen: rund eine Million Euro. Unter dem Schutt der Jahrzehnte kamen dabei schöne Details wie alte Türstürze und handgeschmiedete Zimmermannsnägel zum Vorschein. „Wir kamen uns vor wie Großstadtarchäologen“, sagt Kollibay. Diese stummen Zeugen der Geschichte ließ er bewusst bestehen und ersetzte nur das Nötigste. Auch die historischen Räume der Blindenwerkstatt Otto Weidt legten die urbanen Archäologen wieder frei. Heute erinnert die Gedenkstätte „Blindes Vertrauen“, eine Dependance des Jüdischen Museums, an dieses Kapitel der Geschichte des Hackeschen Marktes. Auch die Anne-Frank-Stiftung ist Mieterin in dem inzwischen denkmalgeschützten Gebäude.

Wer heute über den Hackeschen Markt streift, wird wenig Geheimnisvolles entdecken, seit die Gegend von finanzstärkeren Investoren erobert wurde. Doch auch diese Ära scheint zu Ende zu gehen. Das Jugendstilensemble Hackesche Höfe galt in den Boomjahren als Vorzeigeprojekt. Mittlerweile wurde der Investor Roland Ernst wegen Untreue, Bestechung und Steuerhinterziehung zu einer Haftstrafe verurteilt. Die Ladenpassage bietet eine abwechslungsreiche Mischung aus Kunst, Gastronomie und Einzelhandel, doch die erhofften Geschäfte bleiben aus.

Torsten Schliestedt, Miteigentümer des Clubs Oxymoron, hat alle Phasen der Euphorie und der Depression durchlebt. Anfangs war das Oxymoron mit seiner Mischung aus Space-Age-Kulissen und plüschigem Salon-Ambiente eine der ersten Adressen für innovative Musik. Die Nachtschwärmer standen Schlange. Später lagen die Wagenschlüssel für Cabrios mit Münchner oder Düsseldorfer Kennzeichen neben dem obligaten Caipirinha auf dem Tresen. „Das war eine Zeit, in der das Geld locker in den Brieftaschen saß“, sagt Schliestedt mit unverhohlener Wehmut in der Stimme.

Der Hackesche Markt wirkt wie ein Seismograph allgemeiner Erschütterungen der Stadt. „Wenn die Angst umgeht, merkt man das an den Bars zuerst“, sagt Schliestedt. Erst blieb die so genannte Szene weg, dann die normalen Besucher. „Die Berliner haben keine Lust, sich durch Massen von Touristen zu wühlen“, klagt Schliestedt. Aber bei den Touristenströmen, die tagtäglich aus den Reisebussen quellen, ist keine Haute Cuisine gefragt, sondern ein belegtes Ciabatta für zwischendurch. Und statt neuer elektronischer Musik ein schlichter Discosound. Den benachbarten Mode- und Antiquitätenhändlern ergeht es ähnlich. „Die Touristen gucken alles an, machen ein Foto und kaufen nichts“, klagt die Betreiberin eines Modegeschäfts. Die Schuld geben die Ladeninhaber einerseits der „Totsanierung“ und andererseits dem einstigen Hoffnungsträger, dem Tourismus. Derzeit verhandeln die Gewerbetreibenden mit der Verwaltung über Nachlässe – um den drohenden Exodus der besitzergeführten Geschäfte zu verhindern.

Neuerdings interessieren sich Konzerne für die Gegend. Die amerikanische Pappbecher-Kaffee-Kette „Starbucks“ ist schon da, und in der benachbarten Neuen Schönhauser Straße richten sich zunehmend große Modelabel in den Konkursen der kleinen unabhängigen Modemacher ein. Weil eine schnelle Mark, wie man es früher nannte, in dieser Gegend nicht zu machen ist, müssen Investoren langfristig investieren – und das können nur die ganz Großen. Trotz der Probleme weckt der Hackesche Markt aber noch immer die Begehrlichkeiten von Immobilienspekulanten.

Einer der ganz Großen in der Branche ist der Hamburger Kaufmann Harm Müller-Spreer. Er hat ein Auge auf das Haus Schwarzenberggeworfen, seit einzelne Mitglieder der Eigentümergemeinschaft, die über alle Welt zerstreuten Erben des letzten legitimen Besitzers Ernst Wachsner, den Verkauf anstreben. Weil es keine Einigung zwischen den rund 35 Parteien gibt, kam es zur Teilungsversteigerung. Das Einstiegsgebot liegt bei rund 1,6 Millionen Euro.

Müller-Spreer ist ein hochgewachsener Mann, mit Jeans und Krawatte halb jovial und halb seriös gekleidet. Seine Sätze beginnt er gerne mit der freundlichen Ankündigung „Ich sag’s ganz offen“, um sie dann mit der ausweichenden Floskel „Da kann man jetzt noch gar nichts drüber sagen“ zu beenden. Auch über seine etwaigen Pläne für das Haus Schwarzenberg schweigt er sich in aller Offenheit aus. Warum er bei der Versteigerung kein Gebot abgegeben hat? „Zu teuer.“ Er wolle den Preis drücken, vermuten Insider.

In Müller-Spreer scheint die jüngere Entwicklung des Areals um den Hackeschen Markt geradezu personifiziert. Seit der Wende kauft sich der Geschäftsmann quer durch die neue Mitte. Ihm gehören Häuser an der Oranienburger Straße, der Großen Hamburger Straße, Brunnenstraße, Linienstraße ebenso wie in Prenzlauer Berg und in Friedrichshain. Zu seinem kleinen Immobilienimperium zählen das Adidas-Haus in der Münzstraße, das ehemalige Kulturhaus Mitte und auch die benachbarte Rosenthaler Straße 38, wo heute das schicke Restaurant Pan Asia und das schon etwas betagtere Café Rosenthal Mieter sind.

Kunst oder Kommerz

Wer so viel besitzt, hat viele Gegner. Er aber scheint ganz besonders viele zu haben. Katharina Burggraf, Mitinhaberin des Café Rosenthal, erfuhr, wie eine Sanierung à la Müller-Spreer aussehen kann. Nach der Übernahme des Hauses trieb der neue Eigentümer ihr zufolge erst die Miete in die Höhe und verlangte dann „ortsübliche“ 75 Euro pro Quadratmeter – netto kalt. Dazu seien auf die Mieter umgelegte Sanierungskosten gekommen, diffuse Drohungen, Räumungsklagen und schließlich ein Baugerüst direkt vorm Café, das 18 Monate lang die Gäste ferngehalten habe. „Müller-Spreer sagte damals zu uns: ‚Euch mach ich platt.’“ Vor Gericht gewannen die Mieter gegen den neuen Eigentümer in allen Instanzen – aber das Geschäft litt. Die Zukunft ist nun ungewiss: Der Mietvertrag läuft 2005 aus.

Genau so eine Entwicklung befürchtet man beim Schwarzenberg e.V. für den Fall, dass Müller-Spreer zugreifen will. Und daran besteht kein Zweifel mehr. Der Investor hat sich nach eigener Auskunft bereits in die Erbengemeinschaft eingekauft und hält mehrere Anteile. Immerhin halten Müller-Spreer selbst seine erklärten Gegner zugute, dass er seine Häuser akkurat restauriere und über einen gewissen Sinn für Kulturprojekte verfüge – wenn sie denn mit seinen kommerziellen Plänen harmonieren.

Doch noch ist das Haus nicht verkauft – und Müller-Spreer ist nicht der einzige Interessent. Der Schwarzenberg-Verein hat nun in Jürgen Lindner von der Stiftung Sozialpädagogisches Institut Berlin (SPI) einen erfahrenen und offenbar auch solventen Unterstützer gefunden. Der Manager möchte das Haus Schwarzenberg ebenfalls erwerben, um darin, sagt er, die Kultur zu erhalten. Vorbild könnte das bereits vom SPI betriebene Kulturhaus Schöneberg sein, das als Ateliergemeinschaft und Begegnungsstätte sowohl Künstlern als auch der Sozialarbeit dient. Über die finanzstarken privaten Unterstützer des überwiegend aus öffentlichen Geldern finanzierten Sanierungsträgers hüllt sich Lindner bislang in Schweigen.

Die Fortsetzung der Versteigerung ist auf einen noch unbekannten Termin verschoben, im Schwarzenberg ist vorerst wieder etwas Ruhe eingekehrt. Seinen Namen hat der Verein übrigens dem Titel eines gleichnamigen Buches von Stefan Heym entlehnt. Der Roman erzählt, wie die Bewohner eines kleinen Ortes unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkrieges für eine kurze Zeit ein Stückchen Niemandsland selbst regieren, weil sich die Großmächte Sowjetunion und USA nicht über ihre Ansprüche einigen können. Und obwohl die kleine literarische Utopie nur sechs Wochen währte, und man im Haus Schwarzenberg schon fast auf ein knappes Jahrzehnt der Eigenständigkeit zurückblickt, klang dieser Name nie so passend wie heute. Im Stützstrumpfgeschäft schräg gegenüber vom Haus Schwarzenberg hängt seit kurzem ein Plakat: „Zu vermieten“. Und wie das künftige Schicksal des Hackeschen Marktes auch immer aussehen mag, eines ist jetzt schon gewiss: Die einzige Kontinuität an diesem idealtypischen Berliner Erinnerungsort besteht darin, dass hier nichts lange so bleibt, wie es gestern noch war.

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