Kultur : Die Rückkehr der Prächtigkeit

Grafik kann so verlockend sein: Nach neun Jahren öffnet die sanierte Wiener Albertina mit einem anspruchsvollen Ausstellungsprogramm

Bernhard Schulz

Noch sind Teile der Fassaden von Bauplanen verhängt, auch der Innenausbau geht gerade erst zu Ende – aber Hauptsache, der lang angepeilte Termin wird gehalten. Einerlei, ob alle Farbe schon getrocknet ist, mit der feierlichen Eröffnung der sanierten Grafischen Sammlung Albertina in Wien buhlt vom heutigen Sonnabend an gleich neben der Hofburg ein großvolumiges neues Museum um Besucher. Bildungsministerin Elisabeth Gehrer schwärmte bereits über die runderneuerten Bundesmuseen – darunter die Albertina –, „unser Erbe“ werde nunmehr „so präsentiert, dass der Kulturtourismus zu einem ganz wichtigen Wirtschaftszweig geworden ist“.

Das ist das ideale Terrain für Klaus Albrecht Schröder, den seit dem 1. Januar 2000 amtierenden Direktor der Albertina. Der agile Kulturmanager hat seit 1988 das „Kunstforum der Bank Austria“ aufgebaut und mit publikumswirksamen Ausstellungen und ebenso gezieltem Marketing zu einer der erfolgreichsten Adressen Wiens gemacht. Inzwischen haben die staatlichen Museen allerdings aufgeholt.

Mit Superlativen konnte Schröder bei der Vorbesichtigung nur so um sich werfen. 65000 Handzeichnungen verwahrt die Albertina – darunter solche Ikonen wie Dürers „Betende Hände“ –, eine Million druckgrafische Blätter, 25000 Architekturpläne – und seit neuestem, von Schröder begründet, einer fotografischen Sammlung, die mit 60000 Fotografien und 40000 Büchern sogleich einen vorderen Rang im internationalen Vergleich beansprucht. Schwerpunkt der Albertina, so Schröder, war stets die zeitgenössische Kunst, vom (namensgebenden) Herzog Albert von Sachsen-Teschen an, dem Gemahl von Kaiserin Maria Theresias Lieblingstochter Marie-Christine, der die Sammlung seit 1776 nach vorausweisenden wissenschaftlichen Prinzipien aufbaute.

Denn natürlich ist die Albertina kein neues Museum. Sie besteht als öffentliche Sammlung seit 1919, ein Kind der Auflösung der Donaumonarchie und der Gründung der Republik Österreich. Doch war sie als Relikt vermuffter Musealität allmählich aus der öffentlichen Wahrnehmung entschwunden. Nach dem verheerenden Brand in der benachbarten Hofburg wurde die als erheblich gefährdet erkannte Albertina 1994 geschlossen. Seit drei Jahren nun wurde das Albertina-Palais, das noch am 12. März 1945 von einem Bombentreffer verwüstet und danach im grauen Beton-Design der fünfziger Jahre geflickt worden war, mit Hochdruck saniert. Neben der Wiederherstellung der letzten historischen Fassung der Palaisfassaden aus dem Jahr 1867 sowie der seit 80 Jahren als Depot missbrauchten Enfilade der klassizistischen Prunkräume des frühen 19. Jahrhunderts erhielt das Haus neue Schausäle sowie einen Tiefenspeicher. Sie wurden, im Stadtbild unsichtbar, in das Fundament getrieben, auf dem der Palast thront, in die hoch aufragende Bastei als letztem Relikt der frühneuzeitlichen Stadtbefestigung Wiens. Insgesamt vergrößert sich die Nutzfläche der Albertina um 13000 auf beeindruckende 18000 Quadratmeter. Zwei neue Ausstellungshallen von jeweils knapp 1000 Quadratmetern Fläche, die eine im unsichtbaren Bastei-Einbau, die andere im piano nobile des ans Palais angrenzenden, ehemaligen Augustiner-Klosters gelegen, ermöglichen zusammen mit der traditionellem Pfeilerhalle drei parallele Ausstellungen.

Damit künftig jeder Wien-Besucher erkennen kann, wo im Gefüge der imperialen Bauten der Altstadt die Albertina untergebracht ist, darf Österreichs Star-Architekt Hans Hollein ein gigantisches Flugdach über der Spitze der Bastei montieren – Anlass zu gehörigem Schmäh in den zurückliegenden Jahren. Das Dach ist wegen Schwierigkeiten mit der Herstellung der Titan-Haut zur Eröffnung nicht fertig geworden, der städtebauliche Aha-Effekt muss bis zum Herbst warten.

Schröder weiß, dass mit dem Begriff „Grafik“ allein keine Besucher zu locken sind. Den Nachteil der fehlenden Dauerausstellung – weil Grafik dafür zu empfindlich ist – sieht er als Vorteil: „Eine permanente Schausammlung wird irgendwann langweilig. Das Publikum ist nicht mehr zufrieden damit zu sehen, was der Zufall zusammengefügt hat. Es will ein stets wechselndes Material sehen – neu befragt, neu gesehen, neu problematisiert.“

Das wird die Albertina bieten – und offeriert zum Neustart drei hochkarätige, vorzüglich präsentierte Ausstellungen, die zugleich das Profil des Hauses kennzeichnen. Im Mittelpunkt steht eine Übersicht zum Werk des Norwegers Edvard Munch. Sie beschränkt sich nicht auf die bei Munch so ungemein wichtige Grafik, sondern bezieht nicht weniger als 70 Gemälde mit ein. Der entschlossene Zugriff auf die Klassische Moderne bringt die umfangreichste Abteilung der Albertina-Bestände zur Geltung; die Zusammenführung der Gattungen ist darüber hinaus Programm: „Die Isolation der Grafik muss ein Ende haben. Und Munch ist ein Künstler, der die Schranken zwischen den Gattungen heruntergerissen hat.“

Sodann wird unter dem Titel „Das Auge und der Apparat. Eine Geschichte der Fotografie“ ein erster Einblick in die in Angriff genommene Fotosammlung des Hauses gegeben. Das ist derzeit noch ein dezidiert Wiener Blick. Die Wechselbeziehung zwischen der Entwicklung der Fototechnik und dem fotografischen Sehen, die die Ausstellung in acht Kapiteln untersucht, dient eher als thematische Stütze, um die noch unvollständige Darstellung der Fotogeschichte elegant zu überspielen.

Und zum Dritten macht eine Ausstellung von Roberto Longo deutlich, dass die Albertina das Terrain der Gegenwartskunst mit Entschiedenheit beansprucht. Auch diese Ausstellung zielt darauf, das Haus im – so Schröder – „deutlich härter gewordenen Wettbewerb der Wiener Museen“ zu positionieren: Der Amerikaner Longo nimmt sich in großformatigen Zeichnungen der Wohnung Sigmund Freuds an, basierend auf Fotografien von 1938, unmittelbar vor der Emigration des greisen Begründers der Psychoanalyse. So wird bedient, was jedermann unter Wien im Hinterkopf hat.

Warum auch nicht. Die Zusammenführung der künstlerischen Gattungen, die bei der für September anstehenden Dürer-Ausstellung noch spektakulärer ausfallen wird, setzt die um die Besuchergunst konkurrierenden Wiener Häuser – etwa das Kunsthistorische Museum – unter Zugzwang. Das dürfte nicht ohne Fernwirkung bleiben – bis nach Berlin, wo die Staatlichen Museen einen ersten Schritt in diese Richtung mit der Präsentation von Skulpturen und Gemälden im 2004 wiederzueröffnenden Bode-Museum planen. Schröder wäre nicht der Manager, als der er gerühmt und beargwöhnt wird, hätte er den Besuch der Albertina nicht als Rundumerlebnis geplant. Ein weitläufiger Museumsshop in Eigenregie sowie ein spektakulär gestaltetes Café-Restaurant sollen dazu beitragen, die angepeilte Eigenfinanzierungsrate von nicht weniger als vierzig Prozent des Budgets zu erreichen.

Österreich galt bislang stets als Refugium beharrungswilliger Bürokratie. Tempi passati! Im Kulturbereich weht seit Jahren ein kräftiger Wind, der die Institutionen ordentlich durcheinandergebracht hat. Die Bundesmuseen sind mittlerweile in die Selbstständigkeit geworfen worden – und müssen über die vom Staat gewährte Grundfinanzierung hinaus kräftig Eigenmittel erwirtschaften. Schröder pokert hoch. Die vom Ministerium bislang zugesagten 5,1 Millionen Euro genügen ihm nicht. Zwar wollte er sich am Donnerstag nicht mehr auf den Mehrbedarf von drei bis vier Millionen Euro festlegen, den er zuvor in Interviews angemeldet hatte. Doch da er mit einem Jahresbudget von zwölf Millionen Euro plant und bei anvisierten 350000 Besuchern im Jahr 4,5 Millionen selbst zu erwirtschaften hofft, ist die derzeitige Deckungslücke ersichtlich. Die Eröffnung der Albertina ist ein fait accompli, und Ministerin Gehrer wird sich für die von ihr so unterstützte Albertina-Neuausrichtung finanziell noch krumm legen müssen.

Für eine Generalsanierung der Albertina waren bereits 1992 eine Milliarde Schilling – heute 73 Millionen Euro – geschätzt worden. Schröder ging aufs Ganze, spannte selbst die Stadt Wien – die nicht für das Bundesmuseum Albertina zuständig ist – finanziell ein und schaffte es, neben öffentlichen Mitteln von knapp 60 Millionen Euro 17 Millionen Euro Sponsorengelder und -sachleistungen zu mobilisieren. Ein fünftel Privatmittel dieser public-private partnership sind auch im internationalen Vergleich bemerkenswert.

Wien hat mit dem Gebäude ein architektonisches Juwel zurückerhalten. Die Wiederherstellung der historischen Außenansicht des Palais gibt der städtebaulich unbefriedigenden Situation schräg hinter der mächtigen Staatsoper ein Stück vergangener Pracht zurück. Schröder erwähnt den Kampf mit der Denkmalpflege, die – er sagt es mit hörbarer Verachtung – den „Arbeiterbarock der fünfziger Jahre erhalten“ wollte. Nun kehrt das historistische Erscheinungsbild von 1867, als Erzherzog Albrecht das barocke Erscheinungsbild im Sinne der imperialen „Ringstraßenarchitektur“ vereinheitlichen ließ, zurück. Hinter der Burggartenfront verbergen sich die bis ins Detail der mit dem ins Kupfern-Rötliche spielenden „AlbertinaGold“ restaurierten Prunkräume aus dem 19. Jahrhundert. Sie stehen zur Besichtigung, aber auch zur Vermietung bereit.

Der unregelmäßig geformte Platz zu Füßen der neun Meter über Straßenniveau aufragenden Bastei heißt Albertinaplatz. 1920 war er kurzzeitig der „Platz der Revolution“. Das wäre passend! Denn hinter den restaurierten Mauern der Albertina ereignet sich eine sanfte Revolution im Wiener Museumswesen. Ob ihr dauerhafter Erfolg beschieden ist, entscheidet der Besucher. In der neuen Albertina ist der Kunde König.

Wien, Albertinaplatz 1. Eintritt 7,50 €. – Munch bis 22. Juni, Katalog bei Hatje Cantz 26 €, Fotografie bis 8. Juni, Katalog bei Hatje Cantz 26 €, Longo bis 8. Juni, Katalog im Kerber Verlag, 25 €. – Infos: www.albertina.org

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