Kultur : Die Saat der deutschen Päderastie

TILMAN KRAUSE

Die monströseste deutsche Literaturpolemik dieses Jahrhunderts ist aus dem Nachlaß von Rudolf Borchardt aufgetaucht - ein Dokument lodernden Hasses, aber nicht ohne zeitdiagnostische KompetenzVON TILMAN KRAUSEMan spricht im Hinblick auf Auschwitz heute oft vom "Zivilisationsbruch".Das Wort - es stammt von dem Politologen Dan Diner - deutet die Einsicht an, daß die Katastrophe des Holocaust mit politischen Kategorien allein nicht erfaßt werden kann.Als der Ausdruck in den achtziger Jahren geprägt wurde, war das zweifellos ein Fortschritt.Endlich öffnete sich der Horizont historischer Verstehensversuche dem Außerpolitischen.Lebenswelten, Mentalitäten, Wertehaltungen, Kulturmuster gerieten in den Blick, die jene deutsche Gesellschaft von 1933 kennzeichneten, in der kurz darauf unfaßliche Verbrechen ins Werk gesetzt wurden.Gleichzeitig ergab sich aber auch, ohne daß sich die Protagonisten der neuen sozial-, psycho- und kulturhistorischen Verstehensversuche dessen immer bewußt gewesen sind, die Wiederanknüpfung an Erklärungsmuster, die in den dreißiger und vierziger Jahren formuliert worden waren. Den ersten Versuch einer Herleitung des Nationalsozialismus und seiner kriminellen Energie aus der geistig-mentalen Verfaßtheit der Deutschen unternahm kein anderer als der angeblich "unwissende Magier" Thomas Mann.Dolf Sternberger hat am Ende seines Lebens Manns Aufsatz "Bruder Hitler" von 1939 als das einzige überzeugende Unternehmen einfühlenden Verstehens in das verbrecherische Potential Adolf Hitlers und seiner "Weltanschauung" bezeichnet.Neun Jahre zuvor hatte Mann darüber hinaus, alarmiert durch den Wahlerfolg der NSDAP bei den Septemberwahlen von 1930, in seiner "Deutschen Ansprache" jene allgemeine, wie er sich ausdrückte, "Seelenlage" skizziert, die der braunen Bewegung so förderlich war.Aus ihr entwickelte er seinen "Appell an die Vernunft" - zweifellos der profundeste Versuch, den jemals ein Schriftsteller unternahm, um das deutsche Bürgertum für die Sozialdemokratie zu gewinnen. Thomas Mann sah das aufziehende Verhängnis begründet in der Diskreditierung "bürgerlicher Prinzipien" wie "Freiheit, Gerechtigkeit, Bildung, Optimismus".Er beobachtete unter den Zeitgenossen "einen irrationalistischen, den Lebensbegriff in den Mittelpunkt des Denkens stellenden Rückschlag".Ins Historisch-Ästhetische vertiefte er seine Diagnosen im Roman "Doktor Faustus" (1947), der dann die folgenschwere, bis heute nicht verstummte Debatte um das deutsche Sonderbewußtsein eröffnete.Unterstützt sehen konnte sich Mann durch die ebenfalls in ihrer Zeit höchst einflußreiche Darstellung der NS-Bewegung als "Revolution des Nihilismus", die Hermann Rauschning 1938 im Exil erscheinen ließ und der beispielsweise Ernst Jünger oder Golo Mann die Argumente zur Kritik am Nationalsozialismus entnahmen. Kennzeichnend für diese frühen Interpretationen der nationalsozialistischen Epoche als eines "Zivilisationsbruchs" war neben deren Rückführung auf Irrationalismus und Werteverfall das Bewußtsein, dieser Sphäre nicht ohne Faszination gegenüberzustehen oder doch gegenübergestanden zu haben."Ich habe es auch in mir, ich habe es alles am eigenen Leibe erfahren", bekannte Thomas Mann in seiner an analytischem Scharfsinn noch immer unübertroffenen New Yorker Rede "Deutschland und die Deutschen" von 1945. Zu diesen Dokumenten einfühlenden Verstehens und geistesgeschichtlicher Herleitung wird man von nun an ein weiteres stellen müssen, das allerdings über jedes Maß hinausgeht, die Verstehensmöglichkeiten durch das Sentiment weit in Bereiche des Ressentiments hineintreibt und in seinem obsessionellem Furor Chancen und Grenzen einer auf Affinitäten sich stützenden Analyse so grell beleuchtet wie kaum ein anderes. Es handelt sich, wie der Herausgeber zu recht feststellt, um die "monströseste deutsche Literaturpolemik dieses Jahrhunderts", um einen in seiner "Mischung aus politischen, poetischen und sexuellen Invektiven" oft so abstoßenden Text, daß einem Augen und Galle übergehen.Plausibel, daß der Autor ihn zu Lebzeiten nicht publiziert sehen wollte und daß nach seinem Tod mehr als ein halbes Jahrhundert verstrich, bis man den Schritt an die Öffentlichkeit wagte.Verfasser dieser Polemik ist der deutsche Dichter Rudolf Borchardt (1877-1945), sein Gegenstand der Kollege Stefan George (1868-1933).(Aufzeichnung Stefan George betreffend.Hrsg.von Ernst Osterkamp.Schriften der Rudolf Borchardt-Gesellschaft.Band 6/7.212 Seiten.36 DM.) Gegenstand? Kollege? George ist für Borchardt Widersacher, Antityp - und vor allem Konkurrent.Jene "geistige Diktatur", die sich um die Jahrhundertwende so viele deutsche Antimodernisten erhofften, jene Führerschaft, die Erlösung von den Atomisierungen und Anonymsierungen der Industriegesellschaft bringen sollte - Borchardt erstrebte sie genauso wie George.Nicht von ungefähr hat ihn Stefan Breuer in seiner großangelegten Untersuchung zum "Ästhetischen Fundamentalismus" als "Gegenkönig" bezeichnet.Nur: Borchardt war ein König ohne Land. Talent zur Kreis- oder gar Schulbildung besaß er nicht.Im Grunde - das zeigt sein Briefwechsel mit Hugo von Hofmannsthal - war er nicht einmal zur Freundschaft fähig.Neben seinem literarischen Talent verfügte er nur über eines: brennenden Ehrgeiz nach dem Definitionsmonopol, was deutsch sei und wie insbesondere die deutsche Dichtung beschaffen sei müsse sowie jenes ins Wahnwitzige sich blähende Größenselbst, das unter den mal mehr, mal weniger erfolgreichen ästhetisch-politischen Sektengründern zwischen 1900 und 1930 so häufig war, von denen dann doch nur einer, der brutalste, skrupelloseste und durchsetzungsstärkste das Rennen machte: Adolf Hitler. Daß Hitler und George aus demselben Humus stammten oder doch von ihm gespeist wurden, das sah der gleichgeartete Borchardt in seiner 1936 entstandenen "Aufzeichnung" durchaus, allerdings mit von Haß geschärftem Sinn.Ähnlich wie Thomas Mann entwickelt er in den besten Partien seiner Aufzeichnung eine Genealogie deutscher Schwarmgeister und Abenteurer, die von der Zerrüttung der Vernunft und den apokalyptischen Sehnsüchten der Zeit profitierten.Und in einer Sprache, in der die Lust an der Instrumentalisierung dieser Lage für eigene Zwecke ebenso anklingt wie eine Ahnung des Zusammenhangs von Demokratiefeindschaft, Antifeminismus des "soldatischen Mannes" und seiner latenten Hingabebereitschaft, den erst Jahrzehnte später Nicolaus Sombart oder Klaus Theweleit entwirrt haben, schreibt Borchardt in der "Aufzeichnung" (Interpunktion von TK): "Er (George) wußte, welche weibische Seite die übermännliche Anstrengung spannungsmäßig aus sich ausgefaltet hatte, und wie man seit Liszt und Wagner und Nietzsche Maske machen und Mysten scharen mußte, um diese weibische und nach Gewalt und Zauber lechzende Unmacht - die gleiche, die dann das Unglücksvolk der Welt (seit 1933, TK) zum Ekel machen sollte - sich zurechtzuwerfen." Gewußt wie - das war das Mindeste, was Borchardt dem Erfolgreicheren lassen mußte.Aber es war auch das Einzige.Und nun kommt der Trick, gleichzeitig aber auch Tick, die idée fixe, die, in die äußerste Absurdität emporgetrieben, dieser Abrechnung mit Stefan George zugrundeliegt: es ist der Gedanke, in Hitler, mit den Nazis gehe auf, "gipfele ab" und werde zugleich begraben, was George gesät: nämlich die Herrschaft der "deutschen Päderastie", die "allgemeine deutsche Homosexualität und Männerei", "die päderastische Variation von Liszt-Wagners Ausgangsstellung".George und seine "Mitverstümmelten" hätten Homosexualität nicht mehr, wie es sich gehöre, "tragisch", sondern, horribile dictu, "optimistisch taxiert", hätten "mit ihrem Pochen auf Gesellschaftsfähigkeit und öffentliche Diskussion" den Zersetzungskeim ins schon angefaulte Voksganze eingelassen, dasselbe endgültig deformierend und sterilisierend. Dies sind noch die harmloseren Wendungen einer homophoben Suada, die auf wahrlich schaurige Weise das Wörterbuch des Unmenschen bereichert und dabei eine Auslöschungsenergie dokumentiert, die einen gleich in mehrfacher Hinsicht in Abgründe blicken läßt: Nicht nur ist es ja, wie im Falle der homophoben Anwürfe Heines gegen Platen, ein Jude, der den anderen Außenseiter geißelt.Borchardt benutzt darüber hinaus Denkfiguren und Ausgrenzungsmechanismen derer, die bald auch ihm nach dem Leben trachten sollten, wobei Homophobie und Xenophobie aufs schönste zusammengehen, denn was in Borchardts Augen fast so schwer wiegt wie Georges Homosexualität ist seine "Artfremdheit", um es im Jargon der Zeit zu sagen - eine Formulierung Josef Nadlers aufgreifend, behauptet Borchardt von George, diesem "Franzosenenkel": "In dreitausend Jahren deutscher Geschichte" habe nie ein Deutscher ausgesehen wie er. Hier zeigen sich Aspekte der vielbeschworenen deutsch-jüdischen Symbiose, die einen frösteln machen und an das Wort des emigrierten jüdischen Historikers George Mosse denken lassen, der gesagt hat, ein großer Fehler der Nazis sei gewesen, daß sie Juden den Eintritt in NS-Organisationen verwehrten: sie hätten in Scharen davon Gebrauch gemacht.Daß Borchardt auch diese Dynamik, das Angezogensein mancher jüdischer Kreise durch das Deutsch-Herrische in der Aufzeichnung berührt, sei nicht verschwiegen.Sein Gespür für sozialpsychologische Pathologien blitzt immer wieder durch die Haßtiraden, wie ja auch seine zeitdiagnostische Kompetenz nicht geleugnet werden kann, die den Text bei aller Reserve zu einem aufschlußreichen Dokument macht.Auch ist er, last but not least, vielleicht der erste, der sich vorwagte, Licht ins Dunkel der verschwiegenen Abhängigkeiten von (sublimierter oder verdrängter) Homosexualität und geistiger Produktivität zu bringen.Nur eines überstieg offenbar vollständig sein Vorstellungsvermögen: daß Stefan George Menschen nicht nur zu ihrem Verderben verführte, sondern sie auch durch Zuwendung und Zärtlichkeit zu sich selbst hinführte.

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