Kultur : Die Rückkehr der Sammler

LUTZ WINDHÖFEL

Am Anfang stand der Schrott.Die Galerie "m" (Bochum) hatte eine tonnenschwere und kreisrunde Plastik von Richard Serra vor den Eingang der Kunstmesse ART in Basel gestellt.Bei dem Spektakel um Kunst und Kommerz - das bedeutendste in Europa neben Köln und Berlin - waren in diesem Jahr 269 Galerien aus Europa, Amerika, Asien und Australien vertreten.

Georg Nothelfer, der 1972 mit seiner Berliner Galerie erstmals teilnahm, analysiert den Jahrgang 1998 genau.Seit vielen, vielen Jahren seien dieses Jahr wieder die Sammler gekommen.Ein Publikum, daß weiß, was es will.Ein Publikum, daß "seine" Künstler bei den Galerien sucht, die diese vertreten; ein Publikum, das schaut, Preise vergleicht und dann, wenn es Fragen stellt, dies überlegt und sparsam tut.In der Hochkonjunktur der achtziger Jahre, so Nothelfer, seien Stände von meist spekulativen Kunstkäufern einfach leergekauft worden.Nun seien die Sammler also an den Rhein zurückgekehrt.

Von dieser Entwicklung können alle nur profitieren.Die Galeristen, die Kunden, die Künstlerinnen und Künstler und natürlich auch die Kunst.Denn der ästhetische Durchlauferhitzer seit Beginn der achtziger Jahre, als die Bilder flach, die Formate groß und die Preise höher wurden, stürzte den Markt dieses Segmentes 1989 in eine schwere Identitätskrise."Es scheint", meint Elisabeth Fischer aus Düsseldorf, "daß wir nun die Früchte ernten, die wir vor 30 Jahren gesäht haben".1968 zeigte die Galerie Fischer den heutigen Klassiker Richard Long in seiner ersten Ausstellung überhaupt.Im gleichen Jahr war der heutige Superstar Bruce Nauman zum ersten Mal in Europa zu sehen.Nun hat die Galerie Fischer eine große Photoarbeit von Jan Dibbets verkauft (ca.180.000 Mark).

Was vor 30 Jahren eine unbekannte Gegenwart war und inzwischen die breite Anerkennung des Publikums hat, gibt es selbstredend auch heute.Und fast keiner der Stände, die in diesem Jahr mehrheitlich mit sehenswerter Qualität glänzten, hat nicht ein oder zwei Newcomer (oder Newcomerinnen) nach Basel mitgebracht.Im Umfeld der etablierten Kunst glänzt auch das Neue, wie die präzisen Video-Miniatur-Wandkästen von Kirsten Geisler bei Franck + Schulte (Berlin, je 12 000 Mark).

Da die Basler Messe nicht nur die bedeutendste, sondern für den Handel auch die weit teuerste ist, kann man es ihm nicht verübeln, daß er die Preziosen ausbreitet.Buchmann (Köln/Basel) konnte für drei Plastiken von Tony Cragg Sammlungen finden (80-110 000 Franken).Locks (Philadelphia) fand für ein Bild Donald Baechlers einen Käufer (30 000 Franken).Bei Beyeler (Basel) passierte Analoges mit einem Bild Anselm Kiefers (rund 1 Million Franken) und einem von Sigmar Polke.Gray (Chicago) konnte ein Bildnis von Alberto Giacometti, Greve (Köln, Mailand, Paris) ein solches von Cy Twombly und eine Plastik von Louise Bourgeois (um 300 000 Franken) verkaufen.Ein "Wrapped Reichstag" wollte man bei Nothelfer (Berlin, 260 000 Mark) haben und bei Gilger (Wien) eine Skulptur von Alfred Hrdlicka (120 000 Mark).

Daß das Kunstsammeln schließlich nicht nur in schwindelnden Höhen passiert, belegen die Verkäufe von Prägedrucken Günther Uekers bei Van der Koelen (Mainz, je 2 700 Mark) und von Serigraphien Ueli Michels bei Mäder (Basel, Mappe 3 500 Franken).

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