Kultur : Die Rosenträger

Wohin geht die Komische Oper Berlin? Andreas Homoki und Kirill Petrenko im Gespräch

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Herr Homoki, eigentlich steht die Komische Oper ja gut da: Modernes Marketing, lebendige Inszenierungen und ein ausgezeichnetes Ensemble. Warum sind die Auslastungszahlen dennoch nicht besser?

HOMOKI: Der Umbruch, den wir in den letzten Jahren eingeleitet haben, braucht einfach Zeit. Als ich kam, lag die Auslastung nur bei etwa 65 Prozent. Dass wir bei unserem Kurswechsel einen Teil des Publikums verloren haben, war nicht zu ändern. Vor allem die „Entführung“ von Calixto Bieito war da ein entscheidender Einschnitt. Ich glaube aber, dass unsere Strategie jetzt langsam greift. Immerhin haben wir für Januar und Februar 2005 eine Auslastung von 71,4 Prozent erreicht – gegenüber 63 Prozent im Vorjahreszeitraum. Und selbst ein unbekanntes Stück wie Händels „Orest“ liegt mit 80 Prozent über dem Durchschnitt. Das zeigt doch, dass es aufwärts geht.

Haben Sie überhaupt noch so viel Zeit?

HOMOKI: Natürlich muss das Haus noch voller werden. Aber die Einnahmesteigerungen, die wir bis 2009 erwirtschaften müssen, sind zu schaffen. Wir haben schon jetzt die Konsequenz gezogen, den Spielplan stärker unter betriebswirtschaftlichen Voraussetzungen zu planen. Wenn ein Stück sich schlecht verkauft, wird es eben seltener angesetzt. Und Wiederaufnahmen begrenzen wir auf eine Serie pro Spielzeit, die dann aber intensiv beworben wird.

An der Komischen Oper scheint besonders schwer vorhersehbar, was ein Hit und was ein Flop wird. Können Sie schnell genug reagieren?

HOMOKI: Das geht schon von einer Spielzeit zur nächsten. Dennoch stellen wir fest, dass die Auslastung sich immer schwerer kalkulieren lässt. Mal ist ein Stück an einem Monat rappelvoll, während es am Freitag davor halb leer war. Die Leute sind spontaner geworden.

Wie sieht dieses neue Publikum, das sie gerade gewinnen, eigentlich aus – und wie spricht man es an?

HOMOKI: In erster Linie hat sich unser Publikum erheblich verjüngt. Und es ist ein Publikum, das zwar Theatererfahrung hat, aber ein Stück oft zum ersten Mal überhaupt sieht. Ich merke das zum Beispiel im „Don Giovanni“. Wenn Leporello in der Registerarie seine Witzchen macht, wird gelacht – weil die Leute die Gags noch nie gehört haben. Mich freut das natürlich: So ein Publikum, das aus Neugier kommt und nicht nur seinen kulturellen Grundkanon abfeiern will, wünscht sich doch jeder Intendant. Im Übrigen bereiten wir gerade im Rahmen der Opernstiftung eine große Zuschauerumfrage vor, die uns eine aktuelle Planungsgrundlage für unser Marketing geben soll. Sie dürfen ja nicht vergessen, dass Opernmarketing bei uns noch eine relativ neue Sache ist.

Bis 2009 sinken die Zuschüsse für die drei Berliner Opern kontinuierlich ab. Bedeutet das auch, dass der Verteilungskampf mit jedem Jahr härter wird?

HOMOKI: Nein, eigentlich schaut im Moment jeder für sich, dass er im Plan bleibt. Wir prügeln uns jetzt auch nicht mehr um die Box-Office-Stücke als vorher. Dass für jedes Haus zwei Renner pro Jahr dabei sein müssen, ist eine akzeptierte Sache. Natürlich müssen wir bis 2009 durch den Trichter, natürlich wird das knapp. Aber was soll ich dazu groß sagen als: Wir arbeiten dran?

Die Deutsche Oper hat gerade verkündet, dass sie die notwendigen Mehreinnahmen nicht nur an der Abendkasse, sondern auch durch eine Sommerbespielung, Gastspiele und Sponsoring erzielen will. Die Komische Oper scheint sich damit schwerer zu tun.

HOMOKI: Wir sind gerade dabei ein Development Department für Sponsoring in Zusammenarbeit mit unserem Freundeskreis einzurichten. Aber auch das geht nicht von heute auf morgen. Ich kann ja schlecht mit dem Hut rumgehen. Es ist aber klar, dass es ohne Sponsoring in der Zukunft nicht gehen wird. Was den Sommer angeht, vermieten wir das Haus ja ohnehin zwei bis vier Wochen. Den Rest brauchen wir für Proben.

Dazu kommt noch, dass immer noch keine Klarheit über die Renovierung der Komischen Oper besteht ...

HOMOKI: Die Gespräche mit dem Investor hatten sich festgefahren. Aber ich glaube, dass wir das bis zum Sommer unter Dach und Fach haben, so dass ein Baubeginn 2009 realistisch ist. Im Gegensatz zur Staatsoper bekommen wir das zum Glück mit zwei verlängerten Spielzeitpausen hin.

Herr Petrenko, Sie verlassen das Haus mitten in dieser Umbruchsphase am Ende der kommenden Spielzeit. Haben Sie genug von den Berliner Querelen?

PETRENKO: Nein, das ist eine rein persönliche Entscheidung. Die Aufgabe eines Chefdirigenten, wie ich sie verstehe, ist einfach sehr aufreibend. Ich brauche jetzt eine Pause, in der ich auch abseits des Dirigierens noch etwas erleben kann. Ich werde vorerst auch keine andere feste Position übernehmen.

Bislang war die Komische Oper Karrieresprungbrett für junge Dirigenten. Setzen Sie auch weiterhin auf den Nachwuchs?

HOMOKI: Wir haben zwei Optionen: Entweder einen jungen Dirigenten, der genau an dem richtigen Punkt ist, ein Haus wie die Komische Oper zu übernehmen, oder einen älteren, international erfolgreichen, der sagt: Ich habe keine Lust mehr auf den Jetset-Zirkus. Tatsächlich sind unsere Kandidaten entsprechend.

Mit Ihrer nächsten gemeinsamen Premiere, dem „Rosenkavalier“ stellen Sie sich dem Direktvergleich der beiden anderen Berliner Häuser. Wie versucht die Komische Oper da zu punkten?

PETRENKO: In der Dimension der Komischen Oper rückt das Stück zwangsläufig näher an Mozarts „Figaro“ als stilistisches Vorbild heran. Wir werden das Stück ganz von der Sprache her auffassen – was meiner Ansicht nach auch im Sinne von Richard Strauss ist. Ich glaube, der „Rosenkavalier“ wird oft als sinfonische Dichtung missverstanden und zu einfach zu laut gespielt.

HOMOKI: Dazu kommt, dass wir unseren „Rosenkavalier“ aus dem Ensemble besetzen – mit Sängern wie Jens Larsen und Brigitte Geller, die durch die darstellerischen Herausforderungen an der Komischen Oper eine Intensität des Spiels erreicht haben, die man sonst nicht findet. Da ist eine ganz andere Durchdringung möglich. Und ich glaube, dass so ein „Rosenkavalier“ auch ein Publikum interessiert, das vom Theater her kommt.

Herr Homoki, ist das Team von Regisseuren, das die Komische Oper in den nächsten Jahren prägen wird, eigentlich komplett? Oder sind Sie noch auf der Suche?

HOMOKI: Neue Namen wird es erst in der übernächsten Spielzeit geben. Die Säulen stehen fest: Konwitschny, Koskie und Neuenfels, Decker, Bieito, und auch Sebastian Baumgarten, der wieder bei uns arbeiten will. Und ich natürlich.

Das Gespräch führte Jörg Königsdorf.

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