Kultur : Die rotellisierte Welt

Kunst-Attacken: zum Tod von Mimmo Rotella

Nicola Kuhn

Bilder können das, Plakate erst recht. Sie graben sich tief in die Erinnerung ein. In seiner Kunst hat Mimmo Rotella beide Sphären auf geniale Weise zueinander geführt, indem er die Wirkmächtigkeit überdimensionaler Kinowerbung mit seiner spezifischen Geste der Überformung, ja einer regelrechten Attacke verband. Unter Rotellas Händen gewannen die Filmposter einer Sophia Loren mit angstvoll aufgerissenen Augen, der schmachtende Blick Ingrid Bergmanns oder die kühle Grandezza von Liz Taylor als Cleopatra neues Leben. Gekonnt zerfetzte Rotella die simplen Papptafeln von den Rändern her; die aufs Plakat gebannten Schönen begannen nach solchen Zudringlichkeiten für den Betrachter regelrecht zu virbrieren.

Sein ganzes Künstlerleben lang hat sich der gebürtige Kalabrese diese Pose des Widerständigen erhalten, sich bis zuletzt als Anti-Künstler verstanden, obwohl er längst als Grandseigneur der italienischen Szene galt. Von seiner 1953 auf der Piazza del Popolo in Rom gemachten Entdeckung ließ er nicht mehr ab. Dort sah der des Malens müde gewordene Künstler plötzlich ein zerfleddertes Plakat mit völlig anderen Augen und erkannte, dass sich darin die ersehnte Erneuerung verbarg. Fünf Jahre später stieß er zur Künstlergruppe des „Nouveau Realisme“ in Paris, den „Affichisten“, denn wie so oft hatte sich ein vergleichbares Phänomen in einem anderen Kunstzentrum Europas parallel herausgeformt. Der New Yorker Galerist Sidney Janis brachte die Gruppe 1962 mit Vertretern der Pop Art zusammen, denn er hatte begriffen, dass beide Richtungen in der Nachfolge des Dadaismus standen und sich durchaus vergleichbar der Alltagswelt als Material bedienten. Während die Pop Art-Künstler mit ihren realistischen Bildern jedoch den Konsumfetischismus noch weiter steigerten, suchten die Décollagisten durch den Angriff die Warenwelt von ihrem Sockel herabzu- stoßen, so glaubten sie zumindest.

Dieses Prinzip hat Rotella bis zur Perfektion betrieben. Er übertrug seine Technik schließlich auf emulsierte Leinwand und nannte sie „Mec Art“, holte sich dann aus den Plakat-Druckereien direkt die Makulatur, um sie zu verarbeiten und hatte damit die „Artypo“ erfunden. Am Ende „rotellisierte“ er alles, was ihm unterkam: Lakritzschlangen, Motoröl, wobei für Nicht-Italiener offen bleibt, ob es sich um Markennamen handelt oder der Künstler mit seiner Signatur einfach nur Schabernack trieb. Ein Schmunzeln war durchaus erlaubt bei der letzten deutschen Werkschau Rotellas 1998 im Württembergischen Kunstverein. Am Sonntag verstarb der Künstler mit 87 Jahren in Mailand.

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