Kultur : Die Rückseite der Stadt

Lieber fremd als Realist: Der Dichter Nicolas Born wird wiederentdeckt

Michael Braun

Peter Handke hat die Frage gestellt, warum über die Gedichte seines toten Freundes Nicolas Born nicht ebenso viel Begeisterung herrsche wie über die Lyrik des für seine Radikalität bewunderten Rolf Dieter Brinkmann. Wie berechtigt diese Frage ist, bewiesen im letzten Jahr die Autoren der Anthologie „Lyrik von Jetzt“ (DuMont), die den wilden Poeten Brinkmann hochleben ließen, während sie den komplexeren Nicolas Born offenbar vergessen hatten. Das mag daran liegen, dass die bei Brinkmann üblichen schrillen Feinderklärungen in den Werken des 1979 mit 41 Jahren vom Krebs aufgezehrten Alltagsrealisten vom Niederrhein nicht zu finden sind. Borns skeptische Utopien und melancholisch-hellsichtigen Erkundungen seiner Lebenswelt sind sehr viel schwerer fassbar – auch in seinen Romanen „Die erdabgewandte Seite der Geschichte“ (1976) und „Die Fälschung“ (1979), deren Helden „ansteckende Fatalisten“ sind.

Borns Gedichte leben von verhaltener Gestik, präzisen Momentaufnahmen des Alltags und der genauen Beobachtung eines bedrohlichen Weltzustands. Als er im Nachwort zu seinem Band „Das Auge des Entdeckers“ (1972) den Begriff der Utopie ins Spiel brachte, standen gleich die linken Freunde Spalier, um ihn ins systemkritische Milieu einzugemeinden. Dabei hatte sich Born ausdrücklich von jener lamentierenden Literatur abgesetzt, die auf „die Misere abonniert“ ist. „Jeder“, so schrieb Born damals, „ist eine gefährliche Utopie, wenn er seine Wünsche, Sehnsüchte, Imaginationen wiederentdeckt unter dem eingepaukten Wirklichkeitskatalog.“

Die entscheidende Prägung empfing der junge Born jedoch nicht vom kulturrevolutionär gestimmten Berliner Freundeskreis um Hans Christoph Buch und Hermann Peter Piwitt, die mit ihm in Walter Höllerers Prosa-Seminaren an der TU saßen, sondern von dem Dichter Ernst Meister, mit dem er 1959 in Kontakt gekommen war. Von Meisters Sprachmagie, betonte Born später, habe er viel „über die Genauigkeit und die Unsicherheit der Sprache“ gelernt. Dieser Sprachempfindlichkeit verdankte es Born, dass er resistent blieb gegen die stilistische Lässigkeit und politische Naivität der Autoren aus dem Umkreis der Studentenbewegung. Gegenüber den prahlerischen Allgemeinbegriffen seiner linken Freunde wahrte der Polizistensohn aus dem Ruhrgebiet stets Distanz; sein als Flugblatt verteiltes Gedicht „Berliner Para-Phrasen“, das ein Demo-Erlebnis in lyrisierte Tiraden ummünzt, hat er später nicht mehr in seinen Band „Gedichte 1967-1978“ aufnehmen wollen.

Dies ist eine der großen Überraschungen, mit denen uns die kritische Gesamtausgabe seiner Gedichte konfrontiert: Der gegen die „Poetologien der Altvorderen“ polemisierende Dichter, der mit seiner Poetik der „rohen, unartifiziellen Formulierung“ die Kritiker begeisterte, war in seinen Anfängen von der „Neuen Subjektivität“, zu deren Galionsfigur er später ausgerufen wurde, weit entfernt. Schon um 1960 hatte er unter seinem Geburtsnamen Klaus-Jürgen Born eine nie veröffentlichte Gedichtsammlung mit dem Titel „Echolandschaft“ zusammen- gestellt, die noch ganz vom hohen Ton Ernst Meisters beeinflusst war.

Meisters Ehefrau verdankt Born auch den Einfall, sich den Künstlernamen Nicolas zuzulegen. Als er 1964 als introvertierter junger Autor bei seinem ersten Lektor Dieter Wellershoff auftauchte, hatte er die ersten Geselligkeits-Räusche der Berliner Zeit bereits hinter sich. Es wäre reizvoll, die schattenhafte Figur des Ich-Erzählers in seinem frühen Roman „Der zweite Tag“ mit den Konturen jenes welthungrigen lyrischen Ich zu vergleichen, das in den späteren Gedichtbänden „Marktlage“, „Wo mir der Kopf steht“ und „Das Auge des Entdeckers“ Gestalt gewinnt.

Zu den größten Verdiensten dieser kritischen Ausgabe gehört die subtile Korrektur des Born-Bildes, das bislang seine Freunde Hans Christoph Buch und Hermann Peter Piwitt mit biografischen Skizzen geformt hatten. Die Herausgeberin der Ausgabe, die Born-Tochter Katharina, entdeckt in ihrer Rekonstruktion der Lebensgeschichte viele neue Facetten. Hier werden auch erstmals die Gedichte aus dem Nachlass veröffentlicht, die man nach einem verheerenden Brand in Borns Haus im Jahr 1976 vernichtet glaubte. Die Werkstufen der einzelnen Gedichte zeigen zudem einen Autor, der die scheinbare Beiläufigkeit seiner Gedichte in strenger formaler Selbstdisziplinierung hergestellt hat.

Die „Momente der Leere und Versunkenheit“, die Born in seinen späten, verzweifelten „Notizen aus dem Elbholz“ anspricht, haben sich bereits in die noch zuversichtlichen Gedichte des Bandes „Das Auge des Entdeckers“ eingeschrieben. Was man später „Neue Subjektivität“ genannt hat – in diesen Gedichten ist es am differenziertesten entwickelt: ein unruhiges Ich, das sich neugierig in die Welt hineintastet. Nicht immer gelingt es Born aber, dieses Ich von Exhibitionismen („Und wieder sitze ich im Suff am frühen Morgen“) freizuhalten. Konzentrierter wirken die frühen Gedichte in „Marktlage“, in denen der Dichter auf die vertraute Welt im Revier blickt. Er weigere sich, hat Born später an Günter Kunert geschrieben, sich vom Realitätsprinzip einfangen zu lassen: „Lieber keine Identität. Lieber zusammengesetzt sich fühlen aus lauter sich gegenseitig abstoßenden Fremdorganen.“

Ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod wird nun ein Dichter wieder entdeckt, der den Zusammenbruch der Utopien in unvergesslichen Versen fixiert hat: „Mit uns macht die Geschichte Schluss. / Am genauesten sieht man sie wenn der Zug / langsam entlangfährt an den Rückseiten der Städte / Lagerhallen Höfe, die Kehrseite der Wäsche/ und der Blumenfenster/ die erdabgewandte Seite der Geschichte.“

Nicolas Born: Gedichte. Herausgegeben von Katharina Born. Wallstein Verlag, Göttingen 2004. 664 Seiten, 34 €.

Katharina Born stellt den Band heute um 20 Uhr im Berliner Literaturhaus vor – zusammen mit Hans Christoph Buch, Karin Kiwus, Jürgen Theobaldy und Rolf Haufs.

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