Kultur : Die russische Nachtigall

„Vierzig Rosen“ zum Sommerfest des LCB: Thomas Hürlimann schreibt Familiengeschichte

Nicole Henneberg

In der barocken „Bücherarche“ der Stiftsbibliothek Einsiedeln, wo Thomas Hürlimanns meisterliche Novelle „Fräulein Stark“ spielt, hängt im düsteren Raum der Hilfsbibliothekare ein Zettel mit der Aufschrift: „Und sollte dich der letzte Tag nicht als Sieger finden, findet er dich wenigstens als einen, der gekämpft hat.“ Dieser Satz von Augustinus könnte das Leitmotiv der Familie Katz sein, deren zähe Kämpfe aus der russischen Armut in die Schweiz geführt haben.

Es ist ein schöner Zufall, dass zum 25-jährigen Verlagsjubiläum des Zürcher Ammann Verlags mit dem Roman „Vierzig Rosen“ nach „Der große Kater“ und „Fräulein Stark“ nun der dritte Teil von Hürlimanns fiktionalisierter Familiengeschichte erscheint. Der 1950 in Zug geborene Erzähler und Dramatiker, der mit seinem Debüt „Die Tessinerin“ 1981 sofort Furore machte, war der erste Autor, den Egon Ammann unter Vertrag nahm. Bis heute ist er sein wichtigster deutschsprachiger Autor geblieben.

Schauplatz des neuen Romans ist das „Katzenhaus“, Villa und Atelier, das der Familiengründer, hier Seidenkatz genannt, bauen ließ. Als Couturier wurde er reich und berühmt und ließ den Familiennamen in riesigen Leuchtbuchstaben auf den Dachfirst setzen – eine Hybris, die seinen Sohn in den dreißiger Jahren zur Emigration zwang, als der Antisemitismus auch in der Schweiz Einzug hielt.

Seine klavierspielende Tochter Marie, Hauptfigur des neuen Buches, liebt dieses Haus, dessen blutrotes Wappen in der Tür den Morgenhimmel über Galizien darstellt – oder die Rosette in der Klosterkirche von Mariae Heimsuchung, Maries Kriegsversteck, in dem sie fast gestorben wäre. Marie ist eine echte Katz: zäh und verträumt, naiv und machtstrategisch begabt. Von ihrer Großmutter, einer „russischen Nachtigall“, hat sie den Hang zum „Soubretteln“ geerbt, damit überspielt sie alle Fragwürdigkeiten und inszeniert als perfekte Gastgeberin im Audrey-Hepburn-Look ihren Mann Max Meier als politisches Genie: Ohne ihr Raffinement wäre er nie Regierungschef geworden.Thomas Hürlimanns abenteuerliche Familiengeschichte, die mit einem verklausulierten Porträt seines Vaters, des späteren Bundesrates Hans Hürlimann, begann, kulminiert jetzt in einem heimlichen Porträt der Mutter als modernem Dornröschen: mit einer russischen Verlobung als Auftakt und einem furchtbaren Absturz zum Ende hin.

Der Pakt auf Leben und Tod, den Marie mit ihrem Max schließt, soll beide ganz nach oben führen, doch auf welchem Boden kann man sicher voranschreiten? Maries Bruder, der allwissende Kapitän der „Bücherarche“, spricht dem Menschen das Empfinden für die Gegenwart ab. Entweder stecke man in der Vergangenheit fest oder träume von der Zukunft. Marie dagegen wird als geborene First Lady mit Haltung und Stil die Zeit herausfordern, auch wenn man sich dafür das Gesicht zur Maske schminken muss. Als Rettung erfindet sie eine zweite Marie, die Musik und Romane liebt, über den Weltgeist nachgrübelt und ihre Toten hütet.

Thomas Hürlimann hat unter jeder seiner Figuren, die sich so energisch einen Weg durch die Welt bahnen, eine Falltür installiert. Marie erlebt diesen Sturz in der weißgekachelten Unterwelt des Grandhotels, dabei hat sie als Horrorvision ihrer selbst dessen Besitzerin vor Augen: „Mit rosaroten Dreiecken auf den verrunzelten Wangen, blitzend falschen Zähnen und violetten Wimpern sah sie aus wie eine Leiche in den Beerdigungs-Instituten Kaliforniens. Längst war sie auf dem Strom der Zeit zum Geisterschiff geworden, unsinkbar in alle Ewigkeit.“

Hürlimanns Figuren treiben ein bitterernstes Machtspiel, das nicht nur in der Gegenwart, sondern auch in der Vergangenheit ausgetragen wird: Die Toten sind immer mit dabei. Noch in den zärtlichsten Liebesstunden scheint es Marie, „als wäre Meier in seiner Rednerpose auf ihren Leib gekippt“. Doch die Liebesgeschichte, die „Vierzig Rosen“ erzählt, lässt sich nicht aufhalten: Max und Marie schlecken sich die Masken vom Gesicht, und darunter kommen die Katzen zum Vorschein, die liebenswürdigsten Raubtiere der Welt.

Thomas Hürlimann: Vierzig Rosen. Roman. Ammann Verlag, Zürich 2006. 336 S., 19,90 €. – Der Autor liest heute um 16.45 Uhr im Rahmen des vom Ammann Verlag ausgerichteten Sommerfests im Literarischen Colloquium Berlin. Genaue Programminformationen: www.lcb.de.

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