Kultur : Die Schatten kehren zurück

Was die deutsch-italienischen Beziehungen belastet – und wie Europa sie heilen kann

Gian Enrico Rusconi

Ist das nur eine Farce, die sich da in den vergangenen Tagen auf der politischen Bühne der deutsch-italienischen Beziehungen abgespielt hat? Oder gibt es Anzeichen einer ernsten dramatischen Verstimmung? Handelt es sich um Fragen der guten diplomatischen Manieren und des politischen Dilettantismus auf der italienischen Seite oder um Überreaktionen und vorurteilsgetränkte Verdächtigungen der deutschen Seite? Man fragt sich, warum ausgerechnet jetzt der Graben voller gegenseitigen Stereotypen und Vorurteile, der seit Jahrzehnten glücklicherweise zugeschüttet schien, wieder aufbricht. Spielt etwa die Europapolitik dabei eine Rolle?

Ich bin überzeugt, dass Italiener und Deutsche sich viel weniger kennen, als sie glauben oder bekunden. Sie haben ihre gemeinsame konfliktreiche Geschichte durchaus widersprüchlich abgelagert und verdrängt. Es geht dabei vor allem um die Geschichte der vergangenen 150 Jahre, die entscheidend dazu beigetragen haben, wie sich die beiden Völker gegenseitig verstehen.

In der kollektiven Fantasie bilden sich jeweils einseitige Subkulturen voller schrecklicher Gemeinplätze heraus. Danach ist etwa das öffentliche und gesellschaftliche Leben in Italien äußerst lebhaft und anregend, doch zugleich chronisch instabil und gefährlich von kriminellen (mafiösen) Tendenzen durchsetzt. Während es in den Augen der Italiener in der deutschen Gesellschaft und der deutschen Mentalität immer autoritäre Züge mit nationalistischen, wenn nicht sogar rassistischen Auswüchsen gibt: Italiener sind unzuverlässig, und die Deutschen sind überheblich und anmaßend. Und wenn man das Maß verliert, dann werden alle Italiener Mafiosi und alle Deutschen Nazis (oder nachBerlusconi „KZ-Kapos“). Auf italienischer Seite ist nun umso schwerwiegender, dass sich daran auch Regierungsmitglieder beteiligt haben.

Hier müsste eine genaue historisch-politische Aufarbeitung einsetzen, denn es ist schließlich die Politik, die mit ihren Entscheidungen Tatsachen schafft, die gemeinsame Charakterzüge, Psychologien und Erinnerungen hervorbringen oder verfälschen.

In aller Kürze lade ich dazu ein, die deutsche und italienische Geschichte im europäischen Zusammenhang zu interpretieren - von den Zeiten Bismarcks (also der Phase der nationalen Vereinigungen) bis zum Bau der Europäischen Union. Diese Geschichte beginnt mit einem Spiel von Wettstreit und Konflikten, Allianzen und Verrat. Das ist der Zyklus von der italienisch-preußischen Allianz (1866) über den Dreibund (1882) und den Bruch der Allianzen im ersten Weltkrieg (1915). Der Zyklus setzt sich in der Übereinstimmung von Faschismus und Nationalsozialismus fort, führt zum Zweiten Weltkrieg, zum Sturz von Mussolini, dem fatalen 8. September 1943 (Waffenstillstand Italiens mit den Angloamerikanern, von Badoglio unterschrieben und von den Deutschen als „Verrat“ erlebt). Und endet schließlich in dem darauf folgenden brutalen zivilen und militärischen Zusammenstoß zwischen Deutschen und Italienern, der (Besetzung Italiens und der Resistenza bis 1945.

Warum muss man an diese „alten Geschichten“ erinnern? Weil gerade sie die tiefsten Eindrücke in den kollektiven Erinnerungen hinterlassen haben, ohne dass man je eine wirklich gründliche gemeinsame kritische und solidarische Aufarbeitung der Geschichte versucht hätte. Es gibt entscheidende Erfahrungen – der „italienische Verrat“ von 1915, aber vor allem der von 1943 –, die sich in den Tiefen der gesellschaftlichen Psyche festgesetzt haben und von späteren Einsichten unberührt geblieben sind. Ganz besonders fehlt hierbei die Aufarbeitung der sich überkreuzenden Ereignisse in den Jahren zwischen 1943 und 1949, zwischen der nationalen Katastrophe und dem demokratischen Neubeginn. Auf durchaus unterschiedliche Weise haben Deutsche und Italiener mit ihrer jeweiligen Geschichte abgerechnet und sich von totalitären Erfahrungen befreit. Aber beide haben sich bewusst für einen politischen Aufbau Europas entschieden, der durchaus als Lösung für die jeweiligen Probleme mit der politischen Herrschaft, dem wirtschaftlichen Aufschwung und der militärischen Sicherheit angesehen wurde. Es ist jedoch verblüffend, wie psychologisch labil diese europäischen Spuren einer deutsch-italienischen Geschichte sind. Denn Europa ist ja ein gemeinsamer Erfolg der beiden Länder, der mit Persönlichkeiten wie De Gasperi und Adenauer begann und sich bei allen politischen Wechselbädern mit anderen Politikern fortsetzte. Westbindung, atlantische Haltung und Europa waren die erfolgreichen Losungen, unter denen sich Deutschland und Italien wiederfanden. Aber in der gegenseitigen Wahrnehmung ist davon erstaunlich wenig geblieben – trotz aller europäischen Rhetorik. Europa scheint heute ein Behälter, der mit ganz anderen Gefühlen und Erfahrungen gefüllt wird. Möglich ist, dass die jüngsten Probleme in den deutsch-italienischen Beziehungen auch damit zusammenhängen, dass beide Länder gegenüber dem Projekt einer europäischen Verfassung relativ indifferent geblieben sind.

Die von Silvio Berlusconi gebildete Mitte- Rechts-Regierung schließt auch die Lega Nord ein, die ihre ethnozentrische, europafeindliche Haltung gar nicht erst versteckt. Aber grundsätzlich sehen sich alle rechtsgerichteten Regierungen dazu veranlasst, die legitimen „nationalen Interessen“ in Europa zu verteidigen, ohne dass sonderlich klar ist, welche das eigentlich sind. Auch ist nicht gesagt, dass eine Mitte-Links-Regierung eine andere und aktivere Rolle spielen würde, wenn sie jetzt an der Macht wäre. Wie hätte sie reagiert, als im Januar 2003 die gemeinsame deutsch-französische Erklärung zur Weiterentwicklung der Europäischen Union veröffentlicht wurde, welche die alte deutsch-französische Achse de facto wieder aufleben ließ?

Sicher hätte eine Mitte-Links-Regierung Italien in der Irak-Krise an die Seite Deutschlands und Frankreichs geführt, während Berlusconi sich auf die der USA schlug – trotz der öffentlichen Stimmung gegen den Krieg. Im Kern aber ist die gesamte italienische Politik allein mit sich selbst beschäftigt (oder mit den Problemen ihres Ministerpräsidenten). Auch die Europapolitik der Mitte-Links-Opposition, ihre Kritik am Verhalten der Regierung, die zu einer Abkühlung der deutsch-italienischen Beziehungen geführt hat, ist vor allem eine Antwort auf das, was als Fehler der Berlusconi-Regierung angesehen wird. Auch die Opposition verfolgt kein klares Europaprojekt, in dessen Rahmen sich etwa die deutsch-italienischen Beziehungen eingliedern könnten.

Jedoch befindet sich das Lager der linken Mitte in Italien in größerer Übereinstimmung mit dem, was in den deutschen Gesellschaftswissenschaften neuerdings als „Zivilmacht Europa“ bezeichnet wird. Also ein Zusammenschluss von Staaten auf der Grundlage geteilter Souveränität, die sich systematisch in eine gemeinsame Außenpolitik und multilaterale Zusammenarbeit einbringen. Dieses Ziel erfordert solide Institutionen, die in der Lage sind, gemeinsame Entscheidungen auch auf dem Gebiet der Sicherheit und der Verteidigung zu treffen. Die Vorstellung von einer „Zivilmacht“ bleibt heute noch mehr ein Ideal als ein direkt realisierbares Projekt. Für Italien genügte es, darauf zu achten, welche Entscheidungen zur Stärkung gesamteuropäischer Einrichtungen getroffen werden – innerhalb derer man auch die deutsch-italienischen Beziehungen erneuern kann. Die bedenkliche Alternative wäre, eigenständige „nationale“ Bewegungsräume in noch unsicheren Grenzen zu suchen.

Der Autor, einer der führenden Politologen Italiens, lehrt an der Universität Turin. Zuletzt veröffentlichte er Bücher über „Clausewitz, il prussiano“ („Der Preuße Clausewitz“) und „Germania Italia Europa“. Seinen Essay hat Henning Klüver übersetzt.

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