Kultur : Die Rigorose

Zum 80. Geburtstag von Christa Reinig

Katrin Hillgruber

Mit ihr feiert heute eine der kompromisslosesten deutschen Schriftstellerinnen 80. Geburtstag. Schon Bertolt Brecht hatte Christa Reinigs Talent erkannt und die mit Mutterwitz gesegnete Berlinerin zum Schreiben ermutigt. Ende der vierziger Jahre veröffentlichte sie in der satirischen DDR-Zeitschrift „Ulenspiegel“ erste Gedichte. Mit der „Ballade vom blutigen Bommel“, die Walter Höllerer in seiner Anthologie „Transit“ vorstellte, machte sie 1956 auch im Westen auf sich aufmerksam. Zu diesem Zeitpunkt stand sie in der DDR bereits unter Publikationsverbot. Dabei stellte die Tochter einer ledigen Aufwartefrau, die in der Fabrik arbeitete und auf dem Alexanderplatz Blumen verkaufte, ein Musterbeispiel ostdeutscher Bildungspolitik dar: An der 1950 gegründeten Arbeiter-und-Bauern-Fakultät holte sie das Abitur nach, studierte Kunstgeschichte und Archäologie und arbeitete als wissenschaftliche Assistentin am Märkischen Museum in Berlin.

Der satirische Text „Ein Dichter erhielt einen Fragebogen“ beleuchtet ihre Schwierigkeiten mit der DDR-Kulturpolitik: „Auf die Frage ,Welches Material halten Sie bei der Herstellung Ihrer Kunstwerke für besonders unumgänglich?‘ antwortet der Dichter mit ,Wahrheit‘“. Schon früh hatte Christa Reinig Kontakte in den Westen geknüpft: Sie schloss sich heimlich einer West-Berliner Gruppe an, die sich die „ruhelosen Dichter der Zukunftssachlichkeit“ nannte. 1960 erschien ihr Gedichtband „Finisterre“, kurz darauf die Erzählung „Der Traum meiner Verkommenheit“. Als ihr 1964 der Bremer Literaturpreis verliehen wurde, blieb sie im Westen und lebt seitdem in München.

Ihr Darmstädter Kollege Karl Krolow beschrieb ihren Stil einmal so: „Disziplinierte Strenge, ja Rigorosität, die man auch aus ihren Gedichten kennt, Härte, die bis zur Schonungslosigkeit geht und die sich in ihrer genannten Ausdruckslässigkeit gleichsam erleichtert, lassen die Prosa dieser Autorin zu einem eminenten Spannungsfeld werden.“

Als groteske Speerspitze des literarischen Feminismus einer Schriftstellerin, die sich offen zu einer lesbischen Lebensweise bekennt, kann ihr Roman „Die Entmannung“ von 1976 gelten: die Unterwerfungschoreografie eines Chirurgen und Playboys mit dem Frauennamen Kyra. Christa Reinig wurde zuletzt 1999 mit dem Brandenburgischen Literaturpreis ausgezeichnet. Seit einem folgenschweren Treppensturz im Jahr 1971 lebt sie von einer schmalen Schwerbehinderten-Rente. Über sich selbst sagt sie: „Mein Leben ist mein Thema und die Erinnerung meine Materie.“

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