Kultur : Die Römerin vom Montmartre

Gregor Dotzauer

Mit geschlossenen Augen ist man ganz bei sich und vielleicht doch woanders. Wenn man wie Anouk Aimée in den Armen von Jean-Louis Trintignant liegt, ist man es sogar bestimmt. Ein Mann und eine Frau: Der Rückzug nach innen berührt sich da mit dem Wunsch nach Überschreitung. "Un homme et une femme": Das war auch der Titel des Films, mit dem sie 1965 zum Weltstar wurde. Die Szene verrät, der Standardsituation zum Trotz, viel von ihrer Ausstrahlung. Denn sobald Anouk Aimée die Augen aufschlägt, die Brauen hochgewölbt über einem ebenso aufmerksamen wie verlorenen Blick, kommt ihre eigentümliche Unnahbarkeit zum Vorschein, die zugleich wie eine Einladung wirkt.

Die römisch anmutende Französin mit dem breiten Mund hat mit den besten Regisseuren gedreht: mit Jacques Becker, Claude Chabrol, Bernardo Bertolucci, Jacques Demy, der sie in "Lola, das Mädchen aus dem Hafen" ungewöhnlich affektiert zeigte, und mit Federico Fellini, der sie in "La dolce vita" und "8 1/2" zu Marcello Mastroiannis Ehefrau machte. Aber es gab keinen, der sie zum Mittelpunkt seines Universums gemacht hätte. Man lieh sich ihr Geheimnis aus, das mal als leichteres, mal als schweres Parfum über dem Kino der sechziger und siebziger Jahre liegt. Mag sein, dass ihre betörende Erscheinung alle Regiemühen vereitelte, mag sein, dass sie dem Filmgeschäft, zu dem sie immer Distanz hielt, keine eigene Vision entgegenzusetzen hatte. Monica Vitti hatte Antonioni. Anna Karina hatte Godard. Anouk Aimée hatte nur den Kunsthandwerker Claude Lelouch, der in der langen Reihe seiner Melodramen im Dienst der Frauenanbetung in Anouk Aimée seine Muttergottes fand, inklusive "Un homme et une femme - 20 ans plus tard".

1932 als Nicole Francoise Sorya Dreyfus in Paris geboren, wo sie heute noch am Montmartre lebt, firmierte sie lange nur als Anouk, bis der Dichter Jacques Prévert ihr für einen unvollendeten Film von Marcel Carné den Nachnamen gab, der ihr nun gehört. Mit vier Ehemännern, von denen auch der letzte, ihr Kollege Albert Finney, nicht blieb, hat sie ihn sich schwer verdient. Ein größeres Publikum sah sie zuletzt als Dame der Pariser Gesellschaft in Robert Altmans Modesatire "Prêt-à-porter", einer Rolle, die sie auch im wirklichen Leben spielt. Und noch vor zwei Jahren trat sie als alternde Diva in Henry Jagloms "Festival in Cannes" auf. Heute wird Anouk Aimée siebzig - ein guter Grund nach der Generationsverschiebung von der femme de trente ans zur femme de quarante ans auch für die femme de soixante-dix ans ein Faible zu entwickeln.

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