• Die Rundfunkorchester und -chöre GmbH wählt einen neuen Intendanten. Der erste Zwist zwischen Bund und Berlin?

Kultur : Die Rundfunkorchester und -chöre GmbH wählt einen neuen Intendanten. Der erste Zwist zwischen Bund und Berlin?

Frederik Hanssen

Auf der Programmbroschüre des Deutschen Symphonie-Orchesters (DSO) für die Saison 2000 / 2001 prangt ein Porträtfoto. Kent Nagano ist darauf zu sehen, der neue Chefdirigent des DSO, die große Hoffnung der Berliner Musikszene. Prompt fordert das DSO-Managament in der Saisonvorschau sein "verehrtes Publikum" zu "Genussfreude, Neugier und Toleranz" auf; und vor den Konzerten werden kreditkartengroße Nota-bene-Kärtchen verteilt, die alle Berliner Auftritte des Amerikaners japanischer Herkunft zusammenfassen: Nagano kommt!

Da werden plötzlich Kassandrarufe laut in der Berliner Musikszene: Kent Nagano könnte den Taktstock hinwerfen, noch bevor er der erste Ton erklungen ist. Der Dirigent nämlich sei gar nicht damit einverstanden, wie in der Rundfunkorchester und -chöre GmbH (ROC), der auch sein DSO angehört, ein neuer Intendanten gekürt werden soll. Ohne vorher mit Nagano ausreichend gesprochen zu haben, wurde den ROC-Gesellschaftern der Vertrag für den Kanidaten Thomas Albert zur Unterschrift zugeschickt - dabei steht in Naganos Vertrag, dass wichtige Personalentscheidungen nur "im Benehmen" mit ihm getroffen werden sollen. Und das ist im Falle Alberts seitens Nagano keineswegs vorauszusetzen. Im Gegenteil.

Matthias Sträßner, Hauptabteilungsleiter Kultur beim mächtigsten ROC-Gesellschafter DeutschlandRadio, spielt die Sache herunter: "Herr Nagano hat kein Vetorecht gegen die Berufung eines neuen Intendanten, aber wir werden natürlich das Einvernehmen mit ihm zu erreichen suchen. Wichtig ist aber, dass wir uns schnell entscheiden, am Besten noch vor Ende Mai." Straessner hat ein Interesse daran, die Bedenken zu relativieren. Schließlich ist er derjenige, der den Gründer des Bremer Musikfests, Thomas Albert, vorgeschlagen hat. Für ihn ist Albert der beste verfügbare Mann für den "vielleicht schwierigsten Intendantenposten Deutschlands." Der ROC-Chef muss nämlich nicht nur intern zwischen den fünf Ensembles der Holding - neben dem DSO das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, der RIAS Kammerchor, der Rundfunkchor und die RIAS Big Band - vermitteln, sondern sich auch noch vor vier verschiedenen Geldgebern rechtfertigen: Den 56-Millionen-Mark-Etat der ROC teilen sich der Bund (35 Prozent), Berlin (20 Prozent), DeutschlandRadio (40 Prozent) und SFB (fünf Prozent). Und weil die Gesellschafter ihre Zuschüsse für die nächsten Jahre auf dem aktuellen Niveau eingefroren haben, muss er auch ein Rechenkünstler sein.

Genau in diesem Punkt scheint es bei Thomas Albert zu hapern: Die Szene beschreibt ihn als Impresario-Typen, als "kreativen Kopf" und "gewitztes Schlitzohr", aber auch als einen Manager, der gern viel Wind macht und Riesenprojekte entwickelt, die sich dann doch nur auf Normalniveau realisieren lassen. Sein Ruf in der Szene sei "verheerend", heißt es - auch wenn er es dank seiner ausgeprägten rhetorischen Fähigkeiten bis jetzt fast immer geschafft habe, die Angreifer weichzureden.

Auch bei der Rundfunkorchester und -chöre GmbH hat Albert nicht nur Freunde: Offen sprich sich lediglich das DeutschlandRadio für ihn aus. SFB-Musikchef Wilhelm Matejka warnt dagegen vor der Berufung. Berlin hält sich bedeckt, der neue Kultursenator soll erst einmal Gelegenheit bekommen, sich in die Sache einzuarbeiten. Auch im Kulturstaatsministerium bekommt man keine klare Position zu hören: Die ROC-Nachfolge sei Sache des Naumann-Stellvertreters Knut Nevermann, wird dem Anrufer erklärt, und der sei einerseits noch im Urlaub, andererseits keineswegs entschieden, welcher der Parteien er zuneige.

Nevermann tut gut daran, nichts zu überstürzen. Denn von seinem Votum hängt alles ab: Für die Wahl Alberts ist eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Kuratorium erforderlich, gemeinsam mit dem DeutschlandRadio hält der Bund 75 Prozent der Stimmen. Gegen den Bund geht keine Entscheidung durch, da die drei übrigen Parteien zusammen nur auf 65 Prozent kommen. Aber gegen Berlin geht manches. Ob es Nevermann und Naumann aber gerade in der Frage der ROC-Intendanz auf einen Präzendenzfall für die künftige Zuammenarbeit von Bund und Berlin ankommen lassen werden, ist fraglich. Was passiert, wenn sich Naumann bereits jetzt bereit zeigt, seine Macht als "Großaktionär" gegen Hauptstadtinteressen auszuspielen? Welches Vertrauen könnte Berlin dann noch in die Ankündigung des Staatsministers haben, Berlin werde in den vom Bund übernommenen Institutionen ein Mitspracherecht haben? Auch wenn sich Kultursenator Christoph Stölzl derzeit vor Terminen kaum retten kann: Für den Fall ROC-Zukunft sollte er sich möglichst rasch viel Zeit nehmen. Bevor es zu spät ist.

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