Kultur : Die Schau in der Berliner Nationalgalerie geht zu Ende

Bernhard Schulz

Der erste Teil, "Die Gewalt der Kunst", verändert die Sicht auf die künstlerische Avantgarde. Sie ist Vergangenheit geworden.Bernhard Schulz

Eben erst ist das Jahrhundert zu Ende gegangen, nun schließt morgen Nacht auch die "Jahrhundertausstellung" der Berliner Nationalgalerie ihre Pforten. Enttäuscht wurde man gewahr, dass der vermeintliche Zeitenwechsel nichts verändert hat. Hat wenigstens die Ausstellung etwas bewirkt, oder ergeht es ihr wie dem Millenniumsrausch?

Die Frage ist mehr als ein Wortspiel. Das dreigeteilte Ausstellungsvorhaben der Nationalgalerie, die unter dem vollständigen Titel "Das XX. Jahrhundert - Ein Jahrhundert Kunst in Deutschland" an den drei Schauplätzen des Alten Museums, der Neuen Nationalgalerie und des Hamburger Bahnhofs Revue passieren lässt, was hierzulande an Kunst geschaffen wurde oder von Einfluss war, schließt sich bewußt einem berühmten Vorgänger an. 1906 beleuchtete die Nationalgalerie tatsächlich unter der Überschrift "Jahrhundertausstellung" ein Jahrhundert deutscher Kunst - und stellte erstmals vor, was fortan als die bleibenden Kunstleistungen des 19. Jahrhunderts in Deutschland angesehen wurde.

Allen rhetorischen Einwendungen zum Trotz darf man unterstellen, dass Peter-Klaus Schuster, Generaldirektor der Staatlichen Museen Berlin und Chefkurator der Ausstellungstrilogie, den Vergleich mit dem Vorbild von 1906 nicht nur um des griffigen Titels willen gesucht hat. Zumindest der von Schuster selbst verantwortete erste Teil des jetzigen Projets, "Die Gewalt der Kunst" im Alten Museum, zielt auf eine Revision eines zumindest in der breiten Öffentlichkeit gängigen Geschichtsbildes. Wurde seinerzeit die Geringschätzung des 19. Jahrhunderts als Kunstepoche aufgebrochen, so wollte Schuster umgekehrt die naive Hochschätzung der - längst klassisch gewordenen - Moderne erschüttern durch ihre Einbindung in Geistesgeschichte des gesamten Säkulums.

Mit einem Mal kam so die NS-Kunst zu Museumsehren und wurde - mehr noch - in einen unauflöslichen Kontext mit den vorangehenden Phasen der Kunstentwicklung gestellt. Nicht nur geheime Verbindungen und Kontinuitäten wollte Schuster bloßlegen, wie es etwa auf dem Gebiet der Architektur vor Jahren schon geschehen ist. So suchte er, durch den Rückbezug auf leitmotivisch herauspräparierte Gedanken von Dürer bis Nietzsche, einen Ariadnefaden durch das deutsche Geistesleben des unheilgesättigten Jahrhunderts zu ziehen, der die bequeme Ausflucht, das ästhetische Ideal der Nazi-Zeit sei nichts als eine Verirrung gewesen und ohne innere Beziehungen zum Vorher und Nachher, versperrt.

Schusters Thesen haben herbe Kritik erfahren - angefangen mit dem philologischen Einwand, das Dürersche Wort von der "Gewalt der Kunst", das doch eine Genealogie deutsche Denkens herbeizitieren sollte, habe im Gebrauch des Nürnberger Meisters schlicht die Kraft künstlerischen Vermögens bedeutet, nicht aber die Gewalttätigkeit, die den Nachgeborenen des Dritten Reiches unvermeidlich in den Sinn kommt. Schwerer wiegt der Einwand, die Ausstellung überzeuge weniger durch die Kunstwerke selbst, als dass sie mit vorgefassten Thesen argumentiere. Nun sind die Kunst und ihre Interpretation immer verwoben. Die vermeintliche "Unschuld" der Moderne ist ein nachträgliches Konstrukt, das sich in solchem Blickwinkel in den "unschuldigen" Motiven frühmoderner Werke etwa des deutschen Expressionismus bestätigt findet. Andere, kritischere Lesarten fördern bisweilen weniger harmlose Konnotationen zu Tage.

Vor allem aber stößt das von Schuster in polemischer Absicht aufgegriffene Verdikt der NS-Ideologen, die Moderne sei "entartet" - nach 1945 flugs zum Gütesiegel umgedreht -, vielen Ausstellungsbesuchern als schiere Verleumdung auf. "Entartung", so der Museums-Chef, sei tatsächlich "eine Kategorie der Moderne": soll heißen, die NS-Kunstwarte hatten einen Sachverhalt durchaus erkannt - unbeschadet der Tatsache, dass sie ihn in diffamierender Absicht missdeutet und zu furchtbaren Folgen für die der Verfemung preisgegebenen Künstler und ihre Werke ausgemünzt haben.

"Entartung" als Gütesiegel ?

Schon wahr - doch ebenso wurde die Umwertung des Hässlichen, Verdorbenen und in jeder Hinsicht den überkommenen Normen Widersprechenden von der Avantgarde einst zum Ideal erhoben. Die Huren eines Grosz, die Kriegsversehrten eines Dix oder auch die violetten Gesichter eines Nolde als Kalenderschmuck zu verwenden, wie es seit den fünfziger Jahren gebräuchlich wurde, hat dem Stachel der Moderne seine Spitze unwiderruflich abgebrochen. Der Aufruhr der Avantgarde ist historisch geworden. Die jetzige Inszenierung im Alten Museum ruft dieses Störpotential zumindest in Erinnerung; freilich um den Preis der Historisierung auch des NS-Verdikts. Man mag dies, wie manche Kritiker es getan haben, als verwerflich zurückweisen. Allerdings besteht in der Relativierung, nämlich der Rekonstruktion eines einstigen Bedingungszusammenhanges, gerade die Aufgabe des Historikers.

Neben der polemischen Verwendung des Begriffs der "Entartung" legt die Ausstellung - sinnlich weit brisanter - die Kontinuität der Ästhetik der Moderne bloß. Auf das Arrangement der kühlen Bauhaus-Moderne, der Stahlrohrmöbel und der Darstellung des "neuen Menschen", folgt im Ausstellungsrundgang des Alten Museums, unterbrochen durch einen zur vorübergehenden Unterbringung nazarenischer Fresken dienenden Raum, unvermittelt die Inszenierung der faschistischen Ästhetisierung der Politik: Riefenstahl-Filme mit der Feier eines wiederum "neuen Menschen" und "KdF"-Wagen, denen gegenüber das Dreiflügelbild der "Vier Elemente" als gemalte Rückständigkeit ins Auge springt. Nun ist die Modernität der NS-Selbstdarstellung seit längerem schon als bedeutendes Charakteristikum des Regimes beschrieben worden; und zumal in Architektur und Industriedesign treten die Kontinuitäten sichtbar hervor. Die Metamorphose des "KdF"-Wagens zum "Volkswagen" und zum Symbol des westdeutschen Nachkriegs-"Wirtschaftswunders" spricht Bände. Aber in einer Ausstellung der Nationalgalerie musste eine solche Konfrontation von Moderne und "Drittem Reich" Widerspruch erregen. Die Provokation vermittelt keine neuen Erkenntnisse, aber sie vereitelt es, in Zukunft nochmals hinter ihren jetzt veranschaulichten Stand zurück zu fallen.

Die thesenhafte Zuspitzung der Ausstellung im Alten Museum wird von den beiden anderen Teilen nicht erreicht und wohl auch nicht gesucht. Die Präsentation im Hamburger Bahnhof beleuchtet das künstlerische Verfahren von Collage und Montage, nicht ein geistesgeschichtliches Geflecht. Dagegen hätte die Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie, gestützt auf das zum Motto erhobene Gegensatzpaar "Geist und Materie", die irrationalen Tendenzen der Moderne deutlicher herausarbeiten können. Die geschmackvolle, um nicht zu sagen kulinarische Präsentation bezieht die Position des anregenden Einerseits-Andererseits - und geht damit hinter Ausstellungen (und kunsthistorische Untersuchungen sowieso) zurück, die auf die irrationalen, ja anti-aufklärerischen Zweige der modernen Kunst aufmerksam gemacht haben.

Vergangene Einzigartigkeit

Es verwundert nicht, dass die beiden Ausstellungsteile im Hamburger Bahnhof und in der Neuen Nationalgalerie bei weitem nicht die kritische Aufmerksamkeit des ersten Abschnitts gefunden haben. Sie entbehren der Reibungsflächen, an denen Schuster im Alten Museum intellektuelle Funken entzündet. Wenn auch dieser Thesenausstellung der augenscheinliche Wirkungsgrad des Vorgängers von 1906 versagt bleiben wird - denn keine grundstürzend neue Sicht auf das abgelaufene 20. Jahrhundert steht an -, so darf man doch vorhersagen, dass die hergebrachte Perspektive auf die Einzigartigkeit und auch moralische Überlegenheit der Moderne nach dem Rundgang durch das Alte Museum feine Risse bekommt. Allmählich tritt vor Augen, dass die künstlerische Avantgarde des 20. Jahrhunderts Vergangenheit geworden ist. Als Impuls und gar Legitimation für die Gegenwart steht sie nicht länger uneingeschränkt zur Verfügung.

Zum Jahrhundertwechsel fand tatsächlich eine Jahrhundertausstellung statt.Altes Museum, Neue Nationalgalerie und Hamburger Bahnhof, nur noch heute und morgen (Sa / So, 8. / 9. Januar), 10 - 24 Uhr.

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