Kultur : Die Rückkehr der Schlaghose

ANNELIE LÜTGENS

Er liebt Hexen, Räuber, römische Kaiser, Tyrannen, antike Götter und den Marquis de Sade: "Es geht mir darum, die Besten ihres Metiers zu versammeln." Jonathan Meese ist ein leidenschaftlicher, ein verspielter, ein ernsthafter Sammler.Es gibt Künstler, die ihr Atelier oder ihre Wohnung zum Gesamtkunstwerk ausbauen: Die Kathedrale des erotischen Elends, wie Kurt Schwitters seinen Merzbau genannt hat, oder die Raumensembles Anna Oppermanns mit ihrem Geflecht aus Zeichnungen, die zu Bildern, und Bildern, die zu Installationen werden.Wenn dann später diese Räume in einem Museum landen, bleibt immer noch die faszinierende Vorstellung, als Betrachter in das Herz künstlerischer Kreativität einzudringen, obgleich das Ensemble längst zum musealen Ausstellungsstück geworden ist.

Jonathan Meese hat den Ausstellungsraum bei Contemporary Fine Arts in eine zweistöckige Räuberhöhle verwandelt.Ein Hauch von Nostalgie befällt die Besucherin, die auf einer roh zusammengezimmerten Empore durch dieses Ensemble geleitet wird.Hinter dem Glasperlenvorhang eröffnet sich: ein Gesamtkunstwerk, das erklärte Idealatelier des Künstlers, und für alle um die Vierzig der Alptraum eines Teeniezimmers aus den siebziger Jahren.Jonathan Meese ist allerdings erst Mitte zwanzig und zur Zeit noch Student bei Franz Erhardt Walter an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste.

Meese hat alles zusammengetragen, was an Kultur, Kitsch und Trash so angefallen ist zwischen Easy Rider und DAF.Obwohl jeder Zentimeter Wand bedeckt ist mit Postern, Filmstills und Starfotos, sehen wir nur eine kleine Auswahl seines Materials.Integriert sind fotografische Selbstporträts, Handzeichnungen und an die Wand geschriebene Parolen.Es gibt ein Wiedersehen mit Lex Barker und Pierre Brice, Thomas Bernhard, Klaus Kinski, Steve McQueen, Burt Reynolds und immer wieder Diana Rigg als Emma Peel aus der TV-Serie "Mit Schirm, Charme und Melone".Wer frei von Platzangst ist, kann zwischendurch in einer der kleinen Sitzecken pausieren, etwa auf einem dieser typischen braunen Cordsofas, den Monumentalschinken "Caligula" auf Video anschauen, zu einer Reclamausgabe von Suetons Nero oder zu Edgar Allen Poes Erzählungen greifen.Auf dem Boden im Zentrum ein flokkatibedecktes Podest, in dem ein vergitterter Monitor steckt."Clockwerk Orange" wird gegeben, während in Nischen drumherum Zeichnungen und Texte des Künstlers zu entziffern sind.Aus einem Ghettoblaster tönt der Soundtrack zu "Jackie Brown".Bei diesem Flashback fehlt wirklich nichts.Nur Nachgeborene können derart perfekt die Höhen und Tiefen jüngster Vergangenheit vorführen.Oder anders gesagt: Wir 78er haben uns an Theorie und Praxis der 68ern abgearbeitet und die 89er recyclen nun unseren degoutanten Schlaghosenlifestyle.

Das Erfrischende an Meeses Installationen ist, daß wir es anders als beispielsweise bei Thomas Hirschhorn nicht mit Gesellschaftskritik als Kunst zu tun haben.Und dem hochartifiziellen Chaos eines Jason Rhoades haben sie die Unheimlichkeit des Vertrauten, das leise Schaudern bei der Wiederbegegnung mit den eigenen jugendlichen Vorlieben voraus.

Jonathan Meese schreibt genauso manisch wie er sammelt.In einer eigenwilligen, an Arno Schmidt erinnernden Kurzprosa erzählt er Abenteuergeschichten und Räuberpistolen.Mit zwölf erfand er seine eigene Geheimsprache, bestehend aus zehn Begriffen und drei Grimassen.Um eine Kostprobe gebeten, muß der Künstler ein bißchen überlegen, um die zehn Begriffe noch zusammenzukriegen, aber die drei Grimassen führt er sofort vor.

Contemporary Fine Arts, Sophienstr.21, bis 19.September; Montag bis Sonnabend 10-18 Uhr.Im August nach Vereinbarung.

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