Kultur : Die Rigips-Katastrophe

Eine Skulptur schiebt sich in den Hamburger Bahnhof

Jens Hinrichsen

In der Museumswand klafft ein Loch. Zwei bröckelkantige Rigips-Ecken ragen daraus hervor. Das kann nur die Spitze des Eisbergs sein, denkt sich der Betrachter und geht um zwei Ausstellungswände herum. Tatsächlich: ein gewaltiges, zu den Raumachsen schräg gestelltes Konstrukt aus Baumarktmaterialien klemmt im separierten Innenbereich fest. Ein skulpturales Brachialgebäude, das fragmentarisch, ruinös, wie von riesiger Problembärenpranke beschädigt wirkt – und den Raum sprengt, Wände durchschneidet. Felix Schramms Kunstdrama nimmt sich wie eine begehbare Version von Caspar David Friedrichs Eismeergemälde „Die gescheiterte Hoffnung“ aus.

Auch der 1970 in Hamburg geborene Bildhauer Felix Schramm geht mit einer eigentümlichen Mischung aus Kalkül und Emotion ans Werk. Sein speziell für den Werk-Raum im Hamburger Bahnhof entworfener Scherbenbau „Misfits“ zeigt exemplarisch, wie hier Konstruktion und Demontage ineinander übergehen. Der Aufbauprozess kommt nur mittels teilweiser Zerstörung zum Ende, wenn Kanten wie Knäckebrot angenagt und Rigipsflächen durchlöchert werden. „Manchmal haue ich drauf wie wild“, erläutert Felix Schramm sein Zerstörungswerk, und sagt: „Meine Skulpturen sind eher von Erosionsprozessen in der Natur inspiriert.“ Die Land Art eines Robert Smithson ist seine wichtigste Inspirationsquelle.

„Skulptur ist die schwierigste Kunstgattung, denn es ist schwer, in dieser Disziplin heute noch etwas zu erfinden“, sagt Friedrich Meschede vom DAAD, der als einer von drei Juroren Felix Schramm den Piepenbrock Förderpreis für Skulptur zuerkannt hat. Insbesondere zeigte sich die Jury fasziniert vom „neuen, ungewohnten Raumeindruck“, den der in Düsseldorf ausgebildete Künstler mit seinen flächigen, zerrissenen Formelementen schaffe. Dass hier die Nähe zwischen Architektur und Skulptur geradezu explizit wird, freut insbesondere auch den Stifter Hartwig Piepenbrock, der einmal Architekt werden wollte. Konsequenterweise wurde mit der Osnabrücker Kulturstiftung Hartwig Piepenbrock 1988 gleichzeitig der mit 50 000 Euro dotierte „Piepenbrock Preis für Skulptur“ – in diesem Jahr an Rebecca Horn – und der mit 12 500 Euro dotierte Förderpreis aus der Taufe gehoben, beide werden im Zweijahresturnus vergeben. Seit 1998 finden die Verleihungszeremonien und begleitende Ausstellungen in Berlin statt.

Schramms Ausstellungstitel ist Programm: „Soft Corrosion“ nennt die Industrie schleichende Zersetzungsprozesse. Der Zahn der Zeit nagt oft im Verborgenen, bis Brückenpfeiler einknicken oder ein Förderturm einstürzt. Schramm wendet das Schwächeln der Konstruktion, die Hinfälligkeit allen Menschenwerks ins Positive. Raum und Skulptur fallen, gleiten ineinander, vertraute Orte kippen aus dem Lot. Die eingefrorene Katastrophe: eine Angstlust-Erfahrung.

Drei kleinere, überschaubare Skulpturen hat Schramm ins Entrée gepflanzt. In diese Miniarchitekturen integriert er Phonogeräte, die eiernde Siebzigerjahreschallplatten wiedergeben: lallende „Gitarrenträume“ mischen sich mit Don-Kosaken-Schluckauf. Die Rigips-, Holz- und Sperrmüllbauten fungieren als Resonanzkörper. In seinem Drang nach Erweiterung des Skulpturbegriffs harmoniert der Förderpreisträger mit der diesjährigen Piepenbrock-Hauptpreisträgerin Rebecca Horn. Beide werden ihre Auszeichnung Ende August erhalten. Und weil für den geförderten Nachwuchskünstler ein UdK-Lehrauftrag vorgesehen ist, tritt Schramm demnächst auch als Lehrender in die Fußstapfen der Etablierten. „Ein neues Spiel“, freut sich Schramm. Welche Wände im übernächsten Semester einen Riss davontragen könnten, darüber sagt er noch nichts.

Felix Schramm: Soft Corrosion, Hamburger Bahnhof, bis 3. September

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