Die Schauspielerin Nina Hoss als Kuratorin : Jäger im Supermarkt

Der Berliner Künstler Christian Jankowski breitet sein faszinierendes Werk in der Galerie Contemporary Fine Arts aus.

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„Heavy Weight History“ von 2013
„Heavy Weight History“ von 2013Jankowski / CFA

Ist schon wieder Berlinale? Schauspieler jedenfalls tummeln sich bei Contemporary Fine Arts an diesem Abend einige, allen voran Nina Hoss in hohen Pumps zwischen roter Bauplane und rohem Holzgerüst. Ein Coup für die Galerie am Kupfergraben, die Hoss mit dem Berliner Künstler Christian Jankowski zusammengebracht und eben dessen „Retrospektive“ eröffnet hat – und ein großes Wort für eine Galerie, das sich für gewöhnlich Institutionen vorbehalten. CFA hatte allerdings immer schon Spaß an der Provokation, gerade wenn es um die eigene Branche geht. Also gibt Jankowski, Jahrgang 1968, den reifen Künstler, dessen Werk nun endlich im Überblick gesehen werden muss. Und Nina Hoss, deren Gesicht auf zahllosen Plakaten in der Stadt für die Ausstellung wirbt, übernimmt den Part der Kuratorin.

Jankowski gibt den reifen Künstler mit Anspruch auf eine "Retrospektive"

In flankierenden Interviews – natürlich wollen alle mit der Schauspielerin reden – ist sie entwaffnend ehrlich. Nein, den Künstler kannte sie vorher nicht. Bloß sein Video „Die Jagd“, das Jankowski Anfang der neunziger Jahre schlagartig bekannt machte. Mit Pfeil und Bogen pirscht er eine gute Minute lang durch einen Supermarkt, um wie ein Krieger seine Lebensmittel zu erlegen. An der Kasse dann muss er sie aber wie jeder brave Einkaufswagenschieber bezahlen. Diese Arbeit, die auf einem kleinen Bildschirm bei CFA zu sehen ist, war Nina Hoss im Gedächtnis.

„Ich wurde gefragt, ob ich das machen wolle und sei es auch nur, um das Spiel zu spielen, dass man sich fragt, wie kommt denn das jetzt zustande“, erzählt sie. Das Spiel, auch ein großes Thema des Künstlers, geht so: Die Galerie profitiert vom Image der Hoss, die Ausstellung vom Aufruhr um das Projekt. Das Plakat setzt drei Wochen vor der Berlinale auf den Glamour des Festivals. Und „Retrospektive“ bietet mit zehn Stunden Videomaterial etwas, das gut zur Berlinale passt. Film, das ist Jankowskis Metier. Auch wenn in der Galerie – die den Künstler bislang gar nicht vertreten hat und zur künftigen Kooperation noch keine klare Aussage macht – auch andere Arbeiten zu sehen sind. Eine monumentale Skulptur zum Beispiel oder jene unprätentiöse Küche, in der Jankowski zusammen mit Alfred Biolek im Neuen Berliner Kunstverein vor über einem Jahrzehnt Bohnensuppe kochte. Vor allem aber werden die Filme ausgebreitet. In ihnen eröffnet sich der feine Humor eines Künstlers, der Preisreden auf sich und drei andere Künstler schreiben ließ – und die Laudationes auf Video als seinen Beitrag zur Ausstellung gibt, in der er mit genau den Künstlern konkurrieren muss. Das war im Jahr 2000, die Freunde der Nationalgalerie hatten den ersten Preis für junge Kunst ausgerufen und ihn mit satten 50 000 Euro dotiert. Jankowski war nicht der Sieger im Hamburger Bahnhof, aber auch diese Arbeit bleibt haften, weil sie leichtfüßig den Kunstbetrieb ad absurdum führt. „Telemistica“, ein Beitrag zur Venedig- Biennale von 1999, funktionierte ähnlich. Für dieses Video rief Jankowski bei diversen italienischen TV-Wahrsagerinnen an und erkundigte sich nach den Chancen seiner Arbeit auf den Goldenen Biennale-Löwen. Selbstredend waren die positiven Vorhersagen der vom Bildschirm abgefilmten Damen die Arbeit.

Nina Hoss hat als Kuratorin 120 Filme von Jankowski angesehen

Jankowski kuratiert als Künstler gerade die 11. Manifesta, die diesen Sommer in Zürich stattfindet. Dass er seine eigene Kunst, nicht zuletzt aus Zeitdruck, in die Hände einer Schauspielerin gibt, kann man eigentlich nur als Volte begreifen. Als gezielten Angriff auf den fast zu Tode gerittenen Begriff des Kuratierens. Zumal Nina Hoss auch hier offen reagiert: „Die Galeristen haben am Anfang beschwichtigend zu mir gesagt, ich müsse ja auch gar nichts machen im Grunde.“

Eine Ausstellung als PR-Gag, so fühlt sich das an. Hoss aber hat es kompliziert gemacht, weil sie aus Prinzip jede neue Rolle ernst nimmt. Jankowskis 120 Filme kennt die Schauspielerin nach intensiven Sichtungen inzwischen besser als die Galeristen. Sein Werk war Gegenstand mehrerer Arbeitsgespräche, nach denen die Wahl auf spezifische Werke gefallen ist. Die „Schamkästen“ aus Jankowskis Zeit als Student an der Hamburger Akademie. Und „Heavy Weight History“ von 2013: Ein Projekt, für das der Künstler die polnische Nationalmannschaft der Schwergewichtsheber zusammenrief, um ihnen die Geschichte ihres Landes auf die Schultern zu legen: in Form von Denkmälern, wie sie überall im Land zu finden sind. Ein Sportreporter kommentierte den Versuch, die Monumente von ihren Sockeln zu holen. Am Ende musste das ganze Team einsehen, dass es sich verhoben hatte. Die meisten der Skulpturen waren selbst für die Profis zu schwer.

Ähnlich fällt nun die Bilanz der „Retrospektive“ aus, diesmal jedoch im umgekehrten Sinn. Man geht zu CFA im Bewusstsein, die Mechanismen durchschaut zu haben – und wird in der Ausstellung eines Besseren belehrt. Jankowskis Werk entfaltet ein in jeder Hinsicht anarchisches Potential. In der Galerie, im Kopf, selbst in den Absichten aller Beteiligten. Sein Rollentausch zettelt ein Spiel an, das seinen Spiegel in der Ausstellung hat. Und das längst nicht zu Ende ist.

„Retrospektive“, Contemporary Fine Arts, Am Kupfergraben 10; bis 5. 3., Di–Fr 10–18 Uhr, Sa 11–18 Uhr

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