Kultur : Die Russin oder wir

Im Kino: „Platzangst“, eine wahre Geschichte aus der rechten Szene

Silvia Hallensleben

Spielfilme, die auf wahren Begebenheiten beruhen, gelten als verdächtig. Meist sind diese Begebenheiten durch Dramaturgie und Stargesichter zur Unkenntlichkeit entstellt und dienen als Vorwand, unglaubwürdige Geschichten plausibel zu machen. Auch „Platzangst“ beruht auf einer wirklichen Geschichte – und sie klingt so konstruiert wie ein schlechtes Drehbuch. Es geht um einen Jungen am Rande der Skinhead-Szene in Brandenburg, der in eine Theatergruppe gerät und sich in Marina verliebt. Sie spricht fließend deutsch, ist aber in Russland geboren. Für die Clique Grund genug, den Jungen unter Druck zu setzen: die Russin oder wir.

Die Schauspielerin und Regisseurin Heike Schober war damals Leiterin jener Theatergruppe. Die Geschichte hat sie nicht losgelassen – auch nicht die Idee, sie zu einem Filmprojekt zu verarbeiten, inszeniert am Ort selbst. Mit dem Brandenburger Jugendkulturarbeit „Sonnensegel“ wurde ein Co-Produzent, mit René Zedern ein Co-Regisseur gefunden. Finanziert wurde das Low-Budget-Projekt von lokalen Sponsoren – die Mühlen der Filmförderung liefen der Regisseurin zu langsam. Ein 13-Jähriger ist ein Jahr später nicht mehr, was er war.

Alle Darsteller, bis auf die Regisseurin selbst und Detlev Buck (in einer Nebenrolle als Lehrer) kommen aus der Szene in Brandenburg und Umgebung. Heike Schober ist in der Stadt aufgewachsen; mit einiger Courage hat sie manche ihrer möglichen Protagonisten einfach in der Disco angesprochen. Natürlich gab es Feinde des Projekts, bei den Rechten wie bei den Linken, die meinten, dass man die Rechten nicht noch durch solche Aufmerksamkeiten unterstützen dürfe. Doch das Argument von der „wahren Geschichte“ hat immer wieder überzeugt.

Zwei Monate wurde geprobt – ein Luxus, der nur möglich war, weil auf Honorare verzichtet wurde. Das Ergebnis ist ein kleines Wunder an Präzision und Tiefenschärfe: ein Film der den Alltag der Jugendlichen trifft und noch dazu unterhält: lakonischer Wortwitz statt gestelzter Dialoge. Nur die Liebesszenen kommen merkwürdig aufgesetzt daher, Fremdkörper in einem sonst eher nüchternen Film. Die Jugendlichen hätten auf der kitschigen Überhöhung bestanden, berichtet Schober. Ein Respekt, den das jugendliche Publikum goutieren dürfte, zumal auch sonst auf Pädagogisierungen verzichtet wird. Jetzt tingelt die Regisseurin durch Brandenburger Schulen. Damit Zeit für Diskussionen bleibt, ist der Film nur eine Stunde lang. Im Kino läuft er deshalb mit Vorfilm.

fsk, Hackesche Höfe, Kant, Sojus

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