Kultur : Die Richterin und die Weltverschwörung

ULRICH AMLING

Der Gerichtssaal bedeutete ihr alles, mehr als 30 Jahre lang.Hadassa Ben-Itto war eine der ersten Richterinnen Israels.Doch sie gab ihren Beruf vorzeitig auf.Die Juristin war auf ein Thema gestoßen, daß ihr keine Ruhe mehr ließ: Die sogenannten "Protokolle der Weisen von Zion", Legitimationsquelle all derer, die die Mär von einer jüdischen Weltverschwörung verbreiten.Nach sechsjähriger Recherche stellte Ben-Itto jetzt ihr Buch "Die Protokolle der Weisen von Zion - Anatomie einer Fälschung" (Aufbau-Verlag Berlin, 420 Seiten, 49,90 Mark) im Berliner Centrum Judaicum vor.

Millionenfach wurden die "Protokolle" in diesem Jahrhundert gedruckt, in viele Sprachen übersetzt."Die Auflage soll die der Bibel überschritten haben", sagt Ben-Itto."Nur wir Juden haben die Protokolle nie gelesen." Und so las die Richterin, las von den Plänen einer geheimen Weltregierung der Juden, die durch Intrige, Manipulation und Mord einen jüdischen König an die Macht bringen will.Eine perfide Verschwörungsgeschichte, die als Niederschrift einer erfundenen Sitzung der Juden-Regierung 1897 in Basel getarnt Echtheit vortäuscht.In Wahrheit wurden die "Protokolle" vom russischen Geheimdienst Ochrana geschrieben.1905 tauchten sie in Rußland auf, um den revolutionären Volkszorn auf die Juden zu lenken.Sie verfehlten ihre Wirkung nicht.Hitler zitierte ganze Passagen, der "Stürmer" hetzte.1934 kam es zu einem Prozeß gegen die "Protokolle" in Bern.Ben-Itto rollt die Verhandlungen nach Gerichtsakten und Zeugenbefragungen wieder auf.Damals kam der Richter zu dem Schluß, die "Protokolle" seien "ein lächerlicher Unsinn".Ein Unsinn, der noch immer wirkt."Die Juden sind in vielen führenden Positionen.Der Inhalt der Protokolle stimmt mit der Realität überein", wirft ein Zuhörer ein.Hadassa Ben-Itto, die zuvor noch souverän deutsch gesprochen hat, antwortet knapp auf englisch.Dafür, daß Juden wichtige Positionen inne haben, könne sie sich nicht entschuldigen."Das erfüllt mich mit Stolz." Doch was habe das mit Mord, Terror und Weltherrschaft zu tun? Ben-Itto blickt den Zwischenrufer an: "So wie Sie haben auch die Nazis argumentiert." Die Richterin greift energisch nach der Stuhllehne: "Ich hatte die Pflicht dieses Buch zu schreiben.Vielleicht ändert es die Geschichte der Protokolle." Gewidmet ist es ihren Verwandten, die im Holocaust ermordert wurden.Ein Wunsch der Autorin ist bereits Wirklichkeit: Die Juden setzen sich mit den antisemitischen "Protokollen" auseinander.In Israel ist Hadassa Ben-Ittos Buch seit Monaten ein Bestseller.

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