Kultur : Die rote Box

Mehr als nur Kulisse: Schinkels Bauakademie soll wiederaufgebaut werden

Michael Zajonz

Ihr Verlust war stets mehr als nur Phantomschmerz. Die 1961 abgerissene Berliner Bauakademie nimmt eine Sonderstellung im Werk Karl Friedrich Schinkels ein. Ihre Wirkung auf die Zeitgenossen beschrieb der Schinkel-Schüler Friedrich Adler 1869 so: „Wir haben die Bauschule aufgefasst wie einen Zukunfts-Grundstein, wir dürfen sie bezeichnen nach ihrer Lage im Raume als einen herrlichen Eckstein, wir nennen sie zuletzt für uns und alle Verehrer des Meisters einen Denkstein.“

Und der wirkt immer noch. Anders als beim Schloss war die Rekonstruktion der 1831/35 am Werderschen Markt errichteten Bauakademie nach 1990 nie ernstlich umstritten. Für Schinkels roten Backsteinkasten warben selbst Rekonstruktions-Skeptiker wie der Kunsthistoriker Tilman Buddensieg. Vor zwei Jahren errichtete der „Bildungsverein Bautechnik“ unter Anleitung der Architektin Martina Abri die nordöstliche Ecke der Bauakademie als werkgetreues 1:1-Modell. Damals regten SPK-Präsident Klaus-Dieter Lehmann und Senatsbaudirektor Hans Stimmann auch die Gründung eines Vereins an, der den Wiederaufbau durch Spenden ermöglichen und das Haus als Berliner Architekturmuseum betreiben soll. Der Architekt Josef Paul Kleihues übernahm den Vorsitz und gilt als Spiritus rector des Unternehmens. Bereits im letzten Sommer konnte er mit der Ausstellung „Die Hand des Architekten“ im Alten Museum einen Vorgeschmack auf die in hiesigen Sammlungen und Archiven schlummernden kostbaren Architekturzeichnungen bereiten. Es war gelungen, 14 Institutionen – vom Landesarchiv bis zur Architektursammlung der Berlinischen Galerie – zur Kooperation zu bewegen.

Doch Kleihues, der in der vergangenen Woche seinen 70. Geburtstag feierte und auf vier Jahrzehnte Berufserfahrung in Berlin zurückblicken kann, weiß genau, dass ein Museum allein Schinkels Haus und Geist kaum wiederbeleben wird. Sicher: Nicht jedes Rekonstruktionsvorhaben kann mit einer historisch derart schlüssigen Nutzungsidee aufwarten. Aus der Plan- und Modellsammlung der Bauakademie war ein veritables Architekturmuseum hervorgegangen, dass bis in die 1940er Jahre im Hamburger Bahnhof residierte. Eine solche Tradition verpflichtet.

Gleichwohl wird man künftig neben Ausstellungen und Publikationen auch Symposien, ja selbst Sommerkurse zu aktuellen architektonischen und urbanistischen Themen veranstalten. An eine Wiederbelebung der staatlichen Lehrinstitution Bauakademie sei, so Kleihues, natürlich nicht gedacht: „Der Verein Internationale Bauakademie versteht sich aber als Katalysator baukünstlerischer Ideen.“

Streit um Inhalte

Über diese wird seit einigen Monaten heftig unter Mitgliedern und Interessenten diskutiert. Architekten wie Hans Kollhoff, Christoph Sattler, Paul Kahlfeldt verbindet bei aller Divergenz ihrer Bauauffassungen die Kritik an einem Architekturbetrieb, der sich zunehmend hinter seinen Superstars verschanzt. Die künftige „Bauakademie“ müsse, so der Architekturhistoriker Fritz Neumeyer, jenseits gängiger Moden eine dezidiert künstlerische Haltung vertreten. Keinesfalls erwünscht sei „eine Schule der Beliebigkeit, auch wenn sie das Wort international im Namen führt“.

Passt dazu, dass ordentliche Vereinsmitglieder allein durch den Vorstand berufen werden? Professionelle Erfahrung, also ein Lebensalter von „40+“, vor allem jedoch das Bekenntnis zu einer – wie auch immer eingrenzbaren – rationalistischen Architekturtradition benennt Kleihues als dafür dienlich. Das klingt elitär. Eines sollten allerdings alle Beteiligten nicht aus den Augen verlieren: Das Projekt Bauakademie ist zu wichtig, um es den Gefahren eines neu aufgekochten Berliner Richtungsstreits unter Architekten auszusetzen.

Für mehr Diplomatie spricht eigentlich schon die ohnehin fragile Konstruktion des Vereins. Neben den Berufenen werden hier ja auch Vertreter der Sammlungen sitzen, die jeweils eigene juristische, haushaltstechnische und politische Rücksichten zu schultern haben. So teilte der neue TU-Präsident Kurt Kutzler seinem Professor für Bau- und Stadtbaugeschichte Johannes Cramer – der bislang die unverzichtbare TU-Plansammlung vertrat – ohne weitere Begründung mit, dass „eine förmliche Mitgliedschaft unserer Universität nach eingehender Prüfung derzeit nicht in Betracht“ käme.

Noch bleibt Zeit für behutsame inhaltliche Korrekturen. Denn von den Mühen des Bauens ist man um einiges entfernt. Mindestens 25 Millionen Euro wird die annähernd werkgetreue Rekonstruktion der Bauakademie kosten. Der Senat erwarb die Parzelle durch einen Grundstückstausch vom Bund und stellt sie zur Verfügung. Damit hat sich sein Beitrag erschöpft. Schatzmeister Paul Kahlfeldt hofft nun auf das Sponsoring namhafter Baufirmen – die momentan vor allem an ihrer wirtschaftlichen Situation laborieren.

Im Herbst will der Verein eine Fassadenkulisse der Bauakademie aufrichten. Der kleine Unterschied zu Wilhelm von Boddiens Schlossinstallation: Die Plastehülle muss wie beim Brandenburger Tor durch Werbefenster finanziert werden. Spätestens 2006 soll ein detailliertes Finanzierungs- und Nutzungskonzept vorliegen. Derzeit arbeiten Mitarbeiter von Kahlfeldt unentgeltlich am Bauantrag. Andere Vereinsaktivitäten finanziert Josef Paul Kleihues privat. Auch wenn Berlin auf die Begeisterung Einzelner angewiesen ist: Für „Zukunfts-Grundsteine“ erhoffen sich die Vereinsmitglieder breitere Fundamente.

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