Kultur : Die saure Haut

Unter Strichjungen und Satanisten: Gregg Arakis Literaturverfilmung „Mysterious Skin“

Frank Noack

Wenn man die Funktion der Haut im Film untersucht – und es gibt eine stattliche Zahl von Haut-Filmen –, dann bereitet das nicht nur Vergnügen. Man stößt nicht nur auf „Die süße Haut“ von François Truffaut, oder auf appetitlich servierte nackte Haut. Haut für sich betrachtet, losgelöst von allen anderen Körperpartien, ist ein Thema für Horrorfilme. „Das Schweigen der Lämmer“ ist der Haut-Film schlechthin, dicht gefolgt von Peter Greenaways „Bettlektüre“ und Tom Tykwers „Parfüm“.

Unheimliche, schreckliche Vorfälle spielen auch in Gregg Arakis „Mysterious Skin“ eine wichtige Rolle, aber der Sinn des Titels wird nur in zwei kurzen Episoden angedeutet. Der 18-jährige Brian (Brady Corbet) entdeckt eine tote Kuh, die vermutlich von Satanisten aufgeschlitzt wurde, und steckt seinen Unterarm hinein. Was er dabei fühlt, weckt Erinnerungen an ein traumatisches Kindheitserlebnis, das ihn immer noch prägt. In einer Parallelhandlung gerät der Strichjunge Neil (Joseph Gordon-Levitt) an einen Kunden, der nur den Rücken massiert haben möchte. Das kostet ihn Überwindung, denn der Kunde ist im fortgeschrittenen Stadium HIV-infiziert und sein Rücken übersät mit roten Flecken.

Ansonsten ignoriert Gregg Araki die Hautsymbolik des 1995 erschienenen Romans von Scott Heim – was man ebenso hinnehmen kann wie den Verzicht auf die fünf verschiedenen Erzähler, die das Buch hat. Schwerer wiegt, dass Araki keinen Versuch unternimmt, den spielerischen Ton der Vorlage zu übernehmen. Heim behandelt sexuelle Gewalt gegen Kinder und deren Spätfolgen ohne Betroffenheitspathos. Sein „Mysterious Skin“ liest sich wie das Buch eines hochbegabten, emotional unreifen Jugendlichen – schockierend, gerade weil die Erlebnisse von Brian und Neil in einem flapsigen Ton geschildert werden.

Solchen Ton beherrschte auch Araki, als er zu Beginn der Neunziger der wilde, böse Bube des New Queer Cinema war. Jetzt will er, wohl aus Respekt vorm Thema, jedes zusätzliche Risiko vermeiden. Das Resultat wirkt sorgfältig inszeniert, aber uninspiriert. Warum macht Araki so wenig aus Brians UFO-Visionen, warum fehlt den Halloween-Szenen jede gespenstische Wirkung? Vor lauter Anständigkeit und Einfühlsamkeit hat er seine Kreativität erstickt. Es verwundert daher nicht, dass „Mysterious Skin“ erst zwei Jahre nach seiner Präsentation in Venedig ins Kino kommt.

In Berlin im Kino Central

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