Kultur : Die Sage vom Haschmichmädchen

Vor drei Jahren das Diplom, nun im Museum: Wie zwei Modedesignerinnen das Label C.Neeon gründeten und Kleider für die Ewigkeit entwerfen

Grit Thönnissen

Auf der Terrasse steht ein Campingtisch, gedeckt mit Kaffeekanne und Keksteller, auf den weißen Plastikstühlen liegen ausgeblichene Polster, auf der Wiese steht ein Plantschbecken. Alles ist sehr hübsch hier draußen in Lichtenberg. Den Tisch hat Clara Leskovar gedeckt, die Polster hat Frau Paschke mitgebracht, die Kekse essen Steffen Schuhmann und Axel Watzke und im Plastikpool schwimmen nach Schulschluss die Nachbarskinder. Und weil es so idyllisch ist, nennt Axel Watzke die Gegend, in der der Heikonaut steht, Bad Friedrichsfelde.

Der Heikonaut ist ein Kindergartenbau aus den sechziger Jahren, solide gemauert – keine Plattenbauweise, wie bei den Häusern drumherum. Jetzt arbeiten hier die Modedesignerinnen von C.Neeon, die eine, Doreen Schulz, hat die Polster gemacht, die andere, Clara Leskovar, den Tisch gedeckt. Das Grafik- und Kommunikationsdesignbüro Anschlaege.de, bestehend aus Axel Watzke, Christian Lagé und Steffen Schuhmann, ist hier ebenfalls untergebracht sowie noch ein paar mehr „wirtschaftliche Einheiten“, wie Steffen Schuhmann das nennt.

Anschlaege.de und C.Neeon haben zusammen eine Ausstellung über die Mode der Berliner Designerinnen im Kunstgewerbemuseum konzipiert und umgesetzt. Das heißt: Sie haben sich um die Ausstellungsarchitektur gekümmert, den Katalog und das Plakat entworfen, schließlich die Ausstellung aufgebaut. Was auf eine Art Zwischennutzung des Museums am Kulturforum hinausläuft. Anschlaege.de haben jede Menge praktische Erfahrung mit Zwischennutzung: 2002 arbeiteten und lebten die Absolventen der Kunsthochschule Weißensee zusammen mit 50 Künstlern aus der ganzen Welt für drei Monate in zwei leerstehenden elfgeschossigen Plattenbauten in Hellersdorf.

Auch wenn der Heikonaut, der in Anlehnung an das chinesische Wort für Raumfahrt („Teikonaut“) wie eine Fortsetzung des Hellersdorf-Projektes im kleineren Maßstab wirken mag – die neuen Mieter des Kindergartens wollen lange bleiben, das Gebäude irgendwann ganz übernehmen und hier ihr Geld verdienen. Frau Paschke, die mit den Kissen, lebt im Gegensatz zu den Künstlern schon ewig hier. Die Frührentnerin hat gelesen, dass im Heikonauten Mode gemacht wird. Das interessierte sie – schließlich ist Frau Paschke Industrienäherin. „Sie schlich immer ums Haus herum“, sagt Steffen Schuhmann. Inzwischen hat die 64-Jährige ein Gewerbe angemeldet und näht im Heikonauten Kleidung für C.Neeon, die dann größtenteils nach Japan verschifft wird.

Außer Frau Paschke gibt es noch Peter Gabler, der den Altersdurchschnitt im Heikonauten auf über 30 Jahre hebt. Der 59-Jährige ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Hauses mit ABM-Vertrag, laut Stellenausschreibung sollte er in der Lage sein, das Treppenhaus zu streichen – aber Buchhaltung kann er auch. Jetzt ist Herr Gabler im Kunstgewerbemuseum und hilft, die Ausstellung aufzubauen. Wahrscheinlich schafft C.Neeon damit einen Rekord: Nur drei Jahre nach dem Diplom werden ihre fünf Kollektionen in einem staatlichen Museum ausgestellt. Vorsichtshalber kündigen die Leute vom Kunstgewerbemuseum im Katalog „Die Zukunft im Museum“ an.

Wenn man Berliner Mode ausstellen will, muss man entweder richtig historisch werden oder Kollektionen ausstellen, die in Geschäften nur ein paar Kilometer weiter weg verkauft und getragen werden. Letzteres trifft auf C.Neeon zu, und doch funktionieren die Kleider, Jacken und Leggins völlig reibungslos als Ausstellungsstücke auf den pastellfarbenen Puppen. Ein großes Risiko ist das Kunstgewerbemuseum nicht eingegangen, C.Neeon auszustellen, nachdem es im April 2005 einen der wichtigsten Modepreise für Nachwuchsdesigner im südfranzösischen Hyères gewonnen hatte.

Mit C.Neeon hat sich die Museumsleitung um Frau Angela Schönberger zwei Designerinnen ausgesucht, die just alle Erwartungen erfüllen, die man an innovative Mode aus Deutschland haben kann. Der Stil des Labels passt zur internationalen Wiederentdeckung der Formensprache des Bauhauses: Die großflächigen Drucke, die oft mehrlagigen Stoffe, die kompliziert gelegten Schnitte. Dazu die elementaren Farben: Rot, Blau, Gelb und Grün, für den Kontrast kommen Schwarz und Weiß dazu.

Ihre erste Kollektion war 2003 die gemeinsame Abschlussarbeit an der Kunsthochschule Weißensee. Clara Leskovar hatte hier Textil- und Doreen Schulz Modedesign studiert. Ihre vierte Kollektion nannten die Designerinnen „Do you remember the first time?“ Als bräuchten sie bereits eine Gedächtnisstütze: Es ist ja aber auch wirklich viel passiert. Und dass das erste Mal wegweisend ist für alles, was danach kommt, kann man auch am Werk von C.Neeon sehen: Schon die bunten Entwürfe ihrer ersten Serie „Daydream Nation“ sind unverkennbar C.Neeon – so klar und deutlich an den großen Mustern, am Spiel mit Volumen zu erkennen, dass der Raum für die nächste Saison eng gesteckt schien. Aber die C.Neeon-Welt ist viel größer, als einige Skeptiker anfangs glaubten.

Waren Muster zunächst mit Siebdruck großflächig aufgetragen, und wirkten wie Signale an das Publikum: „Seht her, das ist unsere Idee von Mode“, kamen schon mit der Herbst/Winter-Kollektion 2005/06 „way too blue“ mehrfarbig gestrickte Muster hinzu, die den Stücken Dreidimensionalität und Subtilität verliehen. Seitdem wirken die Möglichkeiten, die sich ihnen mit neuen Druck- und Stricktechniken bieten, stets wie der nächste logische Schritt.

Die Schnitte sehen auch in der fünften Kollektion „Haschmichmädchen“ (für Herbst/Winter 2006/07) auf dem Bügel manchmal irritierend verdreht und kompliziert aus, aber am Körper sorgen sie an den richtigen Stellen für Volumen. Überhaupt können C.Neeon sehr virtuos Stoffmassen zu einem einfach funktionierenden Kleidungsstück verarbeiten. So gibt es einen Pullover, in den mehr als 20 Meter Kordel verarbeitet sind.

Sie treffen einen Nerv, weil sie sich nicht den vorherrschenden Modetrends aus Mailand oder Paris zuordnen lassen und sich deren Schnelllebigkeit bewusst entziehen. Auch das macht sie museumskompatibel. Und schließlich hat das Kunstgewerbemuseum nicht nur C. Neeon Einlass gewährt, sondern auch den Mitstreitern von Anschlaege.de, die 20 Quadratmeter große Fotoplots vom Heikonauten ins Ausstellungsfoyer gehängt haben. Da erblickt man eben jene Terrasse, auf der Clara Leskovar eine Woche vor Ausstellungseröffnung den Campingtisch deckte. Durch die Ausblicke ins Grüne verliert sich die Atmosphäre der Räumlichkeiten, die eher an eine Garage eines Einkaufzentrums erinnert. Obwohl Axel Watzke gern noch ein wenig radikaler gewesen wäre: Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten sie einfach eine Ausschilderung nach „Bad Friedrichsfelde“ ins Museum gehängt.

„In Sachen: C.Neeon“, Kunstgewerbemuseum, Kulturforum, Tiergarten, bis 17. September. Der Katalog kostet 12 Euro.

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