Kultur : Die Revolution misst ihre Kinder

Steffen Richter

Wenn in Frankreich die Autos brennen, liegt das an fehlenden politischen Antworten auf den Neoliberalismus. Das zumindest erklärte gerade Toni Negri, Theoretiker des „Imperiums“, der Turiner Zeitung „La Stampa“. Und warum in Italien oder Deutschland fast nichts passiert? Weil sich in den „sozialen Kämpfen“ der Siebzigerjahre die Energien des Aufruhrs gewissermaßen erschöpft hätten. Hm. Dass das literarische Rebellionspotenzial hier zu Lande versiegt sei, lässt sich allerdings nicht behaupten.

Man denke nur an Reinhard Jirgls letzten Roman. „Abtrünnig“ (Hanser) – das sind über 500 Seiten wutschnaubende Prosa, Verzweiflung über soziale Schieflagen, über den Kleinmut im Staate und einen von der Leine gelassenen Kapitalismus. Jirgls Protagonisten, ein erfolgloser Journalist aus Hamburg und ein ehemaliger DDR-Grenzschützer, treffen sich am Beginn des neuen Jahrtausends in Berlin. Der Hauptstadtboom hat sich längst verflüchtigt, die Ökonomisierung der Gesellschaft treibt die Einzelnen in die „innere Arbeitslosigkeit“. Bei Jirgl geht es ans Eingemachte, ums große Ganze. Heute kommt er ins Brechthaus , um aus seinem „Roman aus der nervösen Zeit“ zu lesen (20 Uhr, Chausseestr. 125, Mitte).

Gelegentlich führt man die Unruhen in Frankreich auch auf eine republikanische Gesinnung zurück, der kurzerhand die Lizenz zu ziellos-dumpfer Gewalt untergejubelt wird. Da lässt sich aufatmen: Deutsche sind nicht so – republikanisch. Aber wie sind sie? 1936 erschien in der Schweiz ein Büchlein mit dem Titel Deutsche Menschen . Es versammelte zwei Dutzend Briefe aus den Jahren 1783 bis 1883 von Hölderlin, Friedrich Schlegel, Seume, Kant und Büchner, aus denen sich Position und Geist des Bürgertums herauslesen lassen. Ihrem Herausgeber Walter Benjamin war es – unter dem Pseudonym Detlef Holz – gelungen, ein paar humanistische deutsche Standards auf den nationalsozialistischen Buchmarkt zu schmuggeln. Dafür, dass diese Standards in rauen Zeiten der Krise nicht in Vergessenheit geraten, sorgt die Akademie der Künste . Dort lesen Durs Grünbein , B.K. Tragelehn und Irina Liebmann am 24.11. (20 Uhr, Pariser Platz 4, Mitte).

Wege aus der Krise sucht das Symposium „Verantwortung zur Veränderung“ an der Akademie der Konrad-Adenauer- Stiftung (Tiergartenstr. 35, Tiergarten). Dazu liest die soeben gekürte Büchnerpreisträgerin Brigitte Kronauer am 25.11. (14 Uhr 30) aus „Feuer und Skepsis“.

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