Kultur : Die Rückkehr der Weltraum-Ritter

KAI MÜLLER

"Die Untoten der Popkultur kehren immer wieder zurück aus dem Reich des Schweigens und der Irrelevanz." Auf keine anderen Popgeschöpfe trifft dieser Satz von Claudius Seidl so sehr zu wie auf die Bombast-Rock-Band Kiss.Denn Kiss sind die Fürsten dieser Finsternis, in der verdrängte und dem Vergessen anheimgefallene Superstars als unruhige Seelen umherwandern.Sie können nicht glauben, daß sie sterblich sind.Und so paradox es klingen mag: Sie haben sogar recht.

Als die Gruppe Kiss Anfang der 80er Jahre nach Streitigkeiten auseinanderbrach, trat sie nach Einschätzung des US-Magazins "Spin" als "die größte und reichste Witz-Band in der Geschichte des Universums" ab.Mit insgesamt über 80 Millionen verkauften Platten und einer schwindelerregenden Serie von Gold- und Platin-Auszeichnungen sind Kiss zum Synonym für Kitsch und Kommerz geworden.Daß sie ihr aktuelles Album, mit dem sie aus der jahrelangen Versenkung wieder ans Tageslicht streben, zu allem Überfluß auch noch "Psycho Circus" nennen, klingt wie ein Eingeständnis.Denn genau das sind Kiss immer gewesen: eine psychotische Clownerie, die alles, was man gemeinhin für schlecht und geschmacklos hält, noch überbietet.Wer sich beklagt, KissÕ pyrotechnische Supershows seien bloß eskapistische Schauerrituale, übersieht, daß der Budenzauber eine Selbstoffenbarung des Showbusiness sein will.Eine Sache, die so bunt, billig, ungestüm und leicht zu durchschauen ist, treibt Vermarktung und Legendenbildung auf die Spitze."200 Millionen Amerikaner sind nicht an Subtilität interessiert", erklärt Zungenwunder Gene Simmons."Die wollen eins mit dem Vorschlaghammer über den Kopf und kein vornehmes Getue."

Die 1972 in New York von dem Bassisten Simmons und seinem Freund und Gitarristen Paul Stanley gegründete Monsterkapelle ist eine Retortengeburt des Glamrock.Sie verband den glitzernden Glamour der New York Dolls mit den theatralischen Gruselorgien eines Alice Cooper, und die Musiker, zu denen sich noch Ace Frehley und Peter Criss gesellten, inszenierten sich als vulgäre Weltraum-Krieger.Sie verfeinerten ihr protziges Erscheinungsbild, indem sie sich Phantasienamen wie "The Demon", "The Starchild", "Space-Ace" und "The Catman" zulegten und ihre Gesichter hinter exotischen Masken verbargen.Ihre Gitarren feuerten Raketen ab, sie gurgelten Blut, spuckten Feuer und lösten ein Inferno sadomasochistischer Exerzitien aus, das die frühreifen Ängste und Sehnsüchte seines Publikums karikierte.Dem Selbstverständnis der Band entsprechend, sollten ihre Feiern als "heidnische Religion für Halbwüchsige" wahrgenommen werden.Die Fangemeinde formierte sich artig zu einer "Kiss Army", die ihre Idole hemmungslos verehrte.So trieben sie die Selbststilisierung als überirdische Wesen mit einer ähnlichen Konsequenz voran wie David Bowie, dessen Auftritte als "Ziggy Stardust" ebenfalls eine in sich geschlossene Kunstwelt schufen.Erst als sie Anfang der 80er auch als Musiker und Songschreiber ernstgenommen werden wollten, endete der Zauber.

Das Ende kündigte sich an, als Frehley und Criss ihren Kulturauftrag mit rauschenden Drogenparties etwas zu weitschweifig auslegten.Der Kiss-Ehrenkodex war verletzt worden.Statt die Exzesse des Popgeschäfts als Höllen-Priester zu verspotten, hatten sich die beiden einfangen lassen und mußten gehen.Aber auch Simmons und Stanley strebten infolgedessen nach mehr: MTV gestatteten sie 1983 ihre Demaskierung.Allerdings sahen Kiss ohne ihr Make-up nur noch aus wie eine ganz gewöhnliche Hardrock-Band.Ihre vollmundigen Sprüche wirkten jetzt nur noch ärmlich, wie von Leuten gesagt, die wissen, daß sie untergehen und einen großartigen Abgang suchen.

Andere Bands, die im Kielwasser von Kiss nachgewachsen waren, konnten das besser - Mötley Crue, Twisted Sister, Metallica.Ironischerweise erlebten Kiss ihre Wiedergeburt in der Originalbesetzung anläßlich eines Unplugged-Konzerts auf MTV.Nichts hätte jemals ferner liegen können als eine akustische Version ihrer grobschlächtigen Bubbel-Gum-Nummern, von denen Paul Stanley einmal behauptete, sie seien dazu angetan, "daß sich das Gehirn in schlabbriges Fruchtgummi verwandelt".Trotzdem: Diese absurde Umkehrung des rüpelhaften Kiss-Images durch zahmes Geklampfe war die Initialzündung für die ergrauten Herren, sich in die alten Kostüme zu zwängen.

Dem Kiss-Revival mag die Wiederentdeckung der 70er-Jahre-Mode durch Filme wie "Velvet Goldmine" oder "Studio 54" und das wachsende Interesse an Schlaghosen, Plateau-Schuhen und psychedelischen Farbkombinationen geholfen haben.Jetzt, da die Relikte der Hippie-Bewegung nicht mehr wegen politischer Botschaften gekauft werden, sondern einen ästhetischen Eigenwert gewinnen, ist die Wiederaufbereitung des Kiss-Spektakels der modische Supergau.Was nie lebendig war, das kann nicht sterben.

KISS "Live in 3-D", Velodrom, 7.3., 20 Uhr

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