Kultur : Die Schattenseite des Zauberbergs

Gemiedene Einsichten: Eine Tagung in Berlin fragt nach dem Bild der Juden bei Thomas Mann

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Von Bodo Mrozek

Herr Naphta war ein kleiner, magerer Mann von „scharfer, ätzender Hässlichkeit“ mit einer „gebogenen Nase“. Die bucklige Frau Weichbrodt übertrieb die Vokale, so dass ein „a“ eher wie ein „o“ klang und hatte ebenfalls eine gebogene Nase. Ob im „Zauberberg“ oder den „Buddenbrooks“ - zum literarischen Personal von Thomas Mann gehörten deutlich antisemitische Klischees. In „Lotte in Weimar“ heißt es über ein Pogrom, die Juden ließen es über sich kommen, um hinterher die Entschädigung zu „genießen“.

War Thomas Mann ein Antisemit? Auf diese Frage spitzte sich die Tagung „Thomas Mann und die Juden“ zu. Die Deutsche Thomas Mann-Gesellschaft hatte zum Herbstkolloquium in die Berliner Landesvertretung Schleswig-Holsteins geladen, um sich „lange gemiedenen Einsichten zu nähern“. Tatsächlich waren die Vorträge nicht geeignet, das Bild des Humanisten zu untermauern, der von sich sagte, er sei „ein überzeugter und zweifelloser Philosemit“. Diese 1907 unter der Überschrift „Die Lösung der Judenfrage“ vorgetragene Behauptung Manns konterkariert sich nur wenige Zeilen später selbst. Ganz beiläufig ist plötzlich die Rede von der „zweifellos entarteten und im Ghetto verelendetesten Rasse“. Es bestünde keine Notwendigkeit, so fährt der Dichter gönnerhaft fort, „dass der Jude immer einen Fettbuckel, krumme Beine und rot, mauschelnde Hände behalte, ein leidvoll-unverschämtes Wesen zur Schau stelle und im ganzen einen fremdartig schmierigen Aspekt gewähre“.

Mit exakt diesen Attributen stattete Mann jedoch häufig sein literarisches Personal aus. Auch in seinen diskursiven Schriften zeigte er sich nicht immer als Philosemit. Schon als Jugendlicher schrieb Thomas, wenn auch nicht so häufig wie sein Bruder Heinrich Mann, für die Zeitschrift „Das Zwanzigste Jahrhundert“. Dem Soziologen und Anatom der „Konservativen Revolution“, Stefan Breuer, zufolge war dies entgegen bisherigen Einschätzungen etwa des Historikers Uwe Puschner ein dem radikal-antisemitischen Milieu zutiefst verhaftetes Hetzblatt. Heinrich Mann sorgte sich dort um 1895 um den Niedergang des deutschen Mittelstandes, befürchtete amerikanische Verhältnisse und verband seine Kritik mit nationalistisch-antisemitischen Invektiven. Thomas äußert sich zwar moderater, unterstützt aber den Bruder, auch wenn Breuer keinen ideologischen Antisemitismus findet - wohl aber hartnäckiges Klischeedenken.

Die leitmotivisch benutzten Klischees wurde Thomas Mann selbst nach der Emigration, der jüdisch inspirierten Joseph-Tetralogie und den antifaschistischen Rundfunkansprachen aus dem Exil nicht los. Der Germanist Ruprecht Wimmer attestierte noch dem Roman „Doktor Faustus“, der als Versuch einer Bilanz des Nationalsozialismus gilt, die merkwürdige Aussparung des Holocaust. Im gesellschaftlichen Leben war der Schriftsteller zwar längst offiziell Philosemit, so Wimmer, als Künstler aber blieb er unbewusst dem alten völkerpsychologischen Denken verhaftet.

Gleichzeitig verteidigte Tomas Mann die Juden und hatte mit Katia Pringsheim selbst eine Frau aus jüdischer Familie geheiratet. Diese merkwürdige Ambivalenz führt der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering auf die unterschwellige Homosexualität des Schriftstellers zurück. In Erzählungen und Aufsätzen, etwa dem Chamisso-Essay von 1910, zog Mann eine Verbindung zwischen Künstlertum, Mann-Weiblichkeit und Judentum. Als homosexueller Künstler sei er ähnlich wie die Juden ein Opfer von Stigmatisierung und Marginalisierung geworden, und fand sich selbst in der „diskurspragmatischen Schnittmenge“ des Typus „Künstlerjude“ wieder. Das Schwanken zwischen Rechtfertigung und Ablehnung rühre von eigenen Identitätsproblemen Manns, so Heinrich Detering.

Der seltsam berührende Höhepunkt der Tagung war eine Lesung einschlägiger Passagen aus dem Gesamtwerk. Die von den Schauspielern Gerd Warmeling und Sophie Rois (die in Heinrich Breloers Fernsehspiel Erika Mann spielte) vorgetragen Sätze mäanderten zwischen liberaler Vernunftargumentation und übelster Vorurteilsprosa. Da prasselte auf die Hörer nieder, was sich sonst über ein weit gespanntes Werk verteilt, so dass man am Ende dem Gehörten kaum applaudieren mochte. Was die Wissenschaft am Tage um der neutralen Analyse willen nicht richten wollte, richtete sich am Abend auf einmal selbst.

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