Kultur : Die Romanfabrik

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Von Steffen Richter

Wer im Herbst 1845 das Pariser „Journal des Débats“ bezog, sah sich vor eine erpresserische Entscheidung gestellt. Seit dem Sommer des Vorjahres druckte das Blatt die Geschichte eines atemberaubenden Rachefeldzuges ab. Am 29. November wurde der Abdruck ausgesetzt. Nur wer sein Abonnement für das Jahr 1846 verlängerte, bekam im Januar auch das Finale ins Haus geliefert. Der Rächer in besagter Geschichte hieß Edmond Dantès, ihr Autor Alexandre Dumas.

Seit 150 Jahren haben sie an der Definition unseres Abenteuer-Begriffs mitgeschrieben, die Herren Athos, Porthos, Aramis und d´Artagnan aus den „Drei Musketieren“ oder Monsieur Dantès alias der „Graf von Monte Christo“. Wahr ist freilich auch, dass die Romane von Alexandre Dumas oft in die Jugendbuch-Ecke abgeschoben werden. Erwachsene erinnern sich nur verschämt an ihre pubertäre Begeisterung angesichts der Heldentaten vor La Rochelle oder der gewagten Flucht aus dem Kerker von Château d’If. Zudem hat das 20. Jahrhundert den erfolgreichen Vielschreiber Dumas lange Zeit als Unterhaltungsschriftsteller abgekanzelt.

Damit dürfte es nun endgültig vorbei sein. Schon in den 60er Jahren hielt Dumas mit den „Drei Musketieren“ und ihrer Fortsetzung „Zwanzig Jahre später“ Einzug ins Allerheiligste der französischen Literatur, die renommierte Bibliothèque de la Pléiade. Nun, aus Anlass seines 200. Geburtstages, soll am 3. Oktober die Überführung in den Heroen-Tempel der Nation, das Pariser Panthéon erfolgen.

Pünktlich zum Jubiläum liegen auch zwei neue Bücher vor. Der französische Schriftsteller Dominique Fernandez („Die zwölf Musen des Alexandre Dumas“, atb, 282 S., 8,95 €) inszeniert eine feierliche Apotheose des Dichters. Um Dumas zum Vetter Dostojewskis, Bruder Pirandellos und Vorläufer Prousts zu machen, schreckt Fernandez allerdings vor keiner ästhetischen Grobschlächtigkeit zurück. Allzu oft siegt in dieser Kampfschrift die Rhetorik über argumentative Präzision. Wesentlich unaufgeregter präsentiert hingegen der Romanist Günter Berger („Alexandre Dumas“, dtv, 191 S., 10 €) sein Dumas-Porträt. Dem mit zeitgenössischen Illustrationen und zahlreichen Originaltönen zum historischen Hintergrund versetzten Band gelingt eine objektive Würdigung.

Aus dem Provinzstädtchen Villers-Cotterêtes war der junge Dumas aufgebrochen, um die Kapitale Paris als Dichter zu erobern. Überraschend schnell wurde der Traum wahr: Seine Dramen „Heinrich III. und sein Hof“ oder „Antony“ machten den gerade 28-Jährigen zum literarischen Star. „Man riss mir die Rockschöße in Fetzen“, berichtet er in seinen Memoiren, „der Rest meines Anzugs hatte Reliquienstatus angenommen.“ Gemeinsam mit Victor Hugo hat Dumas die althergebrachten Regeln der bienséance, der Schicklichkeit, zum Teufel gejagt und das romantische Theater begründet.

Waren die Bühnenerfolge gut fürs Prestige, ließ die mit dem Zeitungswesen neu entstandene Form des Feuilletonromans die Kasse klimpern. Und Geld brauchte Dumas beständig, um seinen ausschweifenden Lebensstil mit zahlreichen Mätressen und etlichen unehelichen Kindern zu finanzieren. Wohl kein anderer Autor hat von den Umwälzungen des literarischen Marktes in ähnlicher Weise profitiert wie Dumas. Im Jahr 1844 war er mit drei höchst profitablen Projekten in verschiedenen Zeitungen präsent. Häppchenweise erschienen „Die drei Musketiere“ in Le Siècle, „Der Graf von Monte Christo“ im Journal des Débats und „Die Königin Margot“ in La Presse. Dem Erfolg des Musketier-Epos schickte kurz er darauf „Zwanzig Jahre später“ nach, 1847 folgte mit „Der Vicomte von Bragelonne“ der letzte d’Artagnan-Roman.

Um die 90 Theaterstücke, 100 Romane, ein paar Dutzend Reisebücher und Memoirenbände gingen auf das Konto von Dumas, als er 1870 starb. Schon der zeitgenössischen Konkurrenz ist bitter aufgestoßen, dass einer allein dieses Pensum wohl kaum hat bewältigen können. In der Tat beschäftigte Dumas in seiner Romanfabrik viele Mitarbeiter. Unter böswilliger Anspielung auf seine Herkunft - Dumas stammte väterlicherseits von einer schwarzen Haitianerin ab - hat man seine Helfer zu „Negern“ erklärt. Noch heute heißen derartige Lohnschreiber in Frankreich „nègres“.

Die Rezeptur für Dumas’ märchenhafte Erfolge vereint vor allem zwei Ingredienzen: den Sinn fürs Historische und ein waches Gespür für Marktmechanismen. Immer wieder hat er es verstanden, heroische Epochen der französischen Nationalgeschichte in spektakuläre Szenarien zu verwandeln. Sein Personal begegnet den Großen der Geschichte auf Augenhöhe. Ob in der Bartholomäusnacht („Die Königin Margot“) oder der berüchtigten Halsbandaffäre Marie-Antoinettes („Das Halsband der Königin“) – stets schenkt der Autor seinen Lesern einen Blick durchs Schlüsselloch.

Mit den historischen Tatsachen halten es die Mantel- und Degenstücke freilich nicht so genau. Wo die Wirklichkeit zu fade klingt, wird sie dramatisiert, Stereotype befriedigen Identifikationsbedürfnisse. Die von jeglichem gesellschaftlichen Zündstoff bereinigten Texte schmiegen sich den Publikumserwartungen an. Da wird brutale Selbstjustiz zu ehrenwerter Rache verklärt, die Spannungen zwischen Kleinhändlern und Großbankiers ebnet Dumas ein. Für Differenzierungen ist eher der Kollege Balzac zuständig.

Bei Dumas kann man lernen, wie mit Dialogen Zeilen geschunden oder Romane aufgeblasen werden. Was in der Zeitung Erfolg hatte, würde sich schließlich auch als Buch oder in der Dramenfassung verkaufen. Außerdem hatte der begnadete Selbstvermarkter bald den Wert seiner Produkte als Markenn erkannt. Als er eigene Zeitschriften herausgab, nannte er sie „Die Musketiere“, „Monte Christo“ und „Dartagnan“. Der Romancier, der in seinen Texten die vorbürgerliche Welt aus Ehre, Mut und Draufgängertum gegen Staatsräson und kleinliches Rechnen beschworen hat, wusste sehr wohl alle Register der industriellen Literaturproduktion zu ziehen.

Schon 1898 gab es die erste „Musketier“-Verfilmung, 1938 wurde der „Graf von Monte Christo“ in der Regie von Orson Welles zum Hörspiel. Comics, Parodien und Werbespots folgten. Der Dumas-Kosmos bevölkert unser kollektives Bewusstsein. Selbst am Ende des 20. Jahrhunderts findet sich noch ein kongenialer Nachfolger. Der Spanier Arturo Pérez-Reverte jedenfalls hat sich den väterlichen Rat zu Herzen genommen, mit dem d’Artagnan einst nach Paris gezogen war: „Gehe keiner Gelegenheit aus dem Wege, suche die Abenteuer!“ Die romaneske Hommage an den Meister, „Der Club Dumas“ von 1993, stellt allerdings eines klar: Abenteuer kennen in der entzauberten Welt der Moderne nur noch einen wahren Ort – den zwischen zwei Buchdeckeln.

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