Kultur : Die Rolle der Kultur in Europa - Die Kunst ist ein empfindlicher Stoff

Philipp Lichterbeck

Wo immer man in letzter Zeit über Kunst und Kultur spricht, eines wird deutlich: Der Kunstbegriff steckt in einer tiefen Krise, und niemand vermag zu sagen, wohin der Wandel führt. Aus dem Berliner Galeristen und Ausstellungsmacher Rudolf Zwirner brach es unvermittelt und heftig hervor: "Ich bin sehr beunruhigt, über was reden wir hier eigentlich? Fertig!" Da saß ein exzellent besetztes Symposium bereits zwei Tage lang im Schlossmuseum zu Weimar beisammen und versuchte, den Ort der Kunst und die Rolle der Kultur im Europa des nächsten Jahrhunderts zu bestimmen.

Der Deutsche Künstlerbund hatte unter dem Titel "ORTEN. Regionen und Zentren. Europa 2000" in die Stadt seiner Gründung (1903) eingeladen, um die im vergangenen Dezember in Düsseldorf begonnene dreiteilige Symposien-Reihe, "ORTLOS. ORTEN. VOR ORT", fortzusetzen. "Wirkungsvoll und unüberhörbar" habe sich der Künstlerbund mit dieser Veranstaltung auf der "kulturpolitischen Bühne zurückgemeldet", lobte denn auch der Staatsminister für Kultur, Michael Naumann. Leider erschöpfte sich sein Vortrag ansonsten in Allgemeinplätzen, wie der Forderung, dass Europa nicht nur als "gehobene Freihandelszone" gedacht werden dürfe, sondern auch als Ort kultureller Vielfalt.

Verunsicherung war aus den meisten Beiträgen in Weimar herauszulesen. Die vage Ahnung, dass Kunst heute mehr denn je als Ware gehandelt wird und somit das Kriterium der Wirtschaftlichkeit die Bewertung von Kunstwerken maßgeblich bestimmt, teilten wohl alle Referenten. Rudolf Zwirner beschrieb die Mechanismen des "beschleunigten Kunstmarktes" eindrücklich: Die auch in Berlin viel beachtete "Sensations"-Ausstellung beispielsweise sei der geschickten Marketingstrategie ihres Finanziers, des Sammlers Saatchi, unterworfen gewesen. Sie habe vor allem der Prestigesteigerung der von Saatchi vermarkteten Künstler gedient, deren Werke er zur gleichen Zeit in England zum Verkauf angeboten habe. Das Museum, also der Ort, wo die Öffentlichkeit Zugang zu Kunst bekomme, sei nicht mehr ihr Endpunkt, sondern lediglich ein Durchgang zur Wertsteigerung.

Irritation löste in diesem Kontext auch das von Michael Naumann entworfene neue deutsche Stiftungsrecht aus, das es Privatleuten und Unternehmen erleichtern wird, Künstler, Museen und Hochschulen zu fördern. Vor dem Hintergrund der leeren öffentlichen Kassen scheint es sinnvoll, die Kunstförderung in private Hände zu geben. Doch die Sorge vor amerikanischen Verhältnissen ist nicht unbegründet - denn wer sein Geld gibt, hat Interessen.

Museen als Orte der Wertsteigerung

Heinz Günter Prager, Zweiter Vorsitzender des Künstlerbundes, brachte es in seiner Einführung auf den Punkt: "Die Kunst ist ein empfindlicher Stoff, der zwar dort gut gedeiht, wo Handel, Geld und Begierde zusammentreffen, aber genau an der Stelle auch leicht verkommt und schließlich im scheinbaren Mäzenatentum verhurt." In den USA hat die Abwesenheit staatlicher Kunstförderung zur kulturellen Verödung ganzer Regionen geführt, Anspruchsvolles ist nur noch in Zentren wie New York zu sehen und auch nur, wenn es massenkompatibel ist. Eine ähnliche Entwicklung habe in Berlin mit der Eventkultur schon eingesetzt, beklagte Prager.

Doch vielleicht müssen wir uns generell von der Idee verabschieden, dass das Neue und Subversive noch im Museum zu finden ist. Die Straße als den idealen Ort künstlerischen Wirkens beschrieb der Hamburger Künstler Bogomir Ecker, der seine vorsichtigen "Korrekturen des öffentlichen Raumes" vorstellte, wie etwa das Heraussägen einer Strebe des Eiffelturms. "Man übersieht meine Arbeit leicht. Doch sie ist wie ein Virus, der erst mit Verzögerung seine Wirkung zeigt."

In diesem Sinne ist wohl auch die Vergabe des mit 30 000 Mark dotierten Deutschen Künstlerbundpreises der Sparkasse an den in Berlin lebenden Künstler Jürgen Drescher zu verstehen. Über dessen Arbeiten hieß es einmal, sie seien eine Weiterführung des Beuysschen Ausspruchs, "Die Museen finden im Hauptbahnhof statt".

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